Chemie 03.05.2002, 17:34 Uhr

Vom Stift zum Firmenchef

Ein Lehrling wird im selben Betrieb niemals Meister – aber manchmal Vorstandsvorsitzender. Das jedenfalls gelang Werner Wenning, der am vergangenen Freitag Bayer-Chef Manfred Schneider beerbte. Wennings gesamtes (Berufs-)Leben kreist um den Leverkusener Chemiekonzern, es stand sprichwörtlich im Schatten der Schlote am Rhein.

1966 begann der gebürtige Leverkusener eine Lehre als Industriekaufmann bei Bayer – im selben Jahr übrigens, als der promovierte Volkswirt und sein späterer Freund Manfred Schneider ins Unternehmen einstieg. Bereits vier Jahre später baute Wenning bis 1975 die Bayer-Tochter in Peru auf. Diese fünf Jahre Auslandserfahrung mit bescheidenen Bordmitteln – Wennings Schreibtisch in Südamerika war zeitweise eine Tischtennisplatte – machen im Wesentlichen die Internationalität aus, die der Nicht-Chemiker und Nicht-Akademiker an der Bayer-Spitze aufzuweisen hat. Hinzu kommen sein zeitweiser Job als Bayer-Landeschef für Spanien und ein Jahr „Leiharbeit“ bei der Berliner Treuhandanstalt.
Dass er es als Eigengewächs trotzdem an die Spitze des Global Players Bayer geschafft hat, spricht für Wennings Durchsetzungskraft und für die Aufgaben, vor denen der langjährige Finanzvorstand steht: Bayer wird umgebaut als Folge der Krise um das Medikament Lipobay. Dabei ist Lipobay nur der Auslöser für die Neustruktur. Schon der scheidende Bayer-Chef Schneider musste immer wieder Forderungen von Aktionärsgruppen abwehren, seinen Konzern schlank auf ein Sparte herunter zu schneiden. Konglomorate wie Bayer sind bei Analysten nicht gerade attraktiv.
Wenning will einen Spagat schaffen. Einerseits sagt der 55-Jährige: „Ich übernehme einen Konzern, der in hervorragender Verfassung ist“, andererseits baut er ihn in eine Management-Holding um. In der werden die vier Sparten Gesundheit, Pflanzenschutz, Chemie und Kunststoffe eigene Aktiengesellschaften mit allen Vor- und Nachteilen. Sie können relativ eigenständig arbeiten, müssen aber ihre Ergebnisse abliefern.
Die Holding kann eine AG leichter handhaben, weiß der Bayer-Kenner Wenning. Eigene AGs erleichtern die Partnersuche, aber auch den Verkauf. In 36 Jahren Bayer trauen die Aktionäre dem 1,90-m-Mann Wenning zu, die intime Sachkenntnis und gleichzeitig den innerlichen Abstand zum Unternehmen zu haben, um die Firma auf Effizienz und Ertrag zu trimmen.
MARTIN ROTHENBERG

Von Martin Rothenberg

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