Elektromobilität 06.06.2008, 19:35 Uhr

Elektroautos: Mit Vollgas aus der „Spinnerecke“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 6. 08, wop – Lange waren Elektrofahrzeuge etwas für Idealisten. Selbst mit ihrem Design schwammen die Gestalter oft ausdrücklich gegen den Strom. Das ändert sich. Erste massentaugliche „Stromer“ drängen auf den Markt. Autokonzerne nehmen rein elektrische Antriebe inzwischen ausgesprochen ernst. Sie sprechen davon, wann mit den „E-Mobilen“ zu rechnen ist. Das nächste Jahrzehnt dürfte im Zeichen des Pkw mit Elektroantrieb stehen. Mitsubishi macht mit dem iMiev 2009 in Japan den Anfang.

Effizientere Verbrennungsmotoren sind nicht die Antwort auf den globalen Fahrzeugzuwachs. Wir brauchen ,Zero-Emission-Vehicles¿ „, erklärte Carlos Ghosn, Chef der Renault-Nissan-Allianz, im April auf der Beijing Motor Show in China. Dieser Tage legte er nach: „Die Zeit für massentaugliche Nullemissionsfahrzeuge ist gekommen“, zitierte ihn der britische Economist. Nissan werde ab 2010 ein batteriebetriebenes Elektrofahrzeug in den USA anbieten. Bis 2012 werde sein Konzern in allen großen Automärkten eine Elektroflotte auf die Räder stellen.

Noch 2006 hätten solche Pläne an Ghosns Erkenntnisfähigkeit zweifeln lassen. Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Ölpreise über 120 $ je Barrel (159 l), Pläne auf höchster EU-Ebene, mit CO2-Strafabgaben sparsamere Pkw zu erzwingen, verschärfte Abgasnormen und die Einführung einer „Zero-Emission-Car“-Quote ab 2012 in Kalifornien lassen immer mehr Hersteller über Elektroantriebe nachdenken.

Ford, General Motors (GM) mit der Tochter Opel, Mitsubishi, Subaru und Toyota verfolgen konkrete Pläne, in den nächsten fünf Jahren erste Serienmodelle an den Start zu bringen. BMW, Daimler und VW liebäugeln mit dieser Option. „Heute würden es Lithium-Ionen-Batterien erlauben, Elektroantrieb und Fahrfreude zu verbinden“, sagte jüngst BMW-Chef Norbert Reithofer.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat schon einen Beschluss herbeigeführt: „VW will als erster Hersteller eine abgasfreie, sichere und bezahlbare Großserienlösung anbieten.“ – Spätestens 2010, sagte er Ende April auf dem Wiener Motorensymposium. Daimler ist bereits im Stadium der Flottenversuche: Smarts mit E-Motor und Lithium-Ionen(Li-Ionen)-Akkus gehören ebenso dazu wie Mercedes Sprinter in Plug-in-Hybrid-Version (PHEV).

Analysten sehen PHEV – Plug-in-Hybrid-Electric-Vehicles -, deren Batterie sich im Stand an der Steckdose aufladen lässt und beim Fahren von Verbrennungsmotor und Bremsenergie gespeist wird, als Übergangslösung zu reinen E-Fahrzeugen. Die Berater von Frost & Sullivan zeichnen in einer aktuellen Studie ein anderes Bild – PHEV werden „Mainstream“-Produkte.

„Der wichtigste Wachstumsimpuls geht von der Lithium-Ionen-Technik aus“, erklärt Anjan Hemanth Kumar in der Studie: „Sie dürfte die gesamte Autoindustrie revolutionieren.“ Weil sich bei Kosten- und Sicherheitsfragen eine zügige Klärung abzeichne, sei der Weg für PHEV offen. Mit ihnen ließen sich die Emissionen herkömmlicher Antriebe um 60 % bis 80 % senken. – Schon, aber die Emissionen fallen dann bei herkömmlichen Kraftwerken an, die den Strom für Elektroautos erzeugen.

Mainstream: Toyota kündigt den Hybrid-Pkw Prius für 2010 als PHEV an. Zu der Zeit will GM den Chevrolet Volt in die Läden bringen – ebenfalls als PHEV. Mit einer Batterieladung soll er 60 km weit fahren. Für weitere Strecken dient ein Miniverbrennungsmotor als „Notstromaggregat“.

Toyota wählt eine andere Strategie. Die Li-Ionen-Einheit soll dem PHEV-Prius nur 11 km elektrische Reichweite verschaffen, ihn aber rein elektrisch auf 100 km/h beschleunigen. Beim Hybrid-Prius springt der Benziner bei spätestens 50 km/h an. Der neue Prius nutzt den Elektroantrieb vor allem zum Beschleunigen und spielt so die jeweiligen Stärken von E-Maschinen und Verbrennungsmotor aus. Während ein E-Motor aus dem Stand volles Drehmoment entfaltet, das mit steigender Drehzahl abfällt, ist es beim Verbrennungsmotor genau umgekehrt.

Während Plug-in-Hybride eine ansprechende Reichweite weiterhin mit flüssigen Kraftstoffen sicherstellen, drängen auch reine Elektroautos auf den Markt. Darunter der Tesla Roadster. Mehr als 6000 kleine Li-Ionen-Akkus liefern Strom für die 185-kW-E-Maschine, mit der der Flitzer lautlos und brachial in 4 s von 0 auf 100 km/h beschleunigen kann – max. 220 km/h. Die Reichweite nach 3 h Ladezeit gibt Tesla mit 220 mile (rund 350 km) an. Seit März produziert das Start-up aus dem Silicon Valley den Roadster in Kleinserie, Absatzziel: 100 Exemplare pro Jahr.

Die Fahrleistung des Tesla Roadsters und seine Reichweite deuten an, was mit Li-Ionen-Technik möglich ist. Mitsubishi kündigt für Ende 2009 den viertürigen Kleinwagen iMiev mit der neuen Batterietechnik an, der anfangs nur in Japan verkauft werden soll.

Das Mitsubishi Innovative Electrical Vehicle (Miev), auf Basis des in Japan erfolgreichen Kleinwagens „i“, soll als iMiev mit einer Batterieladung 160 km weit fahren. Sein 47 kW starker E-Motor im Heck beschleunige in 9 s von 0 auf 100 km/h und erreiche 130 km, erklärt der japanische Hersteller. Der umgerechnet rund 17 000 € teure viersitzige „Stromer“ sei damit im Pendlerverkehr munter unterwegs – und das ohne lokale Emissionen. Mit Strom aus regenerativen Quellen (Sonne, Wind etc.) bliebe er sogar frei von Schadstoff- und CO2-Emissionen (abgesehen von denen seiner Produktion).

Ein ähnliches Konzept verfolgt das norwegische Unternehmen Think Global, das seit Herbst 2007 den kleinen Think City produziert. Der Kleinstwagen ist max. 100 km/h schnell, hat 200 km Reichweite und bietet gerade genug Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Dank Airbags, ABS und Gurtstraffer sowie seiner Rahmenkonstruktion aus Aluminium und hochfestem Stahl erfüllt das Stadtmobil alle europäischen und US-Forderungen in Sachen Crashsicherheit.

Unterstützt von US-Investoren, darunter General Electric, plant Think 2009 den Schritt in den amerikanischen Markt. Außerdem kündigen die Norweger für 2011 den Serienstart eines größeren Kleinwagens an, der optisch stark an den Smart Forfour erinnert. Dank eines 60 kW starken E-Motors soll der Newcomer in 8,5 s von 0 auf 100 km/h beschleunigen und 135 km/h erreichen. 200 km Reichweite, wie beim City, werden angestrebt – es könnten auch mehr werden, heißt es. Angesichts des internationalen Forschungswettlaufs, der um die Li-Ionen-Technologie entbrannt ist, sind bis 2011 Überraschungen eigentlich vorprogrammiert. P. TRECHOW/W. PESTER

Erschienen: „Deutsche Hybridautos rollen an“ und „Pkw mit Elektroantrieb nehmen Fahrt auf“ (Nr. 21/08) „Durchmarsch der Turbolader“ (22/08) – nächste Ausgabe: „Wir kehren in allen Ecken“(Nr. 24/08)

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