Chemie 04.03.2005, 18:37 Uhr

Wie aus „Bio“ Chemie wird  

VDI nachrichten, Berlin, 4. 3. 05 – Die Nutzung von Biomasse könnte die Volkswirtschaften in den nächsten Jahren verändern. Gewinnen werden nur die Wirtschaftsräume, die rechtzeitig biobasierte industrielle Produkte und Bioraffinerien fördern. Während in den USA Chemie, Biotechnologie und Landwirtschaft vielerorts schon kooperieren, fällt deutschen Unternehmern das Umdenken noch schwer.

Wir müssen weg vom Öl“, fordert Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL). Nicht nur bei Kraftstoffen und Stromversorgung, auch in der Chemischen Industrie: „Nachwachsende Rohstoffe sind dort vielfältig einsetzbar und wir verfügen über die Technologien, sie effizient zu nutzen.“

Damit aber aus „Bio“ Chemie wird, braucht man komplexe Technologien, so genannte Bioraffinerien. „Der Rohstoff ist komplexer aufgebaut als Erdöl, ist deshalb nicht so einfach aufzuspalten“, sagt Michael Kamm, von der Firma biorefinery.de, Potsdam. Deutsche Unternehmen seien führend, was die Technologien zur Nutzung der Biorohstoffe betrifft. „Der Erfolg einer Rohstoffpflanze hängt davon ab, ob sie biobasierte Building Blocks liefern kann“, erklärt Rainer Busch, Dow Deutschland in Rheinmünster. Das sind molekulare Bausteine, die biotechnisch oder chemisch in viele Chemikalien oder Materialien umgebaut werden können.

Weltweit sind aktuell Bemühungen im Gange, durch Rasterung des Leistungsvermögens industriell machbare biobasierte sowie stammbaumfähige Building Blocks, die sich baukastenartig kombinieren lassen, zu finden.

Die Industrie ist heiß auf Biostoffe. Einige Branchen wären, so Künast, heute schon aufgeschmissen ohne nachwachsene Rohstoffe. Etwa Biohochleistungsschmierstoffe und Bioverbunde für Kfz: Sie sind längst Stand der Technik und haben ihren Markt erobert. Heute sind über 450 verschiedene Bioschmierstoffe im Handel: Egal ob Hydraulik-, Motor-, Sägeketten- oder Haushaltsöl, für fast jede Anwendung gibt es ein Produkt. Ihr Vorteil gegenüber herkömmlichen Ölen: Sie halten länger und schmieren besser, sind zudem biologisch schnell abbaubar.

Wo aber liegt das Potenzial für die Zukunft? Biokonversion ist so ein Schlagwort. Es umschreibt die Veredlung von Bio-Rohstoffen durch Mikroorganismen oder Enzyme zu hochwertigen Chemikalien. Dadurch entstehen z. B. neue organische Zwischenprodukte, Fein- und Spezialchemikalien oder Biopolymere.

Die USA treiben momentan die Umstellung auf eine Biomassewirtschaft massiv voran, so Busch von Dow Deutschland. Bis zum Jahre 2030 sollen ein Viertel der derzeit auf fossilen Rohstoffen basierenden organischen Grundstoffe und ein Zehntel der Öle und Kraftstoffe auf eine biologische Rohstoffbasis umgestellt und vorrangig mit Bioraffinerie-Technologien produziert werden. Eine ungeheure Aufgabe. Die chemische Industrie ist, global betrachtet, eine Branche mit 1500 Mrd. $ Umsatz und über 70 000 Produkten. Auch das Potenzial in Deutschland wäre enorm, wo die chemische Industrie jährlich einen Umsatz von ca. 136 Mrd. ? erreicht und im internationalen Vergelich auf Platz drei hinter den USA und Japan liegt.

Wo aber steht Deutschland wirklich? Trotz Einzelprojektförderung durch Bund und EU würden nachwachsende Rohstoffe hierzulande noch nicht in dem Umfang genutzt, wie es ihrem Potenzial angemessen wäre, meint Busch. Um nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten, sind eine Reihe von Initiativen ins Leben gerufen worden (s. Kasten).

Biokunststoffe aus Stärke, Zucker oder Pflanzenöl finden in Verpackungen, Einweggeschirr oder Pflanztöpfen den Weg auf den Markt. Naturfaserverstärkte Kunststoffe stecken im modernen Fahrzeug – und zwar durchschnittlich etwa 16 kg. Fasern aus Flachs oder Hanf verstärken Türverkleidungen von Autos oder Waggons. Jetzt erprobt die Wissenschaft ihren Einsatz auch für Kanus oder Rotorblätter von Windkraftanlagen. BETTINA RECKTER

@ www.biorefinery.de

www.dow.de

Einen Überblick über den Stand der Biomasse-Industrie gibt „Nachrichten aus der Chemie“ 2/05.

Von Bettina Reckter

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