Unterhaltungselektronik 18.04.2003, 18:24 Uhr

Grundig hofft auf den Erhalt vieler Arbeitsplätze

Nach der Insolvenz des fränkischen Traditionsunternehmens Grundig sollen jetzt wieder Investoren für den Anbieter von Unterhaltungselektronik gesucht werden.

Schließlich kam es, wie es kommen musste: Nach gut 20 Jahren zähem Abstiegskampf hat Grundig am Montag dieser Woche Insolvenz beim Amtsgericht in Nürnberg beantragt. Zwar gelang es dem Unternehmen 2002 mit einem Verlust von 75 Mio. ® (Umsatz 1,3 Mrd. ‰) den Verlust des Jahres 2001 zu halbieren, doch eine Perspektive bot diese Entwicklung nicht.
„Retten, was zu retten ist“ will Siegfried Beck nun. Er wurde vom Gericht zum Insolvenzverwalter ernannt und soll bis zum 19. Mai einen Bericht über die Schulden des Konzerns vorlegen.
Danach wird entschieden, ob die vom Unternehmen angestrebte „Insolvenz in Eigenverwaltung“ möglich ist. Darauf hatte man bei Grundig gesetzt und vergangene Woche mit Eberhard Braun einen eigenen Insolvenzverwalter zum Vorstand bestellt. Braun hat bereits Insolvenzen wie die von Flow Tex und Fairchild Dornier abgewickelt.
Einfach wird er es nicht haben. Zum einen muss er sich mit Siegfried Beck arrangieren, zum anderen potenzielle Investoren für Unternehmensteile suchen. „Ich kenne niemanden, der als Interessent für das Ganze angetreten ist“, so Braun.
Dass bei Grundig nicht alle der zuletzt noch 3500 Arbeitsplätze weltweit erhalten bleiben, ist absehbar. Diese sind ohnehin nur ein kläglicher Rest der 38 000, die Grundig Anfang der 80er Jahre hatte.
Vor allem das Werk Wien mit etwa 1000 Mitarbeitern scheint gefährdet und das Haupthindernis für potenzielle Investoren. In Wien werden die Fernsehgroßgeräte hergestellt, das Werk ist schlecht ausgelastet. Der Insolvenzantrag gilt zwar nur für die Grundig AG mit 1351 von jetzt 1815 Mitarbeitern in Deutschland. Doch sei es möglich, dass die Wiener Geschäftsführung auch für ihr Werk einen Insolvenzantrag stelle, so Braun. Danbach kann dann auch für die Wiener Tochter nach neuen Investoren gesucht werden.
Nicht betroffen sind bisher die Tochter in Bayreuth, die Bürokommunikationsgeräte produziert, und die im portugiesischen Braga, in der Autoradios hergestellt werden.
Der Geschäftsbetrieb bei Grundig wird zunächst aufrechterhalten. Die Banken – Deutsche und Dresdner Bank, Bayerische Landesbank und die Landesanstalt für Aufbaufinanzierung – die zuvor offenbar angesichts fehlender Perspektiven die Kredite nicht verlängert hatten, würden die Geschäfte für „die nächsten Monate weiter finanzieren“, sagte Braun.
Damit hat der Konzern die Luft, wieder Gespräche mit interessierten Investoren führen. Einer davon ist jetzt wohl auch wieder die türkische Beko-Gruppe. Der Fernsehgeräte-Hersteller hatte am vergangenen Montag die Verhandlungen über einen Einstieg bei Grundig überraschend abgebrochen, nachdem er noch vier Wochen zuvor für den taiwanesischen Sampo-Konzern eingesprungen war.
Wenn die Beko-Gruppe jetzt wieder einsteigt, dann deshalb, weil Insolvenzverfahren die Chance bieten, das operative Geschäft von Grundig ohne Belastungen, wie eben Pensionsanwartschaften, Leasingverpflichtungen für das Inventar oder andere Zahlungen, weiterzuführen. Immerhin werden allein die Pensionsverpflichtungen der Nürnberger auf 200 Mio. ® beziffert.
Die Türken sollen aber sowohl an der Marke Grundig interessiert sein, als auch am weit verzweigten Vertriebsnetz in Europa mit seinen 29 000 Fachhändlern und an der Entwicklungsabteilung in Nürnberg, in der 1000 Beschäftigte arbeiten.
Nun werden verschiedene Szenarien durchgespielt, wie es bei Grundig weitergehen könnte. Sollte Beko einsteigen, wären das gute Nachrichten für die Arbeitnehmer. Als überlebensfähig gelten neben der Autoradiosparte in Portugal und der Bayreuther Tochter auch noch die Nürnberger Fertigung für Satellitenkopfstationen mit 120 Beschäftigten.
Denn überlebensfähig sind nur die innovativen Teile des Unternehmens. „Die Innovationskraft in der Branche ist hoch, die großen Konzerne drücken die Preise“, so Oana Floares, Branchenexpertin des Helaba Trusts. Da können nur Unternehmen mit großer Finanzkraft mithalten. Grundig aber hat in den vergangenen Jahren in puncto Innovationen immer hinterhergehinkt. Und die notwendige Finanzkraft hat das einstige Vorzeigeunternehmen der Wirtschaftswunderzeit schon lange nicht mehr. BRIGITTE SCHOLTES/moc

Grundig
Das Unternehmen
Grundig stellte nicht nur Fernseher her, sondern auch DVD-Player, Video-Rekorder, Digitalkameras, Hi-Fi-Anlagen, tragbare CD-Player, DECT-Telefone, Diktiergeräte, Autoradios u. a. m.
Geschichte: 1930 eröffnet der 22-jährige Max Grundig ein Radiogeschäft in Fürth. 1946 entwickelt Grundig einen Radio-Baukasten: Der Heinzelmann ist geboren. 1949 läuft das 150 000. Radiogerät vom Band, 1951 der erste Fernsehempfänger. 1957 erwirbt Grundig die Mehrheit an den Büromaschinenherstellern Triumph und Adler. In Bayreuth entsteht das größte Tonbandgerätewerk der Welt. 1967 kommt der erste Farbfernseher auf den Markt. 1968 verkauft Grundig Triumph und Adler an den US-Konzern Litton. 1980 rutscht Grundig mit 38 000 Mitarbeitern in die roten Zahlen, 1984 übernimmt der niederländische Philips-Konzern die unternehmerische Führung. 1989 stirbt Max Grundig. 1997 zieht Philips sich nach Milliardenverlusten von Grundig zurück, 2000 wird Anton Kathrein neuer Aufsichtsratsvorsitzender und Mehrheitseigner der Grundig AG. Bilanz des Geschäftsjahrs 2001: Umsatz: 1,28 Mrd DM, 150 Mio. DM Verlust.
2002 will Grundig die nach Wien ausgelagerte Fernsehproduktion verkaufen – ohne Erfolg. swe

Von Stephan W. Eder

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