Konsumelektronik 20.10.2000, 17:27 Uhr

Antennenbauer Kathrein wirbt um Grundig

Der weltgrößte Antennenhersteller will TV-Branchenriesen Grundig übernehmen.

Beim traditionsreichen Nürnberger Hersteller von Unterhaltungselektronik Grundig steht eine Änderung der Eigentümerstruktur bevor. Der bisherige industrielle Großaktionär, der Rosenheimer Antennenhersteller Kathrein, möchte seinen Anteil zu einem Mehrheitspaket aufstocken. Zwar will sich die Hypovereinsbank von ihren 37,3 % trennen und führt derzeit auch entsprechende Verkaufsgespräche. Ob aber Kathrein oder ein anderer industrieller Investor zum Zuge kommt, ist momentan noch offen.
Die Übernahme-Gerüchte wurden bei der Grundig-Belegschaft weitgehend positiv aufgenommen. „Wir brauchen neue Gedanken im Unternehmen“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Dieter Appelt und machte damit erneut seinen Unmut über die Führungsspitze deutlich. Gleichzeitig baut der kampferprobte Arbeitnehmervertreter drei „Hürden“ für einen künftigen Mehrheitsaktionär auf: Die deutschen Standorte müssten erhalten bleiben, es dürfe keinen Personalabbau geben, und es gehöre eine schlüssige Gemeinschaftsstrategie auf den Tisch.
Dass nun Bewegung in die Gesellschafterstruktur der Grundig AG kommt, ist nicht verwunderlich. Als sich vor drei Jahren der niederländische Philipskonzern aus der unternehmerischen Führung verabschiedete – nachdem am damaligen Grundig-Stammsitz Fürth über die Jahre hinweg mehr als 1,5 Mrd. DM Verlust aufgelaufen waren, war schnelle Hilfe von der Politik gefragt. Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu schmiedete kurzerhand die BEB Bayerische Elektronik Beteiligungsgesellschaft.
Entsprechend war diese „bayerische Lösung“ kein Liebesinvest, sondern eher eine Art politisches Bekenntnis zum Standort. Im Boot: die Münchner Hypovereinsbank, die Bayerische Landesbank, die Förderbank Bayern LfA, Allianz und Münchner Rück sowie die Hofer Schmidt Bank. Außerdem beteiligten sich auch Grundig-Aufsichtsrats-Vorsitzender Burkhard Wollschläger, Vorstandssprecher Herbert Bruch und Produktionsvorstand Manfred Bartl. Als einziges Produktionsunternehmen investierte Kathrein, nach eigenen Angaben weltweit ältester und größter Antennenhersteller, in den damaligen Sanierungsfall.

Der „Retter von Grundig“ mischt schon seit Jahren mit

Für den ebenso eigensinnigen wie erfolgreichen Familienunternehmer Anton Kathrein war das Engagement allerdings eine Überzeugungstat, gilt doch Max Grundig als sein Vorbild. Als „Retter von Grundig“ gefeiert, mischte sich der Rosenheimer Stadtrat und BDI-Präsidiumsmitglied – ausgestattet mit einer Sperrminorität von 25,38 % – als stellvertretender Aufsichtsratschef öffentlich ins Geschäft ein.
„Wo ich stehe, ist vorn“, wird über ihn aus Grundigkreisen kolportiert. Allerdings habe er trotz seiner patriarchischen Art oftmals Recht gehabt. Aus dieser Rolle habe er immer auch „verbal zugeschlagen“. Mal hieß es, das Vertriebskonzept sei nicht stimmig ein anderes Mal konstatierte er öffentlich einen vermeindlich notwendigen Personalabbau von 400 bis 500 Mitarbeitern im Werk Nürnberg-Langwasser. Dann monierte er die fehlenden Visionen oder vertane Chancen im Auslandsgeschäft.
Auch die Absicht, seine Beteiligung aufzustocken, ist nicht neu. 1999 hatte Bruch-Freund Kathrein erwogen, bis spätestens zum geplanten Börsengang im Jahr 2003 sein Anteilspaket zu vergrößern. Nun möchte er aber doch früher zum Zuge kommen, wahrscheinlich um das Grundiggeschäft besser lenken zu können. Denn angeblich wird das Schicksalsjahr 2000 nach einem starken Umsatzplus zu Jahresbeginn nicht wie prognostiziert – ohne sonstige betriebliche Erträge – mit einem ausgeglichenen Ergebnis, sondern mit roten Zahlen enden. Außerdem hätte es für den Rosenheimer Mittelständler einen besonderen Reiz, mit einem angepeilten Umsatz von über 1,2 Mrd. DM – das Ergebnis ist traditionell Verschlusssache – die Weltmarke zu übernehmen. Zum Vergleich: Die Rosenheimer sind vom Umsatz her mit rund 1,3 Mrd. DM jährlich rund halb so groß.
Der „Ausweitung einer industriellen Beteiligung innerhalb der Gesellschafterstruktur“ stehe man „positiv gegenüber“, ließ der Grundig-Vorstand lapidar verbreiten. Diese defensive Haltung kann als weiterer Beleg dafür gelten, wie führungslos das Unternehmen tatsächlich dasteht. Ein offenes Geheimnis ist es, dass der Richtungsstreit zwischen Bruch und Vorstands-Kollege Bartl die Zukunft weitgehend lähmt.
Aus der Sicht des Betriebsrates steht Bruch für den offensiven Ausbau der Geschäftstätigkeit, der branchenfremde Bartl für ein konsequentes Gesundschrumpfen. Weiteren Kredit habe der Produktionsvorstand verspielt, als er den Logistikbereich auslagern wollte und die Arbeitnehmervertretung erst nach dem unterschriebenen Vertrag informiert habe. Angeblich will Kathrein in nächsten Jahr Bartl durch einen Ex-Manager der Temic Telefunken ersetzen.
Aber auch Bruchs Funktion, nebenbei für die vakante Marketingstelle zuständig, ist nicht unumstritten. “97 mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet, wird auch sein Posten derzeit nur im Zwölfmonatsrhythmus verlängert. Zwar genießt der Alt-Grundigianer den Rückhalt in der Branche, doch kann auch das nicht darüber hinwegtäuschen, dass für ihn noch kein geeigneter Nachfolger gefunden wurde.
Der Physiker Bruch, der seit den 60er Jahren den beispiellosen Aufstieg und Niedergang als Technikdirektor und seit 1981 als Vorstandsmitglied miterlebt hatte, wurde aus dem Ruhestand reaktiviert und trat ein schwieriges Erbe an: Philips hinterlies Grundig praktisch zahlungsunfähig, es gab keine eigenständigen Bankkreditlinien, die Produktpalette angestaubt. Die Zahl der knapp 20 000 Mitarbeiter Anfang der 90er Jahre hatte sich nach mehreren Restrukturierungsversuchen mehr als halbiert.
Ob seine neue, alte Devise: „Innovationen, gepaart mit hoher Qualität und modernem Design“ ausreicht, bezweifeln viele Kritiker. Der “99er Umsatz der 5800 Mitarbeiter in Höhe von 2,7 Mrd. DM erbrachte nur mit Hilfe von sonstigen betrieblichen Erträgen einen Jahresüberschuss von 15 Mrd. DM. Die vielfach postulierte Aufbruchstimmung „Wenn wir auf Kurs bleiben, können wir unseren Erfolg nicht verhindern“ konnte weder authentisch vorgelebt noch in den Köpfen der Mitarbeiter richtig verankert werden, so ein Ex-Mitarbeiter.

Lange Mängelliste beim Marktführer von TV-Geräten

Die Liste an Mängeln ist lang: Es fehle etwa ein effizientes Just-in-Time-System, der Fachhandel, ein wesentliches Standbein, beklage verspätete Lieferungen. Der Werksstandort Langwasser ist mit einer Auslastung von rund 70 % nicht gerade hochrentabel, zumal dort unter anderem tragbare TVs gefertigt werden, die margenschwach im unteren Preissegment verkauft werden.
Die Fernseher-Premiumlinie Fine Arts, von der Branche vielfach gelobt, kam erst mit Verzögerung in den Handel. Der Start von Fine Arts Audio wurde auf Ende des Jahres verschoben. Und auch der hauseigene Internetkanal events today, zur Jahresmitte angekündigt und vor lauter Euphorie schon mit Börsenplänen bepackt, ist noch nicht online. Da ist fraglich, ob die wert- und mengenmäßige Marktführerschaft bei Fernsehern in Deutschland diese Versäumnisse kompensieren kann, die immerhin noch rund die Hälfte des Umsatzes ausmachen.
Dabei sind längst nicht alles Managementfehler. Softwareentwickler haben den angezählten Konzern verlassen, für den von allen Seiten hofierten Ingenieur-Nachwuchs ist Grundig nicht mehr die erste Adresse. Und so bleibt es spannend, welchen Kurs ein Mehrheitseigner Kathrein einschlagen wird, sollte er den Zuschlag bekommen. Ob Synergien im digitalen Bereich, gemeinsame Entwicklungsprojekte, die unter verschiedenen Marken angeboten werden, ausreichen, um den zukunftsfähigen Wandel von Grundig zu sichern, bleibt abzuwarten. THOMAS TJIANG

Von Thomas Tjiang

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