Automobilelektronik 12.11.1999, 17:23 Uhr

Distronic erspart den Stepptanz zwischen Gas- und Bremspedal

In der S-Klasse offeriert Mercedes die Distronic, einen Tempomaten mit radargestützter Abstandsregelung. Mit ihr erspart sich der Fahrer im Kolonnenverkehr den Stepptanz zwischen Gas- und Bremspedal und reist dadurch komfortabel und entspannt. Doch manchmal hätten sich die Testfahrer einen einfachen Tempomaten gewünscht.

Rein theoretisch ist die Distronic eine feine Sache: Per Radarauge erkennt sie ein spurgleich vorausfahrendes Fahrzeug, passt Abstand und Geschwindigkeit kontinuierlich an. Der Fahrer kann sich, wie die VDI nachrichten im Test feststellten, im Kolonnenverkehr den Stepptanz zwischen Gas- und Bremspedal sparen und reist dadurch komfortabler und entspannter.
Soweit die Theorie. In der Praxis funktioniert das durchaus angenehm – meistens jedenfalls. Vor allem wenn sich die Kolonne im Bereich zwischen 80 km/h und 120 km/h vorwärts bewegt, spielt die Distronic ihre Stärken aus. Unmittelbar auf Tempoänderungen des Vordermannes reagierend, vermindert sie einerseits den Ziehharmonika-Effekt, andererseits beschleunigt und verzögert sie weich genug, um auch im Komfort besser als ein erfahrener Chauffeur zu sein. Der Einstellbereich zwischen 1 s und 2 s „Abstand“ erweist sich hier als ausreichend, weder provozierte eine zu große Lücke Kolonnenspringer, noch strapazierte sie das persönliche Sicherheitsgefühl zu stark.
Wenn das Umfeld allerdings etwas hektischer wird, stößt die Distronic rasch an ihre Grenzen. Die sind allein schon prinzipiell recht eng gezogen. Trotz dreier Sende- und Empfangseinheiten, die nach Angaben von DaimlerChrysler auf 80 m Distanz drei Fahrspuren erfassen, verliert das Radarauge das vorausfahrende Fahrzeug leicht aus seinem Blickwinkel, wenn innerhalb der gleichen Spur stark versetzt gefahren wird oder der Vordermann in eine Kurve einlenkt, während man selbst noch geradeaus fährt.
Die Reichweite des Systems ist auf 150 m begrenzt und arbeitet im Geschwindigkeitsbereich zwischen 40 km/h und 160 km/h. Hat die Distronic einen langsameren Vordermann entdeckt, verzögert sie mit bis zu 2 m/s2, was in etwa 20 % der maximalen Bremskraft entspricht. Ist ein schnellerer Geschwindigkeitsabbau nötig, muss der Fahrer eingreifen.
Allein schon diese moderate maximale Bremskraft, die das System aufbringt, ist ein Indiz dafür, wie oft das System die Situation falsch einschätzt. Noch stärkeres Bremsen in der falschen Situation wäre nicht nur komfortmindernd, sondern auch gefährlich – die Distronic will Auffahrunfälle verhindern und nicht provozieren.
Bei den Versuchsfahrten der VDI Nachrichten kam es rund einmal pro 200 km vor, dass der Wagen ohne Notwendigkeit abbremste. Eine typische Konstellation dafür war zum Beispiel, wenn der vorausfahrende Wagen anfangs einer Autobahn-Linkskurve einen zweiten überholte. Dann konnte es passieren, dass die Distronic irrtümlich am langsameren rechts fahrenden Wagen andockte und bremste. Auch das irrtümliche Gasgeben bei versetzter Fahrweise kam wiederholt vor.
Andererseits wiegt die Komfortbremse den Fahrer unter Umständen in trügerische Sicherheit und er reagiert im Notfall zu spät. Je nach Dynamik der Kolonne belastet diese Unsicherheit den Fahrer sogar mehr, als die Distronic ihn entlastet – man schaltet das System ab.
Ohnehin ist der Bremseneingriff nicht sehr zufrieden stellend gelöst. So bezieht sich einer der allein acht Warnhinweise mit der Überschrift „Unfallgefahr“ im Distronic-Kapitel der Betriebsanleitung für die S-Klasse auf den Bremseneingriff: „Dabei wird das Bremspedal eingezogen. Der Fuß darf nicht unter das Bremspedal gestellt werden – der Fuß kann eingeklemmt werden.“ Auch so ist dieses Verfahren eher unangenehm – wenn man im Notfall voll in die Eisen steigen muss und das Pedal findet sich nicht an der üblichen Stelle, ist man – dezent ausgedrückt – irritiert.
Auch wenn das System seine vorgesehenen Aufgaben voll erfüllt, kann es doch immer nur so gut fahren wie der Vordermann. Pflegt der beispielsweise einen eher digitalen Fahrstil – also entweder Gasgeben oder Bremsen – muss die Distronic notgedrungenerweise mitspielen. Spätestens bei solchen Gelegenheiten wünscht man sich, die Distronic abschalten und mit dem klassischen Tempomat weiterfahren zu können. Das allerdings geht nicht, beide sind zwangsgekoppelt.
Diese untrennbare Allianz verwünscht man auch bei anderen Situationen: Wer beim Annähern an ein rechts fahrendes Fahrzeug nicht sehr frühzeitig auf die Überholspur wechselt, wird ungewollt abgebremst und muss nach dem Spurwechsel geduldig auf erneutes Beschleunigen warten, wenn er nicht selbst Fuß auflegt. Beschleunigt man über die eingestellte Wunschgeschwindigkeit hinaus und geht dann vom Gas, rollt das Auto nicht aus, sondern wird von der Distronic wieder zusammengebremst. Derzeit erfordert das System noch viel Überwachung Auf freier Autobahn lässt sich ein Wagen vom Schlag der S-Klasse bekanntlich auch über längere Zeit ziemlich mühelos mit Geschwindigkeiten oberhalb 160 km/h fortbewegen. Und auch bei heutiger Verkehrsdichte ist dies durchaus noch möglich. Durch die Distronic-Limitierung auf 160 km/h steht dafür der Tempomat aber nicht mehr zur Verfügung.
Ob man die Anzeigemöglichkeiten der Distronic nutzen mag oder nicht, ist sicherlich eine nur individuell zu beantwortende Frage. Die von der Temporegelung unabhängig einschaltbare akustische Warnfunktion für zu geringen Abstand erwies sich durch ihre Falschmeldungen eher als störend. Die ebenfalls immer wählbare Piktogramm-Anzeige des aktuellen Abstands in der Armaturentafel kann überdies zum Missbrauch verführen: Bei schlechter Sicht – im Extremfall dichtem Nebel – suggeriert das Metermaß, man könne das Geschehen jenseits der menschlichen Sichtgrenze beurteilen. Systemgrenzen, Fehlfunktionen und die Tatsache, dass keine langsamen oder stehenden Hindernisse angezeigt werden, widersprechen dem jedoch entschieden (siehe Nr. 2/99).
Bei normaler Sicht braucht man eine solche Anzeige nicht. Auch wenn Distronic-Entwickler Bernd Danner dagegenhält: „Viele wollen dies als Orientierungshilfe haben, ob sie den Abstand schon kostenpflichtig unterschritten haben.“
Nach rund 1000 km ziehen die VDI nachrichten so eine eher ernüchternde Distronic-Bilanz: Noch erfordert das System viel Überwachung, was den Komfortgewinn wieder stark dezimiert. „Die Distronic ist lediglich ein Hilfsmittel, das den Fahrer in bestimmten Situationen unterstützt“, steht denn auch in der Betriebsanleitung für die S-Klasse. Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Außer, dass sie für 4524 DM oder 2313,08 Euro ein sehr teuer bezahltes Hilfsmittel ist. PETER WEIDENHAMMER
Per Radarauge erkennt Distronic ein spurgleich vorausfahrendes Fahrzeug und passt Abstand und Geschwindigkeit kontinuierlich an. Ergebnis: komfortables Fahren trotz lebhaften Verkehrs.

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Elektrotechnik, Elektronik

Windmöller & Hölscher KG-Firmenlogo
Windmöller & Hölscher KG Technischer Projektmanager (m/w/d) Lengerich
Windmöller & Hölscher KG-Firmenlogo
Windmöller & Hölscher KG Consultant Geschäftsprozesse / Prozessmanagement (m/w/d) Lengerich
Windmöller & Hölscher KG-Firmenlogo
Windmöller & Hölscher KG Ingenieur Automatisierungstechnik (m/w/d) Lengerich
Husqvarna Group-Firmenlogo
Husqvarna Group Technical Lead Automatisiertes Testen R&D Elektroingenieur GARDENA (m/w/d) Ulm
Canzler GmbH-Firmenlogo
Canzler GmbH Ingenieur TGA – Elektro-/Energietechnik (m/w/d) für Beratung, Planung und Objektüberwachung Berlin, Dresden, Erfurt, Frankfurt, Hamburg, Mülheim
Lonza Cologne GmbH-Firmenlogo
Lonza Cologne GmbH Electrical Design Engineer R&D (m/w/d) Köln
ÖKOTEC Energiemanagement GmbH-Firmenlogo
ÖKOTEC Energiemanagement GmbH Ingenieur/in als Software Consultant für Energieeffizienz (w/m/d) Berlin
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System and Requirements Engineer (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System Engineer E-Motor & Pumpe (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System Engineer E-Motor & Pumpe (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart

Alle Elektrotechnik, Elektronik Jobs

Top 5 Elektronik

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.