Automobilelektronik 03.11.2000, 17:27 Uhr

Kommunikations-Zentrale fährt mit

Unternehmen wie IBM sehen die Nutzung intelligenter Endgeräte als größten Wachstumsmotor für die Autoindustrie. Eine außergewöhnliche Chance für engagierte Ingenieure.

Auf der Visitenkarte steht IBM AutoMobile Network Solution „Erich Nickel, AutoMobile Network Solutions, Director Worldwide Sales“. Nichts Besonderes für einen, der sich in 23 Jahren Konzernkarriere beim Global Player IBM bewährt hat und den man deshalb mit einer zukunftsorientierten Managementaufgabe betraut. Doch da gibt es ein Detail: Der 44-jährige Kartenbesitzer hat sich erlaubt, das „M“ in Automobile versal, also als Großbuchstabe zu schreiben. Palastrevolution? Mitnichten. Der gelernte Elektrotechniker mit Betriebswirtschafts-Diplom hat sich sehr genau überlegt, was er tut und warum er vom ansonsten strengen Corporate Design bei „Big Blue“ abweicht. Er handelt verkäuferisch und bringt den Produktnutzen auf den Punkt: „Ich schreibe das M groß“, erläutert Erich Nickel, „weil wir nicht nur das Auto als mobil ansehen, sondern auch alles, was der Kunde mit sich herumträgt und sich datenmäßig synchronisieren lässt: Mobiltelefon, Personal Digital Assistant oder Organizer.“
Autos, aber auch Handy, PDA und Organizer sind die Welt von Chefverkäufer Nickel. Er und seine Mannschaft zählen zum IBM-Bereich „Pervasive Computing“. Vor drei Monaten bestand dieser am stärksten wachsende Bereich des Global Players noch aus 500 Mitarbeitern, heute sind es 700 Ingenieure, Nachrichtentechniker und sonstige I+K-Spezialisten. Wie viele es noch werden, wagt Nickel nicht einzuschätzen. Die Umsatzerwartungen, die Nickel aus Wettbewerbsgründen nicht beziffert, zeigen die Richtung an. Er nennt sie „beeindruckend“. Kein Wunder, denn Nickels Verkaufserfolge hängen am wohl größten Wachstumsmotor der Zukunft: der mobilen Datenkommunikation. Die Meilensteine für die intelligenten Endgeräte im Kfz und bei deren Lenkern sind eng verknüpft mit den Fortschritten bei den UMTS-Lizenzvergaben und den Netzaufbauten. In der seit 1999 und noch bis 2001 laufenden Phase werden in der gesamten Industrie strategische Partnerschaften festgelegt. Jüngstes Beispiel auf dem Automobilsalon in Paris: die Allianz zwischen Peugeot/Citroen und Ford im Telematikbereich. Ab 2003 werden laut Nickel die ersten Fahrzeuge erweiterte personalisierte Dienste auf Java-basierten Systemplattformen anbieten. Neben Notruf oder auch Pannendienst können die Kunden dann eine Vielzahl von Services in Anspruch nehmen. Zum Beispiel Ferndiagnosecheck des Fahrzeuges, Reisereservierungen, Online-Shopping und Informationsabrufe, wie wir sie aus dem Internet kennen.
Nach 2003 ist für Erich Nickel „alles offen“, denn dann gibt es UMTS. „Schon im Jahr 2005“, davon ist der IBMer überzeugt, „erwarte ich den Eintritt in den Volumenmarkt.“ Damit meint er, dass auch die Mittelklasse-Pkw mit den intelligenten Endgeräten ausgestattet sein werden. Aber damit nicht genug. Da der „Sales Director Worldwide Sales“ AutoMobile Solutions mit großem M in der Mitte schreibt, also auch Endgeräte wie Handy, PDA und Organizer in sein Kalkül einbezieht, sieht er fast grenzenlose Wachstumssteigerungen. Das internationale Board von „Big Blue“ in Armonk scheint es ähnlich zu sehen. Die jährlichen F+E-Investitionen liegen bei über 100 Mio. Dollar. Die Datenkommunikation zum Auto, die der Kunde in Form von Sprache und Bildern abrufen kann, soll grenzenlos wachsen. Genauso umfangreich sollen die Daten in der Gegenrichtung fließen, beispielsweise, wenn Daten für eine Pannendiagnose aus der Fahrzeugelektronik ausgelesen werden.
Die einzige Begrenzung scheint im Personal zu liegen. Gesucht werden laut Nickel vor allem Ingenieure, die kombinierte Studien aus Elektrotechnik und Informatik anbieten können. Und zwar „mehr als wir kriegen können“. Doch zum Glück ist die Personalrekrutierung das Problem anderer. Nickel als „Director Worldwide Sales“ für AutoMobile Solutions kommt derzeit mit einem einzigen Mitarbeiter in Deutschland und sieben weiteren Leuten, die um den ganzen Globus verteilt sind, „sehr gut zurecht“: zwei Mann in Japan, drei Mann in den USA und jeweils ein Mitarbeiter in Deutschland, Holland und Frankreich. Mehr Manpower sei für die strategische Aufgabe – im Moment – nicht notwendig, sagt Nickel.
Doch eine so kleine internationale Crew zu führen, bedeutet besondere Herausforderungen: Wie stellt man eine gemeinsame Wissensbasis her, wie wird den unterschiedlichen kulturellen Mentalitäten Rechnung getragen, wann trifft man sich zu Telefonkonferenzen, und in welchen Fällen sind auch mal persönliche Treffen sinnvoll oder gar unverzichtbar? Erich Nickel betont zwar, dass „die physische Lokation immer unwichtiger wird“ und „wir heute weltweit über elektronische Kommunikationsmedien zusammenarbeiten“. Doch sein Koffer ist trotzdem immer im Einsatz.
Zwischen 70 und 100 IBMer arbeiten durchschnittlich im Auftrag von Nickels Sales-Bereich bei Kundenprojekten von „AutoMobile Network Solutions“. Nickel: „Für die Implementierung im Auto hat IBM Java-basierte Systemplattformen entwickelt, die bringen wir konzeptionell bei den Neuentwicklungen der Automobilhersteller ein.“ Wichtig ist Nickel der Hinweis, dass sich sein Bereich nicht als Zulieferer versteht. Er arbeitet in der Produktgestaltung eng mit den etablierten, globalen Elektronikzulieferern zusammen, die dann die Produktion und Auslieferung an die Automobilhersteller übernehmen. Die Produktion von Prototypen wird an lokale Elektronikfirmen outgesourct. Sein Bereich verstehe sich als Service- und Technologielieferant.
Nickel: „Wir bieten Engineering und Consulting, helfen den Kunden beim Business-Design. Beim Service-Portfolio und in Pilotprojekten entwickeln wir mit den Herstellern sogar die Hard- und Software für die Integration ins Fahrzeug. Ebenso wichtig wie die Fahrzeugseite ist die gesamte IT-Infrastruktur, die für das Bereitstellen der Dienste und Informationen erforderlich ist.“ Für Mobile Services sei auf der Server-Seite ganz besondere Systemfunktionen zu implementieren, um dem Benutzer auf der einen Seite sichere Datenkommunikation, aber auf der anderen Seite auch einfache und komfortable Bedienung zu bieten: etwa Verschlüsselung vertraulicher Informationen, Personalisierung von Diensten, Sprachsteuerung, Abrechnung von Gebühren, Datenaufbereitung für unterschiedliche Endgeräte, Verbinden von unterschiedlichen Service-Anbietern und Informationsquellen. Hier sei IBM „zu Hause“ und habe speziell zum Aufbau der mobilen Service-Infrastruktur in diesem Monat ein integriertes Produkt auf den Markt gebracht: „WebSphere Everyplace Suite.“
Erich Nickel redet voller Begeisterung über seine Aufgabe. Kein Wunder bei den Perspektiven von UMTS, deren Ausmaße auch heute noch niemand verlässlich einschätzen kann. Kein Wunder auch bei einem Geschäftsfeld, das, wie kaum ein anderes, kundenorientiert ist. Der Vertriebsprofi gerät regelrecht ins Schwärmen: „Hier wird die Entwicklung nicht von den Experten vorangetrieben, sondern von den Kunden.“ REGINA-C. HENKEL

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