Formula Student Germany 13.08.2010, 19:48 Uhr

Zwei Sieger und viele Gewinner

Auf dem Hockenheimring feierten 15 studentische Teams vergangenes Wochenende Weltpremiere. Denn zum ersten Mal wetteiferten sie mit ihren selbst gebauten Elektroflitzern um den Sieg. Doch die Korken auf dem Siegerpodest am späten Samstag Abend konnte nur ein Team knallen lassen – das Greenteam der Uni Stuttgart. Es fuhr der Konkurrenz davon.

Es ist Freitag, früher Nachmittag. Dröhnende Motoren. Auf der Strecke am Hockenheimring liegen der Bolide mit der Nummer 2 aus Hatfield, Großbritannien und die Nummer 23 aus dem oberpfälzischen Amberg-Weiden. Hinter ihnen taucht der Rennwagen mit der Nummer E 62 der Uni Zwickau auf. Es surrt. Still umrundet der orangefarbene Flitzer die Leitkegel. Der Bolide ist bestückt mit einem Elektromotor.

„Für die Formula Student Germany hat ein neues Zeitalter begonnen“, sagt Ludwig Vollrath, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik. Erstmals fuhren am vergangenen Wochenende 15 Teams mit ihren selbst konstruierten Elektro-Rennwagen bei der „Formula Student Electric“ (FSE) um die Wette. Damit gibt es erstmalig zwei erste Plätze – einen für den Sieger beim traditionellen Wettbewerb mit Verbrennungsmotoren und einen in der Elektroklasse.

Im weißen Zelt, vor dem ein großes gelbes Schild mit der schwarzen Aufschrift „High Voltage“ prangt, herrscht emsiges Treiben. Jonas Groh vom KA-RaceIng-Team des KIT Karlsruhe wischt sich den Staub von seinem schwarz-gelben T-Shirt. Vor ihm steht der „KIT10e“, der noch viel seines Innenlebens preisgibt. Groh fixiert gerade am Monocoque sämtliche Muttern. Ein großes Loch tut sich in der Mitte des Boliden auf. „Was noch komplett fehlt, ist der Batteriecontainer.“ Zweifel und Hoffnung zugleich schwingen in seiner Stimme mit.

Der Zeitdruck ist ihm ins Gesicht geschrieben: „Wenn alles gut geht, bekommen wir die Batterie heute Nacht gegen 4 Uhr. Morgen früh geht“s dann hoffentlich zum Scrutineering und wenn dort alles klappt, sind wir nachts im Finale mit dabei.“ Dass das wieder eine Nachtschicht mit sich bringt, sagt der angehende Maschinenbauer erst gar nicht. Das scheint für ihn und sein Team längst Normalität zu sein. Falls es ihr Flitzer ins Endurance-Rennen schaffe, könne dieser richtig loslegen. Grohs Augen leuchten. „Mit dem Elektromotor können wir schneller beschleunigen als mit dem Verbrennungsmotor.“

Gegenüber in der Box präsentiert sich der Bolide „E40“ des Teams der Uni Eindhoven. In seinem schwarz-orangefarbenen Gewand sieht er so aus, als wolle er direkt den Parcours stürmen. Sander Leenders schmunzelt: „Ganz so ist es nicht, aber derzeit sieht es gut für uns aus. Das E-Scrutineering haben wir schon gestern geschafft, heute dann das mechanische Scrutineering.“ Tim Hannig, der Vorsitzende des Boards der Formula Student Germany, steht in seiner gelben Weste vor dem FSG-Forum, er lächelt: „Ich finde es immer noch komisch, dass ich nichts mehr höre.“ Auf dem grauen Asphalt der Rennstrecke zischt ein E-Bolide vorbei – lautlos. „Von den angemeldeten 24 E-Teams sind 15 hier und acht können, wie es aussieht, auf die Strecke.“ Eines hätten dabei alle Teams erreicht: „Sie haben sich intensiv mit Lösungen für eine umweltschonende Mobilität auseinandergesetzt und sich dafür begeistert und das ist schließlich unser Ziel.“

VDI-Direktor Willi Fuchs stimmt ihm zu: „Die Formula Student Electric ist ein Trendsetter. Hier sind die jungen Menschen zu finden, die die Industrie später als leistungsfähige Ingenieure sucht.“ Ob die E-Cars der Weisheit letzter Schluss seien, wisse man heute noch nicht. Aber durch sie entstehe ein Push in die richtige Richtung.

Zurück im Zelt kniet Valerie Engel vom E-Team der RWTH Aachen neben ihrem Rennwagen. „Ich bin zwar schon zum dritten Mal bei der Formula Student Germany dabei, aber in diesem Jahr ist vieles komplettes Neuland“, meint die 24-jährige Maschinenbaustudentin. Die Probleme seien dabei zum Teil dieselben wie beim Ottomotor, aber man müsste sie anders beheben: „Unser Bolide wiegt 312 kg. Davon macht allein die Batterie 100 kg aus.“ Hier gäbe es also noch viel abzuspecken. Doch entmutigen lässt sie sich nicht: „Wir haben beim Bremstest 80 % Leistung erreicht. Wenn wir auf die Strecke gelassen werden, kommen wir in jedem Fall durch.“

Denn darum geht es bei dieser FSE-Premiere am Hockenheimring in erster Linie – durchzukommen. Hürden gibt es zuhauf und eine ist besonders hoch: Das Scrutineering. Wer bei Ulf Steinfurth und seinem Team, den Männern in „Grün“, nicht durchkommt, der kann mit seinem Boliden gar nicht erst auf die Rennpiste. Steinfurth: „Zuallererst müssen alle elektrischen Antriebselemente auf ihre Sicherheit gecheckt werden. Das komplette Hochvoltsystem ist am Fahrzeug orange gekennzeichnet und es gibt an jedem Boliden einen Not-Ausschalter.“

Hinter ihm hängt eine Liste an der Hallenwand, bespickt mit Smileys. Steinfurth schmunzelt. „Smileys bekommen nur die Teams, die im ersten Anlauf das Scrutineering schaffen.“ Er zählt durch. „In diesem Jahr sind sechs Rennwagen mit Verbrennungsmotor direkt durchgekommen und das Team der ETH Zürich hat es mit ihrem E-Car auf Anhieb geschafft.“

Thomas Herzog vom Tüftlerteam aus Zwickau gehört am Samstagmittag zu den Glücklichen. Sein Team hat bereits am Freitag alle technischen Tests überstanden. Er dämpft die Stimme, als er nach den Chancen seines Teams gefragt wird. „Wir könnten gewinnen.“ All zu laut will er das jedoch nicht sagen, denn es könne ja immer noch etwas schiefgehen. Doch die Voraussetzungen für das Endurance-Rennen seien gut: „Wir haben darauf geachtet, dass wir Bremsenergie zurückgewinnen können. Der Beschleunigungsmoment liegt bei unter vier Sekunden auf 100 Meter.“

Neben ihm steht Peter Stücke, der Betreuer des Teams. „Der Teamgeist ist das Allerwichtigste bei dem Wettbewerb und es ist einfach grandios mitzubekommen, dass aus einer bloßen Idee Realität wird. Im Grunde sind hier alles Gewinner“, sprudelt es aus ihm heraus. Dann blickt er auf die Videoanimation, die das Team am Rande ihrer Box zeigt. Er strahlt: „Der Elektrobolide klingt wie ein Düsenjäger beim Starten.“ Ernst wird seine Miene, als es um die Zukunft des elektrischen Antriebskonzeptes ging: „Wo viele Menschen leben, ist das E-Auto als geräuscharmes, emissionsarmes Fahrzeug eine echte Alternative. Über lange Distanzen sprechen wir vielleicht in zehn Jahren.“

Ein paar Meter weiter in den Boxengassen läuft der Countdown ebenso wie im Zelt: Hier tüfteln die Teams, die den traditionellen Contest bestreiten und mit Ottomotoren an den Start gehen. Vor Negar Gilani präsentiert sich der Bolide ihres Teams aus dem Iran quasi nackt. Die Frau mit dem roten Kopftuch und dem schwarzen Pulli wiegelt ab: „Wir haben Probleme mit den Bremsen, aber das kriegen wir hin.“

Negar Gilani studiert im Iran Maschinenbau und ist mit ihrem Team zum ersten Mal bei der Formula Student Germany dabei. Überhaupt sei sie noch nie zuvor in Deutschland gewesen. Doch eines wisse sie trotzdem schon sicher: „Ich möchte später in Deutschland arbeiten.“ Und wo? „Am besten bei BMW, Daimler oder Audi.“ Sie habe gehört, dass Ingenieure in Deutschland gesucht würden.

Ralf Cramer, Mitglied des Vorstandes der Continental AG, nickt. Ja, in Deutschland würden händeringend Fachkräfte gesucht. „Wir beschäftigen rund 30 000 Ingenieure weltweit und wollen weiterwachsen. In den nächsten Monaten sollen 1000 weitere hinzukommen, 200 davon in Deutschland.“ Michael Groß, Leiter des Personalmarketings bei der Audi AG, bläst in dasselbe Horn: „Wir stellen in diesem Jahr rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Zukunftsfeldern Elektromobilität und Leichtbau.“

Inzwischen ist es Samstagabend. Für die FSE der krönende Abschluss – das 22 km lange Endurance-Rennen trennt endgültig die Spreu vom Weizen. Während sich die einen aufmachen, um die Rennpiste zu erobern, verharren die anderen mit betretenen Gesichtern im Zelt. Christoph Oehler setzt zweimal an, bevor er die enttäuschende Nachricht über die Lippen bringt. „Um 19 Uhr war es raus, dass wir das Scrutineering nicht schaffen werden. Es lag am Ende an vielen Kleinigkeiten.“ Ungläubig haftet sein Blick auf dem Boliden.

Die Karlsruher sind mit ihrer Traurigkeit jedoch nicht allein: Nur acht Teams dürfen am späten Samstagabend auf die Piste. Langsam geht Christoph Oehler mit seinem Team rüber zur Rennstrecke. Von Weitem strahlen schon die Helium-Ballons, die die Strecke taghell erleuchten. Die Besuchertribüne ist voll besetzt, Schlachtrufe ertönen aus den Reihen. Zwei Stunden später steht der Sieger fest, das Greenteam der Uni Stuttgart. Christoph Oehler lächelt. Es gibt ja auch noch ein nächstes Jahr. J. SCHLINGMANN

Ein Beitrag von:

  • Julia Schlingmann

    Redakteurin VDI nachrichten im Ressort Management und Karriere.

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