Optoelektronik 03.06.2005, 18:38 Uhr

Kanadas „Silicon Ontario“ setzt auf die Zukunftstechnologie Photonik  

mit einer Pilotfertigung für Opto-Chips.

Unser Vertrauen in die Zukunft der Photonik ist groß“, sagte Pierre Coulombe, Präsident des kanadischen National Research Council (NRC) vergangenen Dienstag anlässlich der Eröffnung des „Canadian Photonic Fabrication Centre“ (CPFC), einer Gemeinschaftseinrichtung des NRC und der Carleton-University Ottawa. „Wir sehen Marktchancen von mehreren Milliarden Dollar,“ unterstrich Coulombe die Bedeutung der Fertigungseinrichtung, die Universitäten, Forschungseinrichtungen und Industrie helfen soll, modernste photonische Schaltkreise von der Entwicklung in die Serienfertigung zu überführen.

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Als einzige Einrichtung ihrer Art in Kanada soll das CPFC das Innovationspotenzial in der Region um die kanadische Hauptstadt Ottawa und damit auch der gesamten Provinz Ontario in diesem wichtigen Feld der Mikro- und Nanoelektronik stärken – einer Region, die zunehmend selbstbewusst als Schwerpunkt der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) auf dem nordamerikanischen Kontinent auftritt.

Ontarios ICT-Cluster mit gut 300 000 direkt Beschäftigten umfasst drei Schwerpunkte: die Region um die Provinzhauptstadt Toronto mit der drittgrößten Konzentration an IT-Unternehmen auf dem nordamerikanischen Kontinent (nach San Francisco und New York), die Region um die Stadt Waterloo und die Region um Ottawa. Zum Vergleich: Laut Brian Harvey vom kanadischen Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Handel (MEDT) erwirtschaftete alleine die Provinz Ontario im Jahr 2003 ein Bruttoinlandsprodukt von 352,7 Mrd. $ (42 % des gesamten kanadischen BIP) und liegt damit knapp vor Staaten wie Belgien oder Schweden. Das durchschnittliche Wachstum des BIP wird laut OECD für 2005 mit rund 3,3 % prognostiziert und liegt damit nur knapp hinter dem der die G7 anführenden USA. Dafür, so Harvey, habe man in Kanada einen ausgeglichen Staatshaushalt.

Ottawa selbst hat keine industrielle Tradition. Die Stadt lebte lange von der Holzverarbeitung und wurde erst durch ein salomonisches Urteil von Queen Victoria zur Hauptstadt von Kanada: Auf halber Strecke zwischen dem englischsprachigen Toronto und der französischsprachigen Metropole Quebec gelegen, schien es seinerzeit die geschickteste Wahl. Die Stadt liegt unmittelbar an der Grenze zur Provinz Quebec.

Es sind durchaus wohlklingende Namen, die schon lange den technologischen Rang der High-Tech-Region Ontario dokumentieren. Derzeit sicher populärstes Beispiel: Research in Motion, kurz RIM. Besser bekannt durch die Blackberry-Handhelds, jene allgegenwärtigen mobilen E-Mail-Terminals, die aus dem Leben mobiler Manager kaum noch wegzudenken sind. Oder der Telekom-Ausrüster Mitel, dessen Gründer Michael Cowpland und Terry Matthews noch immer Ikonen der kanadischen Industrie sind. Cowpland z. B. gründete später das Softwareunternehmen Corel, dessen Grafikprogramme lange Zeit Maßstäbe in der PC-Welt setzten. Oder der Chiphersteller ATI, dessen Grafikchips zu den derzeit leistungsfähigsten im PC-Markt gehören. Last but not least muss auch der Telekomgigant Nortel erwähnt werden, der in der IT-Krise um die Jahrtausendwende zwar ins Schlingern geriet und zahlreiche Ingenieure entlassen musste, doch viele davon gründeten in der Region Start-ups, die in den verschiedensten Bereichen erfolgreich sind.

Das kanadische Wirtschaftsministerium lockt Unternehmen nicht mit staatlichen Zuschüssen, vielmehr hat man, so Brian Harvey, „eines der großzügigsten steuerlichen Abschreibungsmodelle für Forschungs- und Entwicklungskosten der westlichen Welt.“ Kein Wunder, dass z. B. IBM, nur wenige 100 km von seinem New Yorker Stammsitz entfernt, in Ontario 1500 Softwareentwickler beschäftigt.

Und natürlich wirft Harvey die im Vergleich zu anderen Industrienationen günstige Kostenstruktur in die Waagschale: So besitzen mehr als 50 % der arbeitsfähigen Bevölkerung einen Universitäts- oder vergleichbaren Abschluss. Laut Harvey habe Ontario in der Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen den höchsten Anteil an Akademikern aller OECD-Staaten. Und das bei jährlichen Lohnkosten, die z. B. für Elektroingenieure rund ein Drittel unter denen in den High-Tech-Regionen der USA liegen. Und auch die Bürokratie sei durchaus flexibel: Das Genehmigungsverfahren für ein neues Unternehmen sei in 36 Stunden zu schaffen.

Blair Patacairk vom Ottawa Center for Research and Innovation, kurz OCRI ergänzt: „Für ein durchschnittliches Wohnhaus, das im Silicon Valley rund 1 Mio. $ kostet, muss man in Ottawa nur rund 140 000 $ auf den Tisch legen.“

Ein wenig – so ist zumindest unter der Hand zu hören – profitiert Kanada auch von der derzeit rigiden US-amerikanischen Einreisepolitik. Man fühlt sich in diesem Land, dessen Staatsoberhaupt ja nach wie vor die Königin von England ist, quasi auf der Trennlinie zwischen Europa und Amerika. Die Beziehungen zum großen Nachbarn im Süden sind gut und so wirbt Ontario auch damit, für europäische Firmen der Eintrittspunkt in den US-Markt sein zu können.

Mit dem Photonik-Fabrikations-Center, das immerhin mit 43 Mio. $ von der Regierung in Ottawa gefördert wurde, ist nun ein weiterer attraktiver Kristallisationspunkt für Zukunftstechnologien geschaffen worden. Sylvain Charbonneau, Direktor für angewandte Technologien am Institut für Mikrostrukturtechniken des NRC, zu dem auch das CPFC gehört: „Mit dem CPFC soll die Lücke zwischen Grundlagenforschung, industrieller Produktentwicklung und Prototypenfertigung geschlossen werden.“ Seit März ist das Zentrum funktionsfähig und erste Projekte – darunter eines mit einem deutschen Partner – laufen. jdb

ICT-Cluster Ontario

– Um Ottawa beschäftigen 1700 Unternehmen derzeit rund 70 000 Menschen

– In der Region um Toronto sind gut 150 000 Menschen in 3846 ICT-Unternehmen angestellt

– Die Region um Waterloo beheimatet 400 Unternehmen – das bekannteste ist Blackberry-Erfinder RIM

Ein Beitrag von:

  • Jens D. Billerbeck

    Jens D. Billerbeck

    Leiter Content Management im VDI Verlag. Studierte Elektrotechnik in Duisburg und arbeitet seit seiner Schulzeit jounalistisch. Nach Volontariat und Studienabschluss Redakteur der VDI nachrichten u. a. für Mikroelektronik, Hard- und Software, digitale Medien und mehr.

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