Was wurde eigentlich aus…? 04.10.2018, 08:30 Uhr

Der deutsche Elektroflitzer „Colibri“ dürfte Geschichte sein

Klein, wendig und elektrisch angetrieben: Für den Stadtverkehr sollte der Colibri bestens gerüstet sein. Er versprach Sicherheit und Komfort und sollte sich individuell an die Größe des Fahrers anpassen. Wer den Wagen heute jedoch kaufen will, steht vor einem Problem.

Prototyp des Colibri auf dem Genfer Autosalon 2013

Die kleine Firma Innovative Mobility Automotive (IMA) aus Jena, die mit dem straßentauglichen Prototyp des Colibris auf Messen wie dem Genfer Autosalon Anfang März 2013 viel Aufsehen erregt hatte, wollte ihre rollende Innovation ganz schnell in die Serienfertigung bringen.

Foto: TU Chemnitz/Marcus Hartenstein

Kolibris sind bekannt als emsige Flieger, die den Nektar auf der Stelle flatternd aus den Blüten trinken. Sie können seitwärts und sogar rückwärts fliegen. Daher war der Name des Einsitzers Colibri Programm: ein kleiner, wendiger elektrobetriebener Stadtwagen, der wirklich problemlos in jede Parklücke hineinpasst.

Es war ein verblüffendes Konzept eines elektrisch angetriebenen Einsitzers: Mit 440 kg war er so leicht, dass er nur eine kleine Batterie brauchte, um eine Reichweite von 110 Kilometern zu erreichen. Das Auto wurde in Deutschland von mittelständischen Unternehmen Partnern im Rahmen des Themenfeldes „Schlüsseltechnologien für die Elektromobilität (Strom)“ entwickelt und sollte 2015 in Serie gehen. Die kleine Firma Innovative Mobility Automotive (IMA) aus Jena, die mit dem straßentauglichen Prototyp des Colibris auf Messen wie dem Genfer Autosalon Anfang März 2013 viel Interesse geweckt hatte, wollte ihre rollende Innovation ganz schnell in die Serienfertigung bringen. „Das Ziel, Anfang 2015 die ersten Fahrzeuge fertigzustellen und Anfang 2016 auszuliefern, wird IMA erreichen“, versprach damals noch IMA-Produktmanager Robert Wetzel. Das Auto sollte für unter 10.000 Euro zu haben sein, zuzüglich der Batteriemiete.

Die Zielgruppe des elektrischen Flitzers war ähnlich wie beim „Twizy“ von Renault Stadtverwaltungen und Carsharing-Anbieter, Liefer- und Pflegedienste. Auch für typische Berufspendler sollte er ein attraktives Verkehrsmittel darstellen.

Der Colibri sollte sich dem Fahrer anpassen

An der Entwicklung dieses rollenden Miniautos war auch die TU Chemnitz mit deren Professur für Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung unter der Leitung von Prof. Lothar Kroll beteiligt. Deren Mitarbeiter entwarfen unter der Einbeziehung externer Designvorgaben die komplette Innenausstattung des Elektroflitzers, die Kofferraumstruktur, Verkleidungselemente, die Pedalkonstruktion und den schwenkbaren Sitz.

Das Interieur des Colibri wurde an der TU Chemnitz entwickelt. Mit dem hochschwenkbaren Sitz und der verstellbaren Pedalerie findet jeder Fahrer seine optimale Sitzposition. Die klappbare Lenksäule sorgt für genügend Freiraum beim Ein- und Aussteigen.

Das Interieur des Colibri wurde an der TU Chemnitz entwickelt. Mit dem hochschwenkbaren Sitz und der verstellbaren Pedalerie sollte jeder Fahrer seine optimale Sitzposition finden. Die klappbare Lenksäule sollte für genügend Freiraum beim Ein- und Aussteigen sorgen.

Quelle: Innovative Mobility Automotive GmbH

Die verschiebbare Pedalerie des Colibris war ebenfalls ein Entwicklungsschwerpunkt des Forscherteams der TU Chemnitz. So sah das Fahrzeugkonzept in Verbindung mit dem schwenkbaren Sitz anpassungsfähige Pedale vor, um eine mit der jeweiligen Körpergröße abgestimmte komfortable Fahrposition zu ermöglichen. „Die Ergonomie haben wir mithilfe eines Holzmodells des Fahrzeugs ermittelt, in dem wir Testpersonen Probe sitzen ließen“, erklärte Marcus Hartenstein, Wissenschaftler im Team um Professor Lothar Kroll.

110 Kilometer mit einer Batterieladung – im Stadtverkehr ausreichend

„Der Colibri ist ziemlich einzigartig mit seinem flexiblen und modularen Fahrzeugkonzept. Zum einen bietet er den von normalen Pkw gewohnten Komfort- und Sicherheitsstandard sowie sportliche Fahrleistung“, versprach Robert Wetzel, Produktmanager bei Innovative Mobility. „Gleichzeitig ist er deutlich verbrauchsärmer als andere Elektroautos. Durch das geringere Gewicht von insgesamt 440 Kilogramm genügt eine kleinere Batterie für eine Reichweite von 110 Kilometern.“

Dass der „Colibri“ schon damals kurz vor der Serienfertigung stand, war einem Verbund aus sechs mittelständischen Industriepartnern zu verdanken. Beteiligt an dem Projekt war die B&W Fahrzeugentwicklung GmbH mit Sitz in Oebisfelde, die für die Ingenieurdienstleistungen zuständig war. Die Motoren stellte die CPM Compact Power Motors GmbH in Unterföhring her. Für die Crashoptimierung zeichnete die Altair Engineering GmbH aus Böblingen verantwortlich, die Außenverkleidung übernahm die Lätzsch GmbH Kunststoffverarbeitung aus Thierbach. Den Rahmen aus Magnesium entwickelte und fertigte die Stolfig GmbH in Pausa, die TU Chemnitz erarbeitete das Interieur. Und die Gesamtverantwortung sowie das Projektmanagement hatte die Firma Innovative Mobility Automotive GmbH aus Jena.

Trotz Leichtbauweise keine Abstriche an Sicherheit und Komfort

Den mittelständischen Partnern war mit dem Colibri ein Spagat gelungen. Das Gewicht des kleinen Elektroflitzers wurde enorm reduziert. Trotzdem bot der Einsitzer die gewohnte Sicherheit und auch Komfort. Das Leichtbaukonzept auf Magnesiumbasis sollte den Verbrauch gegenüber bisherigen Elektroautos erheblich reduzieren und die Kosten auf etwa 90 Cent pro 100 Kilometer senken. Die Entwickler schätzten, dass der Colibri im Vergleich zu durchschnittlichen Kleinwagen nur etwa 60% der üblichen Mobilitätskosten verursachen würde.

Der kleine Flitzer sollte mit einer Länge von nur 2,60 Metern daherkommen, einer Breite von nur 1,05 Metern und einer Höhe von 1,30 Metern. So hätte er in jede noch so kleine Parklücke im verstopften urbanen Straßenraum gepasst.

Für zwei Getränkekisten und eine Kühltasche war im Kofferraum Platz

Passend wäre auch der Kofferraum gewesen. Denn auf den hatten die Entwickler des Fahrzeug ein besonderes Augenmerk gelegt: „Den Kofferraumboden haben wir als thermoplastisches Sandwichbauteil aus umgeformten und verpressten Organoblechhalbzeugen hergestellt“, erklärte Robert Stelzer. „Das Ziel war dabei, nicht nur eine belastungsgerechte Kofferraumstruktur aus Kunststoff zu schaffen, sondern den späteren Fahrzeugnutzern auch möglichst viel Stauraum zur Verfügung zu stellen.“

Das war gelungen: Satte 180 Liter Platz bot der Kofferraum im Colibri. Das hätte für zwei Getränkekisten und eine zusätzliche Tasche gereicht. Das Picknick am Wegesrand wäre also nach Beginn der Serienfertigung und Auslieferung des elektrifizierten Stadtflitzers kein Problem gewesen. Für das Jahr 2016 war beides angedacht. Doch es kam anders.

Wer den Colibri kaufen will, sucht vergeblich

Nach der Präsentation beim Genfer Autosalon 2013 wurde es sehr lange sehr ruhig um den Colibri. Erst Anfang Dezember 2014 gab es wieder ein Lebenszeichen: Das Unternehmen verkündete, dass bereits über 1.200 Vorbestellungen eingegangen seien und sich rund 150 internationale Händler um eine Verkaufslizenz beworben hätten.

Trägt man sich heute mit dem Gedanken, den Colibri von Innovative Mobility Automotive zu kaufen, wird man jedoch nicht fündig. Die jüngsten im Internet auffindbaren Meldungen zu dem Wagen sind schon mehrere Jahre alt. Wer den Autonamen und „kaufen“ sucht, kommt zu keinem Angebot, das es möglich machen würde, das Gefährt zu erwerben.

Einige Seiten mit grundlegenden Informationen lassen sich noch finden. Auffällig ist hier jedoch, dass das ursprünglich für unter 10.000 Euro angepriesene Auto deutlich teurer geworden ist. Von 10.990 Euro ist die Rede, mit Akku von 14.990 Euro.

Die Innovative Mobility Automotive GmbH musste Insolvenz anmelden

Auch die Website des Unternehmens lässt Schlimmes ahnen. Sie ist verwaist: Nur die grundlegenden Angaben sind dort vorhanden. Wählt man die angegebene Rufnummer, informiert eine Bandansage, dass alle Mitarbeiter im Gespräch seien. Der Blick ins Handelsregister bestätigt schließlich den Verdacht: Die im Juni 2011 eingetragene Innovative Mobility Automotive GmbH musste im Oktober 2015 Insolvenz anmelden.

 

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