Chemie 23.11.2001, 17:31 Uhr

Toluol kommt nicht unter Druck

Nach 10 Jahren liegt jetzt eine der umfangreichsten Feldstudien zum Lösemittel Toluol vor. Arbeitgeber und Arbeitnehmer frohlocken über die Unbedenklichkeit des Toluols – allerdings gilt dies nur, solange die gesetzlichen Grenzwerte auch eingehalten werden. Ein Freibrief für den toxischen Stoff ist dies mitnichten.

Selten einmütig saßen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung letzte Woche an einem Tisch. Sie lobten gemeinsam eine Studie, die „geholfen hat, Arbeitsplätze in der Druckindustrie zu erhalten“, wie es Gisela Kessler als Vertreterin der IG Medien in Ver.di formulierte.

„Die Studie zeigt, dass es beim Einsatz des Arbeitsstoffes Toluol keinen Handlungsbedarf gibt“, meinte Horst E. Hügle vom Bundesverband Druck und Medien e.V. (BVDM). So das Ergebnis der wohl umfangreichsten und mit geschätzten 12 Mio. bis 14 Mio. DM sicher eine der teuersten Studien zum Umgang mit einem Arbeitsstoff, finanziert vom Hauptverband der Berufsgenossenschaften (HVBG).

Im Tiefdruck ist Toluol zurzeit als Lösemittel kaum zu ersetzen. Zeitschriften, Hochglanzbroschüren, Kataloge und teilweise Verpackungen lassen sich bislang nicht mit wasserlöslichen Farben im Tiefdruck bedrucken.

Schon wegen seiner chemischen Verwandtschaft zum Krebs auslösenden Benzol gilt Toluol als hoch problematisch. Studien aus Dänemark und Schweden legen beim täglichen Umgang mit Toluol durchaus Gefährdungen für das Nervensystem nahe. Die MAK-Liste (MAK: Maximale Arbeitsplatzkonzentration) führt Toluol mit einem Wert von 50 ppm (parts per million) auf.

So entstand vor über zehn Jahren auf Initiative der Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung (bgdp) die umfassende, mehrteilige Studie „Toluol in Tiefdruckereien“, deren letzter Teil vergangene Woche in Frankfurt/Main vorgestellt wurde.

„Bei allen Untersuchungen wurden keine Effekte gefunden, die gesundheitliche Bedeutung haben“, resümierte Albrecht H. Glöckle von der BGDP. Es seien weder Effekte in Abhängigkeit von der Dauer noch von der Intensität der Toluolexposition nachgewiesen worden.

Die Studie stellt dem Lösemittel Toluol dennoch keinen Freibrief aus, denn „nur wenn die Grenzwerte eingehalten werden, ist von einer Unbedenklichkeit auszugehen“, betont Prof. Andreas Seeber vom Institut für Arbeitsphysiologie der Universität Dortmund. Denn der Expositionswert der Beschäftigten sei von 140 ppm (1970) auf inzwischen durchschnittlich 25 ppm, die Hälfte des MAK-Wertes, gesunken.

Oberhalb von 100 ppm sei durchaus mit Effekten auf das Nervensystem zu rechnen, doch das sei noch nicht untersucht, so Prof. Seeber. Die skandinavischen Arbeiten seien von höheren Belastungen ausgegangen und hätten diese Ergebnisse dann auf die niedrigen Expositionen am Arbeitsplatz heruntergerechnet. „Das war unzulässig, da der menschliche Organismus im unteren Expositionsbereich sehr wohl in der Lage ist, mit Toluol-Belastungen fertig zu werden, den Stoff abzubauen und so eine Kumulation im Gewebe zu verhindern“, meint der Mediziner.

Die ersten Teile der Untersuchungen, die Forscher der Freien Universität Berlin in den Jahren 1993 bis 1996 an 1300 Probanden anstellten, beschäftigten sich mit so genannten Querschnitt- und Längsschnittstudien zu möglichen akuten Effekten, zur Dosis-Wirkungsbeziehung und zu möglichen Kumulationseffekten.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg verglich in einer Kohortenstudie die Sterblichkeit der Beschäftigen im Tiefdruck mit der der Allgemeinbevölkerung. Letztlich ging es bei den Untersuchungen durch das Hamburger Nordig-Institut um die Frage, ob die Arbeit im Tiefdruck die Fruchtbarkeit beeinträchtigt.

Prof. Andreas Seeber erforschte im jetzt vorgestellten letzten Studienteil, ob es mögliche neurotoxische Langzeiteffekte durch Toluol gibt. Dazu stellten die Mediziner arbeitsmedizinische, verhaltenspsychologische und sinnesphysiologische Untersuchungen an, die sie durch Blut-, Serum- und Urinanalysen ergänzten. Mögliche sinnesphysiologische Veränderungen erfassten sie durch Messungen der Hörschwelle, des Farbsehens und des Körpergewichts.

Die Ergebnisse seien so eindeutig, „dass wir für die Druckindustrie keinen Handlungsbedarf beim Einsatz von Toluol sehen“, kommentiert Horst E. Hügle vom BVDM die Studie. In der Vergangenheit sei immer wieder die Substitution von Toluol im Tiefdruck gefordert worden, doch das sei weder technisch möglich noch gesundheitlich erforderlich. Die Ergebnisse der Studie müssten bei der europäischen Gesetzgebung berücksichtigt und die geltenden Grenzwerte endgültig durch das „Scientific Commitee of Occupational Exposure Levels (SCOEL)“ festgeschrieben werden.

 MARTIN BOECKH

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