Chemie 04.02.2011, 19:51 Uhr

Vereinte Nationen werben weltweit für Chemie

Mit dem „Internationalen Jahr der Chemie“ will die Industrie zeigen, was sie kann. Dabei geht es nicht um Chemie per se. Chemische Stoffe sind nur Mittel zum Zweck: unerlässliche Helfer, um den Klimawandel zu verlangsamen, den Hunger zu bekämpfen, Menschen gesünder zu machen und Mobilität für alle bereitzustellen.

Unter dem Motto „Chemie: Unser Leben, unsere Zukunft“ wirbt die UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) 2011 für Chemie. „Es ist eine faszinierende Wissenschaft, deren Produkte uns überall umgeben“, sagte Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova, als sie Ende Januar in Paris das Internationale Jahr der Chemie (IJC) eröffnete. Die UN-Organisation ehrt gleichzeitig die Physikerin Marie Curie, die vor 100 Jahren als erste Frau den Nobelpreis für Chemie erhielt.

Vom Mobiltelefon zu neuen Medikamenten, von der Ernährungssicherung zur Energieversorgung – Chemie steigert die Lebensqualität heutiger und künftiger Generationen. Das wisse leider kaum jemand, bedauerte Nicole Moreau, Präsidentin der Internationalen Union für reine und angewandte Chemie (Iupac).

Die Organisation, deren deutsches Mitglied die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) ist, hatte die Idee zum IJC. Zu oft gelte Chemie als Ursache für Krankheiten und verschmutzte Umwelt, „dabei bietet die Wissenschaft Lösungen gegen Hunger, für Klimaschutz und für eine sauberere Umwelt“, so Moreau.

Chemie brauche ein besseres Image, meinte Moreau. „Wir wollen jedem – ob Jung oder Alt, ob Mann ob Frau – die Möglichkeit geben, chemische Prozesse zu verstehen“, ergänzte Bokova.

Im Fokus des IJC steht der junge Mensch. Unesco und Iupac starteten daher ein weltweites Experiment: Schüler auf allen Kontinenten sollen mehr über die chemische Zusammensetzung von Wasser – dem Lebensmittel Nr. 1 – erfahren. Dafür erhalten sie Teststreifen, um pH-Wert und Chlorgehalt zu messen. Gemeinsam mit den Lehrern sollen sie sich weltweit vernetzen und darüber austauschen. Ende 2011 wollen Unesco und Iupac die Ergebnisse präsentieren.

In Afrika und Europa findet zum selben Thema ein Kunstwettbewerb statt. Bis 23. Februar können 11- bis 15-Jährige ihre Eindrücke von Wasser in Bildern, Zeichnungen, Collagen und Fotografien dokumentieren. Und bis Mitte Juni fordert der Fonds der Chemischen Industrie Schüler auf, mit Pflanzenfarbstoffen als Indikator für den pH-Wert zu experimentieren. Gewinner ist, wer die bunteste Farbpalette erstellt.

Zurück zur Eröffnungsveranstaltung: Politiker und Forscher benannten ihre Erwartungen an die Chemie, Firmenvertreter sprachen von deren Möglichkeiten. „Eine grüne Chemie sei notwendig“, meinte Valérie Pécresse, französische Ministerin für Bildung und Forschung. Sie fordert eine ressourcen- und energieschonende Chemie.

„Nur mit Chemie lassen sich die großen Herausforderungen der Welt meistern“, sagte BASF-Vorstandsmitglied Hans-Ulrich Engel. Im Jahr 2050 wollen 9 Mrd. Menschen essen, ein Dach über dem Kopf haben und sich fortbewegen. Styropor könne hier als Isoliermaterial helfen und Plexiglas als leichtes, stabiles Baumaterial. Spezialchemikalien in Batterien unterstützen die elektrische Mobilität. Und mit Pestiziden und gentechnisch veränderten Pflanzen lassen sich Ernteerträge erhöhen, glaubt Engel.

Dass Chemikalien helfen, Lebensumstände zu verbessern, ist für Engel nicht neu. Er verweist auf das vor rund 100 Jahren entwickelte Haber-Bosch-Verfahren, mit dem erstmals Ammoniak großtechnisch hergestellt werden konnte. Das war Voraussetzung, um große Mengen Kunstdünger herzustellen und Ernteerträge zu erhöhen. Engel betonte auch, dass für viele Entwicklungen die Zusammenarbeit mit Ingenieuren, Physikern, Materialwissenschaftlern, Architekten, Computerfachleuten, Biologen und Medizinern nötig sei.

Doch nicht immer reiche diese Zusammenarbeit, so Marcel Tanner, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts in Basel. Die pharmazeutische Industrie tue bislang zu wenig gegen relativ seltene Krankheiten wie die Schlafkrankheit und Wurmerkrankungen wie die Bilharziose. Tanner: „In der Summe leiden mehr Menschen an solchen Krankheiten als an Malaria.“

Sinnvoll sei es, wenn Unternehmen und staatliche Forschungseinrichtungen mehr kooperierten, so wie das bereits für die Malaria und Tuberkulose erfolgreich praktiziert wird. Doch allein auf Chemie und biomedizinische Forschung für neue Diagnosemittel, Medikamente und Impfstoffe zu vertrauen, genüge nicht. Medikamente müssten für alle erreichbar und bezahlbar sein.

Auch Ernährungswissenschaftlerin Anna Lartey von der University of Ghana erwartet mehr von der Chemie. Chemiefirmen sollten helfen, so Lartey, die Mangelernährung bei Kindern mit Vitaminen oder Mineralstoffen zu beseitigen. Zu Recht: Weltweit sind 178 Mio. Kinder unter fünf Jahren körperlich unterentwickelt – Hauptgrund ist Unterernährung während der Schwangerschaft und den ersten beiden Lebensjahren.

So forderte schon 1996 der Welternährungsgipfel, die Zahl unterernährter Menschen bis 2015 zu halbieren. „Die Bekämpfung der Unterernährung ist aber unterfinanziert“, beklagt Lartey. Die Weltgemeinschaft gebe deutlich mehr für die Bekämpfung von AIDS aus als gegen die Unterernährung. Nach Angaben der Weltbank seien 10 Mrd. $/Jahr weltweit nötig. Das könnte über 1 Mio. Menschenleben retten und 30 Mio. mehr Kinder ausreichend ernähren.

Die Eröffnungsfeier war keine reine Jubelveranstaltung. Für Unesco-Präsidentin Bokova müssten Chemikalien sicher eingesetzt werden. „Die Verantwortung eines jeden liegt darin, die Entdeckungen der Chemie nachhaltig anzuwenden.“ Kurzfristige Ziele dürften Projekte, die sich vielleicht erst mittelfristig auswirkten, nicht gefährden. R. AHRENS

Von R. Ahrens

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