Cloud-Computing 16.07.2020, 09:58 Uhr

Datenfriedhof oder Juwelen: Ingenieure haben es mit der Cloud selbst in der Hand

Die Cloud bietet Vorteile für kleine und mittlere Unternehmen sowie für Konzerne – aber nur, wenn die Lösungen und Daten, das heutige Unternehmensgold, richtig genutzt werden. Paul Hauser ist CEO von Ventus Cloud. INGENIEUR.de hat mit ihm über die Chancen der Cloud für die Industrie gesprochen und warum Ingenieure immer noch mit Datenfriedhöfen arbeiten.

Die Cloud-Wolke

Die Cloud-Wolke hebt die Industrie auf ein neues Level.

Foto: panthermedia.net/maximsamos

INGENIEUR.de: Inwieweit kann die Cloud die Industrie auf das nächste Level heben?

Hauser: Ja, wo soll ich da anfangen. Cloud-Services in der Industrie meinen ja oftmals Managed-Services und gemanagte Datenbanken. Es geht aber auch um künstliche Intelligenz und Machine-Learning-Applikationen. Und ohne Cloud-Infrastruktur ist es für ein KMU-Unternehmen ohne Cloud Services sehr schwer, solche Applikationen abzubilden. Man hat weder die Infrastruktur im Haus noch das nötige Personal. Möchte man zum Beispiel eine Machine-Learning-Applikation testen und benötigt dazu einen Grafikkartenrechner, beträgt die reine Vorlauf- und Bestellzeit vier bis sechs Monate. Dann habe ich immer noch keinen Service installiert. Bis das alles läuft, ist die Grafikkarte schon wieder veraltet. Wenn ich Cloud-Computing setze, habe ich innerhalb einer halben Stunde Services installiert und kann loslegen. Für Großunternehmen wie BMW oder Siemens, die die Infrastruktur im Haus haben, spielt das vielleicht eine untergeordnete Rolle. Doch Industrieunternehmen bis 1.500 Mitarbeiter haben weder das Know-how noch die Infrastruktur im Haus.

Die Cloud ist direkt verfügbar, Sie sprachen die lange Vorlaufzeit von herkömmlichen Rechenleistungen an. Woran liegt es, dass Unternehmen da so lange warten müssen?

Wenn ich zum Beispiel einen GPU Server bestelle, beträgt die Zeit der Konfiguration drei Monate – und das ist dann schon schnell. Das ist einfach so. Chips kommen aus Asien und viele andere Komponenten werden auch nicht in Europa hergestellt.

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Sie sind ja eine Kooperation mit Automatic Server eingegangen. Worin bestehen hier die Vorteile?

Automatic Server ist auf größere Unternehmen spezialisiert und stellt für diese individuelle Managed-Services bereit. Sehr spezielle Business-Anforderungen an die Datenbank oder Website können so abgebildet werden. Als Beispiel: Ein Kunde hat 700 Zugriffe pro Sekunde auf die Website, in Spitzenzeiten 6.000 Zugriffe pro Sekunde. Da reicht eine normale Datenbank nicht mehr aus. Sie sollte dann geclustert sein, einen speziellen Cache aufweisen und so weiter. Das System wird individuell ausgelegt. Die Infrastruktur wird kontinuierlich gepflegt – und das im Hintergrund. Entwickler des jeweiligen Unternehmens brauchen nicht eingreifen und können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Können Sie den Begriff Managed-Services nochmal in wenigen Sätzen erklären?

Sie mieten sich einen Service im Internet und installieren darauf eine Datenbank. In diesem Augenblick müssen Sie sich aber auch selbst um die Datenbank kümmern. Oder Sie installieren ein Machine-Learning-Tool. Updates, Implementierungen und Co. obliegen aber auch Ihrer Ausführung. Wenn Sie nun Managed-Service nutzen, sagen Sie, das ist meine Software-Infrastruktur, mein Web-Server, zwei Datenbanken und eine App-Applikation gibt es auch noch. Das soll in einer gewissen Verfügbarkeit bereit stehen und alles soll in Deutschland, Österreich und der Schweiz gespielt werden. Wenn das alles für Sie übernommen wird, dann spricht man von Managed-Service.

Danke für die Erklärung. Eine Formulierung ist auf Ihrer Website aufgefallen. Dort sprechen Sie von modernen Cloud-Services. Gibt es auch „alte, unmoderne“ Cloud-Services?

Also der Satz hat einen tiefen Kern. Ein virtuelles Rechenzentrum gehört mir ja erstmal nicht. Bei alten Cloud-Services, betreibt der Nutzer dennoch alles selbst. Ein moderner Cloud-Service ist ein Managed-Service, Software-as-a-Service bzw. Plattform-as-a-Service. Infrastruktur als Cloud ist hingegen ein alter Service. Viele Kunden kommen auf uns zu und wollen 100 Server in einer bestimmten Größe. Dann wird ein Angebot erstellt. Beim Betrachten der Architektur der bestehenden Infrastruktur fällt oft auf, dass Schwachstellen vorliegen. Wir arbeiten dann einen Vorschlag zur Optimierung aus. In der Regel entscheidet sich der Kunde für den Managed-Service, da er sich nicht selbst darum kümmern will.

Jira gehört auch zu Ihrem Portfolio. Das ist ja ein beliebtes Entwickler- und Projektmanagement-Tool. Können Sie die Vorteile für die Industrie nennen?

Jira ist strukturiert. Die Industrie hat ja meistens langfristige Strukturen und Entwicklungen. Wenn Produkte auf den Markt geschmissen werden, ist der Lebenszyklus ja relativ kurz, um schnell auf Entwicklungen und Bedürfnisse auf dem Markt zu reagieren. Wenn ein Maschinenbauer eine Entwicklung in der Industrie anstößt, dauert der Prozess bis zum „Go-to-market“ zwei bis drei Jahre. Daher sind neue Tools wie Jira und Confluence nicht durchgängig implementiert. Oft gehen wir zu Industrieunternehmen und beraten Sie, dass Prozessoptimierung mit Outsourcing-Tools abgedeckt werden können. Es gibt da oft sehr große Wissensunterschiede. Da hilft Jira, alle Projektbeteiligten, auch über Länder hinweg, miteinander zu verbinden.

Der Klassiker ist ja immer noch die Angst vor Datenklau durch eine Cloud-Nutzung. Wie entkräften Sie solche Befürchtungen der Unternehmen?

Wir haben nur Rechenstandorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir unterliegen keinem US-Gesetz, sondern der nationalen beziehungsweise europäischen Gesetzgebung. Wir sind nicht verpflichtet, Daten von Kunden an externe Behörden weiter zu reichen. Außer es liegt ein richterlicher Beschluss vor, aber das ist ja ein anderer Fall. Das kommunizieren wir klar an unsere Kunden. Bei größeren Kunden geht es ja auch oftmals um eine Hybride Cloud, also ein Teil der Infrastruktur wird im Haus des Kunden abgebildet. Der andere Teil wird in unserer Cloud abgebildet. Alles, was sicherheitsrelevant ist, behält der Kunde dann zum Beispiel im Haus.

Persönliche Ansprechpartner mit Gesicht setzen sich für Ihre Daten ein: So kann man es auf Ihrer Website lesen. Was kann man sich denn darunter vorstellen? Was meinen Sie damit?

Unser Konzept sieht vor, dass wir persönlich mit dem Kunden sprechen und fragen, was genau benötigt wird. Uns interessieren ja keine verschlüsselten Kundendaten, die kann der Kunde anonymisiert behalten, wir wollen ein Konzept ausarbeiten. Ob Kundenverhalten, Standorte und andere Datentypen: Wir erstellen für den Kunden Algorithmen zur Auswertung – und das individuell für den jeweiligen Case. Wir haben intern auch einen Anwalt, der alles rechtssicher für die Kundenprojekte abwickelt. Bis ein Konstrukt steht, können auch bis zu zwei Monate vergehen. Doch die Rechtssicherheit und Zufriedenheit unserer Kunden ist uns wichtig. Wenn man sich da mal die US-Kollegen anschaut, die interessiert sowas nicht. Da kommt der Anwalt erst, wenn es womöglich zu spät ist.

Die perfekte Cloud-Struktur für einen Mittelständler und für einen Konzern: Wie sieht die aus?

In Europa merken wir, das Wichtigste ist der Datenschutz. Speziell die Betreuung des Legacy-Part ist gefragt. Das nimmt die Angst, den Weg in die Cloud zu gehen. Performance, Verfügbarkeit und Service sind für beide Unternehmensstrukturen entscheidend. In vielen europäischen Unternehmen gibt es keine Cloud-Strategie, da muss erstmal ein individuelles Konzept ausgearbeitet werden. Moderne IT-Services gelten sowohl für kleine als auch große Firmen – welches Unternehmen hat schon noch eine IT-Abteilung, die das alles alleine stemmen kann? Bei Konzernen gibt es ja auch Einschränkungen im Rechte-Rollen-Prinzip. Wer wie Zugriffe auf die Cloud bekommt, muss erstmal geklärt sein. Ein Beispiel kann ich nennen: Wenn ein Unternehmen eine Mail schreibt und 50 Personen nennt, die Zugriff erhalten sollen, kommt heraus, dass einer der Personen seit einem halben Jahr gar nicht mehr für das Unternehmen tätig ist.

Wenn wir jetzt mal auf die Ingenieure zu sprechen kommen. Es wird oft gesagt, dass Ingenieure immer mehr IT-Skills brauchen. Wie sehen Sie das?

Also ich glaube, dass ein Ingenieur immer schon relativ hohe IT-Skills gebraucht hat. Allein schon, um seine eigenen Tools bedienen zu können, sei es 3D-Tools oder anderes. Es geht aber jetzt immer mehr Richtung IoT, Vernetzung von Anlagen und Machine-Learning. Dort braucht ein Ingenieur in Zukunft noch mehr Skills. Vielleicht nicht unbedingt IT-Skills, aber ein ganzheitliches, übergreifendes Denken. In den letzten Wochen hatte ich zum Beispiel mehrere Termine bei Maschinenbauern. Da ist es doch erstaunlich, wie viele Maschinenbauingenieure nur an seine Maschinen denkt, aber nicht an ein nachgelagertes Geschäftsmodell. Die Maschine produziert ja tonnenweise Daten, die ausgelagert irgendwo liegen. Das ist dann ein Datenfriedhof. Das Potenzial, dass diese Daten die Maschine noch besser machen können, wird oft nicht gesehen. Mit den Daten lässt sich ja bares Geld verdienen, da es die Produktivität erhöht. Jeder Ingenieur kann ohne tiefgreifende IT-Skills eine Maschine in acht bis zehn Stunden mit einer KI verbinden.

Das geht aber doch schnell…

Ja, und wenn man bedenkt, dass es vorher oft hieß, dass keine Ressourcen dahingehend aufgebaut werden sollen. Mit den entsprechenden Tools, wollen Kunden auf einmal innerhalb von zwei Wochen künstliche Intelligenz nutzen. In Europa müssen wir einfach lernen, Machine-Learning näher an den Maschinenbauingenieur heranzutragen. Und zwar so, dass der Ingenieur es mit seinem Basiswissen implementieren kann.

Viele Arbeitnehmer haben ja eher Angst, dass sie durch die KI ersetzt werden. Und dann alles nur noch die Maschine erledigt.

Die Frage ist eher, ob es irgendwann eine Maschine macht, die wir betreuen oder ob die Maschine aus Asien kommt und uns nicht mehr braucht.

Bei Ihnen kann man als Software Architect arbeiten. Was verbirgt sich hinter der Stelle und ist das auch für Ingenieure geeignet?

Software Architect verstehen wir so: Es gibt einen Code-Schreiber, der sich nur um die Software kümmert. Und dann gibt es einen Developer, der sich nur um die Architektur kümmert. Der Software-Architekt ist sehr nah am Kunden und muss das Gesamtbild im Überblick haben. Ob KI-Applikationen oder nachgelagerte Geschäftsmodelle: Bei dieser Stelle steht das große Ganze im Fokus. Es bringt ja nichts zu sagen, jetzt bringen wir die Daten in die Cloud und dort liegen sie im Friedhof. Die Aufgabe ist es von A bis Z alles zu betreuen und in vielen Cloud-Bereichen wie dem Domain-Wissen Know-how aufweisen. Ingenieure haben die Chance hier Fuß zu fassen.

Danke für das Interview!

Porträt Paul Hauser

Paul Hauser, Geschäftsführer von Ventus Cloud.

Foto: Hauser

Ventus Cloud AG ist ein europäischer Cloud-Anbieter, mit Hauptsitz in der Schweiz, welcher Cloud-Infrastrukturprodukte für Unternehmen aller Art und Größenordnungen anbietet. Das Unternehmen bietet eine Reihe von skalierbaren, flexiblen Cloud-Infrastrukturprodukten an, darunter Cloud Server, Cloud Block Storage, Private Cloud Network, Cloud Firewall, Kubernetes, IaaS, Paas und mehr.

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