Golzerner Papierfabrik 14.06.2013, 09:00 Uhr

„Zwei Jahrtausendfluten in einem Jahrzehnt hauen jeden um“

Die Flut: Noch schlimmer als schon 2002 erwischte die Flutwelle des Elbenebenflusses Mulde die Papierfabrik im sächsischen Golzern. Letztes Jahr wurde sie 150 Jahre alt, nun schließt sie wohl für immer. Ein neuer Standort ist im Gespräch – für viele der 65 Mitarbeiter ein schwacher Trost.

Ein Blick auf das Mulde-Wehr unmittelbar bei der Papierfabrik in Golzern. Wo beim Hochwasser vor elf Jahren das Wasser knapp einen halben Meter hoch stand, waren es jetzt zwei Meter. Für die Fabrik kann das das Aus bedeuten. 

Ein Blick auf das Mulde-Wehr unmittelbar bei der Papierfabrik in Golzern. Wo beim Hochwasser vor elf Jahren das Wasser knapp einen halben Meter hoch stand, waren es jetzt zwei Meter. Für die Fabrik kann das das Aus bedeuten. 

Foto: Lachmann

Die trüben Wasser der Mulde haben sich vom Betriebsgelände wieder zurückgezogen, der Fluss rauscht nun am nahen Wehr, aber noch immer mit Urgewalt und Überbreite vorbei. Doch was die Flut zurückließ in der altehrwürdigen Papierfabrik Golzern, ist ein Trauerspiel. Zu riesigen Bergen türmen sich vor den Maschinenhallen tonnenschwere Rohpapierballen. Binnen Minuten hatten sie sich in der Flutnacht mit schlammig-braunem Wasser vollgesaugt. Eigentlich sollten sie in diesen Tagen zu kundengerechten Packpapierchargen konfektioniert sein und im Bauch von Lkw durch Europa rollen. „Bis hinunter nach Griechenland“, erzählt ein Mann, der per Gabelstapler gerade weiteres durchnässtes Mobiliar aus der Halle fährt. „Alles zunichte! Das zweite Mal in elf Jahren“, flucht er niedergeschlagen.

Noch immer steht in der Haupthalle zwischen modernsten Quer-, Plan- und Rollenschneidern das Wasser teils knöchelhoch. Ein halbes Dutzend Frauen und Männer in Gummistiefeln und schlammverschmierten Shirts versucht, die Brühe mit Schiebern zum Tor hinauszudrücken. Ein Kollege mit einer dicken Schlauchspritze reinigt den Betonboden so gut es geht nach.

Sächsischer Traditionsbetrieb weithin bekannt

Mitten im Aufräumtrupp auch Uwe Simon, der junge Prokurist und Produktionsleiter des weithin bekannten sächsischen Traditionsbetriebes. Schon seit 1862 arbeitet hier, tief im Tal der Mulde, die Golzerner Papierfabrik. Auch tausende Drucker- und Schriftsetzerlehrlinge aus der 30 km entfernten Buchstadt Leipzig studierten hier über die Jahrzehnte die Papiermacherei von den Anfängen bis heute. Seit 1993 sei das Unternehmen auf Format- oder Rollenschneiden von Druck-, Verpackungs- und Spezialpapieren fokussiert, berichtet Simon, während er sich die Hände am klammen Hemd trockenreibt. Ihre Stärken lagen im Service, versichert er und zählt auf: „Rollenlager, Formatlager, Auf-Abruf-Lieferung, Versandabwicklung, Testläufe, Musterfertigung, Papiersaalleistungen…“

Erst vor kurzem in neue Technik und Hallen drei Millionen Euro investiert

Satte 3 Mio. € investierten die Gesellschafter hierfür erst in den letzten Jahren in neue Technik und Hallen – alles eigenfinanziert: „Ohne Zuschüsse, ohne Kredite!“, sagt er stolz, denn die Auftragsbücher waren voll. „Täglich rollten 20 Lastzüge vom Hof.“

„Doch das war es wohl!“, sinniert der Produktionschef betreten. Zumindest für den Standort Golzern sieht er kaum eine Zukunft: „Zwei Jahrtausendfluten in einem Jahrzehnt, das haut jeden um.“

Auch 2002 hatte es das Unternehmen, das für seine 65 Mitarbeiter einer der wichtigsten Arbeitgeber weit und breit ist, schon voll erwischt. Der Schaden lag seinerzeit bei 3,5 Mio. €. Diesmal werde er wohl ein Mehrfaches sein, schätzt Simon: „Wir gehen davon aus, dass 95 % der Produktionsgeräte betroffen sind.“

Welche Maschinen in den Schrott wandern und welche sich „in einem sinnvollen Kostenrahmen“ reparieren lassen, müsse man nun mit der Versicherung klären, meint er zurückhaltend. Allerdings weiß er aus der Erfahrung der Flutschäden von 2002: „Im Grunde hat man dies nie ganz überstanden….“ Denn auch die Maschinen, die sie damals reparierten, verursachten immer wieder teure Ausfälle, die sich auf jene Wasserschäden zurückführen ließen.

Versicherung wird wohl kündigen

Immerhin – diesmal hat die Papierfabrik eine Versicherung. Die Höhe mag Simon nicht nennen und auch nicht, ob sie die gesamte Schadenssumme abdeckt. Eher rechnet er mit einer anderen Folge: Wegen des offenbar zu hohen Risikofaktors werde man ihnen die Police nun wohl kündigen.

Noch Stunden, bevor die Flutwelle Anfang Juni knapp zwei Meter hoch durch den Betrieb schoss, rechnete niemand auch nur annähernd mit dieser Wucht. Man war auf gut einen halben Meter eingestellt, hatte außerdem mehr Zeit als 2002, sich vorzubereiten. „Doch dass es dann die Flut von damals noch so deutlich übertraf…“, meint Simon noch immer fassungslos.

Jedenfalls war man in den schlimmsten Stunden auf sich allein gestellt. Nun helfen auch benachbarte Firmen mit Mann, Mut und Maschinen. Was sie dafür bekämen, dass sie damit die eigene Produktion vernachlässigen? – Simon wirkt überrascht über die Frage: „Das weiß ich nicht, Geld spielte in den letzten Tagen keine Rolle!“ Sie seien da und das wäre wichtig.

Suche nach einem neuen Standort?

Auch vom Land kam noch kein Geld, auch keine definitive Zusage zu Hilfszahlungen. Lediglich eine standardisierte Soforthilfe floss den Golzern zu: „1500 Euro“, verrät Simon. Damit könne er zumindest „unsere Leute, die sich hier nicht schonen, eine Woche lang verköstigen“, meint er etwas spitz. Man merkt, ihn bewegt der Blick nach vorn. Doch der kann für die Papierfabrik Golzern, nüchtern betrachtet, nur heißen: Aufgabe des Betriebes, Suche nach einem neuen Standort.

Das werde wohl so kommen, mutmaßt der Produktionsleiter, ohne zu wissen, wohin sich die in Leipzig lebenden Gesellschafter orientieren: Neubau? Übernahme einer bestehenden Immobilie? Doch auch die Lieferzeiten für neue, moderne Schneidemaschinen betrügen gut ein Jahr, weiß er.

Am meisten sorgt ihn, dass die teils langjährigen Kunden abspringen könnten, weil er nun für Monate, vielleicht Jahre, nicht liefern kann. Aber auch für seine 65 Mitarbeiter bedeutet ein Umzug einen tiefen Einschnitt. „Nicht alle haben ein Auto, ich komme morgens mit dem Rad zur Arbeit, andere im Bus“, erzählt eine Frau und drückt mit dem Schieber das Wasser aus der Halle. Ein weit entfernter neuer Standort wäre also für viele fast gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit.

Von H. Lachmann

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