Automobilelektronik 22.09.2000, 17:26 Uhr

Individueller Fahrstil verleiht der Elektronik ihren Charakter

Schon bald wird die Elektronik im Auto den Fahrstil des Lenkers oder der Lenkerin erkennen, ihn speichern und so umsetzen, dass der Pkw optimal wirtschaftlich und sicher bewegt werden kann. Die Technologie hierfür ist serienreif, wie ein Kongress verdeutlichte.

Das Auto, das den Fahrer bzw. die Fahrerin selbständig als sportlich und spontan oder gemächlich und gemütlich erkennt und das jeweilige Fahrverhalten unterstützt, ist keine Vision mehr. Die Grazer Motorenentwicklungsgesellschaft AVL List präsentierte anlässlich ihres diesjährigen Kongresses „Motor und Umwelt“ (7. und 8. September) auf einer Testfahrt den VDI nachrichten ihr neues „Drive-Adapt“-System. Damit werden erstmals subjektive Gefühle eines Fahrers objektiv erfassbar und messbar gemacht. Autofahrer gestalten quasi damit künftig den „Charakter“ ihres Fahrzeugs über Gaspedal, Drehzahl und Geschwindigkeit selbst die spezielle Drive-Adapt-Elektronik des Autos stellt sich in der Bandbreite von „komfortabel“ bis „sportlich“ automatisch auf die Fahrgewohnheiten und das aktuelle Befinden des Lenkers bzw. der Lenkerin ein.
Mit der Entwicklung wolle man die sprunghaft gestiegenen anspruchsvollen und komplexen Kundenwünsche erfüllen, erklärte Peter Schöggl von der AVL. -Einheitliche Aggregate und Komponenten würden vielfach in unterschiedlichen -Modellen und Fahrzeugklassen sowie bei verschiedenen Herstellern verwendet. Der Spielraum für markenspezifische Merk-male und Differenzierungen würde hierdurch stark eingeschränkt. Neue, inno-vative Ideen seien gefragt, um den Gegensatz zu überwinden und die Produkte zu -attraktiven -Preisen verkaufen zu können“, resümierte er.
Voraussetzung für die On-Board-Regelung ist die Bewertung des Fahrstils in Echtzeit. Zur objektiven Fahrbarkeits- und Charakterbewertung mit dem Drive-Adapt-System der AVL werden physikalische Größen mittels Sensoren oder an fahrzeugtechnischen Schnittstellen elektronisch erfasst und mit Fuzzy Logic ausgewertet. Jeder Fahrzustand sei durch etwa 300 charakteristische Kriterien zu definieren, erklärte Schöggl, die wiederum von rund 950 physikalischen Parametern mit Hilfe neuronaler Netze, Matrizen oder konventionellen Formeln berechnet werden.
Bei Drive-Adapt werden aus sieben Eingangsgrößen – Stellung des Gaspedals, Position des Kupplungspedals, Motordrehzahl, Pkw-Geschwindigkeit, eingelegter Gang, Längs- und Querbeschleunigung – mehr als 50 charakteristische Werte berechnet, beispielsweise die Drehzahl vor dem Auskuppeln. Diese ist zusammen mit der Schaltdauer die Basis für die Ermittlung der „Rückschaltsportlichkeit“. Aus der Gesamtmenge der Informationen „lernt“ das System, den Lenker nach bestimmten Kriterien zu beurteilen und reagiert entsprechend. Dem „Sport“-Fahrer steht etwa bei einem um 20 % gedrückten Fahrpedal ein höheres Drehmoment zur Verfügung, als dem „Komfort“- Fahrer im gleichen Fahrzeug, bei dem die Drehmomentkurve deutlich flacher ansteigt. Daraus resultiert ein verändertes Fahrgefühl.
Der Fahrstil wird kontinuierlich bewertet. Wechselt der Lenker den Fahrstil, passt sich das System durch Änderung des „Pedalkennfeldes“ automatisch und sukzessive an. Sprunghafte Veränderungen werden vermieden, weil sie den Fahrer irritieren könnten. Diese automatisch und sukzessive Anpassung wirkt sich auf Anfahren, Lastwechsel, Beschleunigung, Konstantfahrt sowie Schalten und Leerlauf aus.
„Die Kompromisse bei Serienfahrzeugen, einerseits ein weiches Anfahren und anderseits ein akzeptables Ansprechverhalten zu bieten, können somit elegant umgangen werden“, erklärte Schöggl. Zudem ließen sich Ruckel- und Dröhnphänomene vermeiden, die bei der Serienabstimmung oft in bestimmten Drehzahlbereichen auftreten. Testreihen hätten ergeben, dass die Fahrer durch „Drive Adapt“ einen um 25 % bis 30 % höheren Fahrspaß empfinden. AVL-Chef Helmut List sieht in der neuen Entwicklung große Marketingchancen für die Autohersteller. Diese könnten zu geringen Kosten ihre Fahrzeuge individualisieren und damit einen Weg aus dem Dilemma finden, dass die Kundenansprüche kom-plexer und die Spielräume für markenspezifische Differenzierungen kleiner werden.
„Drive-Adapt ist serienreif“, erklärte List, „und steht vor allem für den Einbau in Pkw der gehobenen Mittelklasse bereit.“ Es könnte in etwa zwei Jahren verfügbar sein, da es noch die Entwicklungsabteilungen der Autohersteller durchlaufen müsse, die bereits Interesse bezeugten. Marken wollte List indes nicht nennen. Die Kosten des Systems bezeichnet er als „gering“. PETER KUDLICZA/WOP

Von Peter Kudlicza/Wolfgang Pester
Von Peter Kudlicza/Wolfgang Pester

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