Chemie 27.08.1999, 17:22 Uhr

Seveso-Gift in geringen Mengen ungefährlich?

In jüngster Zeit laufen sich die Skandale im Lebensmittelsektor gegenseitig den Rang ab. Doch nun kommt endlich einmal eine halbwegs gute Nachricht aus den Labors. Karlsruher Forscher behaupten, daß Dioxin in geringen Mengen ungefährlich ist.

Fast wie eine Entwarnung klingt das, was der Toxikologe Dr. Martin Göttlicher vom Forschungszentrum Karlsruhe nach all den Schreckensmeldungen der vergangenen Monate nun zu verkünden hat: In geringen Mengen seien Dioxine für die menschliche Gesundheit an sich nicht gefährlich. „Erst bei langfristiger Ernährung mit hochvergifteten Lebensmitteln oder bei Chemie-Unfällen wie dem im italienischen Seveso gelangt so viel Dioxin in den Körper, daß sich eine Giftwirkung überhaupt entfalten kann“, so der Forscher. Göttlicher glückte jetzt erstmals der Nachweis, wie Dioxine überhaupt auf lebende Zellen wirken. Damit wird auch die realistische Festsetzung eines Grenzwertes für diese Substanzgruppe möglich.
In sehr geringen Konzentrationen sind Dioxine beinahe überall in der Umwelt zu finden. Weil sie sich bei Lebewesen vorzugsweise im Fettgewebe ablagern, tauchen sie in der Nahrungskette besonders in fettreichen tierischen Lebensmitteln auf. Ungefähr 0,1 ng (milliardstel Gramm) nimmt ein Erwachsener täglich davon mit einer normalen Ernährung auf. So ergibt sich für den Menschen eine durchschnittliche Konzentration von rund 20 ng pro Kilogramm Fettgewebe. Die Halbwertszeit für den Abbau beträgt etwa zehn Jahre.
„Man müßte jeden Tag schon ein paar belgische Dioxin-Eier verzehren, um auf die erforderliche Menge zu kommen“, behauptet Göttlicher. Von der „normalen“ täglichen Nahrung hingegen seien kaum Gesundheitsschäden wie Störung des Immunsystems, Chlorakne oder gar Krebs zu befürchten. Diese Menge bewege sich zudem an der Nachweisgrenze der empfindlichsten aller verfügbaren Methoden.
Wie aber wirkt nun das gefürchtete Seveso-Dioxin, das als Synonym für 75 chemisch ähnliche Verbindungen steht? An Zellkulturen im Labor entdeckte Göttlicher, daß diese Chemikalien die Teilung der Zellen beeinflussen. Gemeinsam mit seinen Kollegen konnte er klären, welcher genetische Mechanismus dahintersteckt. Wie viele andere Substanzen, die in sehr geringen Konzentrationen wirken, benötigt auch Dioxin für seine Aktivitäten einen spezifischen Sensor in den Zellen. Dieser sogenannte Ah-Rezeptor wandert, vom Dioxin aktiviert, in den Zellkern und entfaltet dort seine üble Wirkung. Denn er schaltet ein bestimmtes Gen an, das die Zellteilung verhindert.
Jede Zellteilung wird grundsätzlich von einer Reihe von Genen beeinflußt. Einige fördern sie, andere behindern sie. Der Ah-Rezeptor schaltet das Gen Kip1 an, das die Zellteilung dramatisch abbremst – und zwar um den Faktor 4. Das heißt, in der gleichen Zeit, in der sich die Zelle normalerweise viermal verdoppeln würde, tut sie dies unter Einwirkung von Dioxin nur noch ein einziges Mal.
Das Gen, das die Zellteilung stoppt, sowie sein Produkt, ein bestimmtes Eiweiß, sind auch unter normalen Umständen in einer Zelle vorhanden. Doch erst durch die verstärkte Dioxin-Aktivierung nimmt seine Konzentration derart zu, daß es die Vermehrung der Zelle beeinflußt. Aus diesem Grunde sind sich die Forscher um Göttlicher auch so sicher, daß bei geringeren Dioxin-Belastungen im Körper keine gesundheitlichen Auswirkungen zu erwarten sind. Wie hoch genau die Schwelle anzusetzen ist, wollen die Karlsruher Wissenschaftler als nächstes klären. BETTINA RECKTER
Erst das Huhn oder doch das Ei? Beim jüngsten Dioxinskandal in Belgien war es letztlich egal, welches Nahrungsmittel zuerst aus den Regalen verschwand.
Der Labortest bleibt weiter nötig, um Dioxinkonzentrationen zu bestimmen.

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