CeBIT 2013 15.03.2013, 13:59 Uhr

Daten werden zum Rohstoff des digitalen Zeitalters

Das nächste industrielle Zeitalter bricht an. Der Rohstoff der neuen Ära sind die elektronischen Daten. Sie müssen ausgewertet und industrielle Prozesse in Echtzeit miteinander verknüpft werden, damit die Old Economy künftig in Smart Factories intelligenter produzieren kann.

Bei der Industrie 4.0 können anfallende Daten helfen, Produktionsprozesse effizient zu steuern.

Bei der Industrie 4.0 können anfallende Daten helfen, Produktionsprozesse effizient zu steuern.

Foto: dpa

Fabriksysteme sollen im Zeitalter der „Industrie 4.0“ flexibler werden, um sich an die verkürzten Produktionszyklen und die zunehmende Differenzierung der Produkte anzupassen. Virtuelle und reale Objekte müssen sinnvoll miteinander verknüpft werden. Die anfallenden Daten helfen, die Produktion effizient zu steuern, Fehler früh zu erkennen und die Geschäftsprozesse zu verbessern. Dafür sind allerdings geeignete Infrastrukturen und Datenmodelle nötig.

Eine Entwicklungsplattform für die industrielle Anwendung zeigte während der CeBIT die Smart Factory vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern. Die Anlage ist mit kleinen Netzwerkknoten versehen, die nur so groß wie zwei Zuckerwürfel sind, aber ausgestattet mit einem Linux-Betriebssystem und einem kompletten Webserver. Die einzelnen Anlagenteile lassen sich über Webservices steuern.

Der neue Ansatz nutzt eine auf Prinzipien der Serviceorientierung basierende Steuerung über das Anlagennetzwerk, um das blitzschnelle Umstellen eines Prozesses und Umrüsten einer Anlage zu erleichtern. Neue Erkennungsmethoden beispielsweise über RFID sorgen dafür, dass ein Werkstück mit den Informationen zu seiner Bearbeitung verheiratet wird, was die zentrale Steuerung entlastet und eine partielle Selbstorganisation ermöglicht.

Wer in Zukunft noch leibhaftig in die Fabrik muss, benötigt keinen Schlüssel mehr. Die Zugangskontrolle wird über das Smartphone z. B. mit „Key2Share“ geregelt, wie sie das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) entwickelt. „Manager sind die größten Sicherheitslücken, weil sie kein Passwort eingeben wollen“, warnt Prof. Ahmad-Reza Sadhegi, wissenschaftlicher Direktor am Fraunhofer-SIT.

Das System für einen sicheren Zutritt zu Gebäuden erscheint so ausgereift, dass Bosch daran mitarbeitet: „Wir haben mögliche Szenarien zum Einsatz entwickelt“, berichtet Jürgen Alz vom Bosch-Geschäftsfeld Gebäudesicherheit. „Key2Share ist aus unserer Sicht das letzte Puzzlestück, um eine komplette Lösung anzubieten.“

Auch das Projekt „Display as a Service“ hat schon einen realen Partner gefunden. Es werde den Einsatz von Displays „revolutionieren“, so Intel-CTO Justin Rattner – viele Kabel verschwinden, weil die Netzwerkverbindung genutzt wird, um die Bildpixel zu übertragen.

Die durch Smartphones veränderten Nutzergewohnheiten fordern Softwareentwickler heraus. Daraus ist der Trend zur „Konsumerisierung“ entstanden. Die Nutzerfreundlichkeit oder auch „Usability“ lässt sich wissenschaftlich messen, heißt es am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government der Uni Potsdam. „Wir ermitteln Usability-Parameter der betrieblichen Anwendungssysteme und ihren Einfluss auf die Qualität der Prozesse bei mittelständischen Unternehmen“, erklärt Prof. Norbert Gronau. „Wir können somit schnell sagen, ob sich ein bestimmtes System für das Unternehmen lohnt.“

„Simulation senkt die Kosten“, betont auch Michael Erhard vom Informationstechnikdienstleister TDS. Mit SAP Hana werden Auswertungen „praktisch in Echtzeit“ durchgeführt. Wenn damit z. B. Logistikdienstleister vermeiden können, dass Pakete verloren gehen, dann verbessert das den operative Gewinn automatisch.

Die Fertigungsindustrie sorgt für starke Umsätze in der Branche der Informations- und Telekommunikationstechnik (ITK). Das Marktvolumen beziffert der Bitkom auf 27 Mrd. €. Durch das stationär und mobil nutzbare Internet wachsen reale und digitale Welt zusammen. Mit der rapide beschleunigten Automatisierung verändert sich nicht nur die Alltagsorganisation, sondern insbesondere auch die Arbeitswelt.

Deutschland marschiert voran: In den USA zählt man erst die dritte industrielle Revolution, während die deutsche Wirtschaft schon bei der vierten angekommen ist – allerdings handelt es sich nach der Erklärung von Martina Köderitz vom Bitkom-Präsidium um eine Frage der Bezeichnung, nicht um inhaltliche Differenzen. Für die Amerikaner ist die Einführung der digitalen, numerischen Steuerung nicht bedeutend genug, um als Revolution zu gelten.

Jedoch: Die Menge an digitalen Daten nimmt stark zu. „Veränderungen von tektonischer Gewalt“, nennt es Intels Vizepräsident Gordon Graylish. 90 % der bisher gesammelten Daten seien in den vergangenen zwei Jahren erzeugt worden. 2012 waren es 2,5 Zettabyte, 2015 sollen es schon 7,5 Zettabyte sein. Die Herausforderung für die Unternehmen besteht nun darin, mithilfe von Big-Data-Technologien Zusammenhänge zu analysieren – und zwar deutlich schneller als bisher.

Gerald Müller vom Systemhaus Alltrotec aus Dresden sieht zudem einen Trend zur Durchgängigkeit von der Absatzplanung bis tief in die Fertigung. Von der ERP-Ebene wachse die Zahl der Verknüpfungen nach unten. Während nach seiner Einschätzung bei mehr als 95 % der Unternehmen bereits ein ERP-System im Einsatz sei, liege die Abdeckung mit einer MES-Lösung bei etwa 20 %. ERP-Projekte amortisieren sich in der Regel nach vier bis fünf Jahren, ergänzt Müller, aber eine Fertigungsoptimierung schon nach sechs bis neun Monaten.

Etwa ein Drittel der Unternehmen im Mittelstand hat keine Transparenz in der Fertigung, so lautet die Einschätzung der Tisoware Gesellschaft für Zeitwirtschaft, Stuttgart. „Unser neues Management-Cockpit hilft, effizienter zu arbeiten“, erklärt Prokurist Rainer K. Füess. Eine „deutliche Nachfrage ist schon jetzt kurz nach der Einführung zu spüren“, sagt Sabine Dörr, geschäftsführende Gesellschafterin. Alle Ereignisse fließen in eine zentrale Datenbank und bilden ein integriertes System rund um Human Ressources, Security und MES. Die umfassende Lösung bindet auch biometrische Sicherheitslösungen ein, darunter einen Handvenenscanner, der einen hohen Komfort mit maximaler Hygiene vereinbart.

ERP-Hersteller setzen stark auf Bedienfreundlichkeit. Sowohl Proalpha als auch Abas zeigten auf der CeBIT eine Version mit entsprechend überarbeitetem Bedienkonzept. Zudem wurde in Hannover deutlich, dass die Systeme auch an die zunehmenden Mobilitätsanforderungen der Anwender angepasst werden. GEORG DLUGOSCH

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