Der Schlussakt passt zum Gesamtgeschehen 14.11.2003, 18:27 Uhr

Nach 50 Jahren ein unrühmliches Ende

Die I.G. Farben in Abwicklung hat Konkurs angemeldet und wird es somit bald nicht mehr geben. Den Auftrag, sich selbst geregelt aufzulösen und das vorhandene Restvermögen vollständig an Gläubiger und nicht zuletzt die vielen Zwangsarbeiter des Krieges auszuzahlen, hat das Unternehmen auch nach über 50 Jahren nicht erfüllt.

Die Interessengemeinschaft (I.G.) Farbenindustrie AG stand für innovative Forschung und großen wirtschaftlichen Erfolg, das ehemals größte Chemieunternehmen der Welt ist aber auch untrennbar verbunden mit den Verbrechen Nazi-Deutschlands, mit der Ermordung von Millionen Juden in den Konzentrationslagern durch Zyklon B und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern.
Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte die deutsche chemische Industrie in einem schwierigen Konzentrationsprozess die frühere Weltmarktstellung wieder zu erlangen. Im Dezember 1925 fusionierten die Konzerne Bayer, BASF, Hoechst (je 27,4%) und Agfa (9%) sowie die kleineren Chemiefirmen Cassella und Kalle und gründeten die I.G. Farbenindustrie AG. Das neue Unternehmen mit Sitz in Frankfurt a.M. entwickelte sich bis zur Weltwirtschaftskrise schnell zum zweitgrößten Konzern des Reiches mit 155 000 Beschäftigten (1928) und einem Gesamtumsatz von 1,7 Milliarden Reichsmark (1929). Die Kosten für Forschung und Entwicklung stiegen bis 1929 auf 4,12 Millionen Reichsmark, insgesamt wurden national 9000 und im Ausland etwa 30 000 Patente angemeldet. Der Vorstands- und spätere Aufsichtsrats-Vorsitzende Carl Bosch erhielt zusammen mit Gerhard Domagk 1931 sogar den Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung chemischer Hochdruckmethoden.
Die Weltwirtschaftskrise stoppte zunächst die ehrgeizigen Pläne des Unternehmens. Aber mit der Machtergreifung Hitlers begann eine unheilvolle Verquickung der Interessen des Nazi-Regimes und des Chemie-Konzerns. Trotz der noch großen Produktmängel waren besonders Buna, der synthetische Kautschuk, und das synthetische Benzin für die Machthaber interessant auf dem Weg zu einer möglichst importunabhängigen deutschen Wirtschaft. Mit Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan im September 1936 wurde dann der Weg zu intensiver Aufrüstung und letztlich zum Krieg vorgegeben. Der I.G. Farben sollte dabei eine Schlüsselrolle zukommen.
Ob die Konzernleitung diesen Weg bereitwillig oder eher zurückhaltend einschlug, ist für die Beurteilung der Schuld der beteiligten Menschen nicht ausschlaggebend – relevant sind die Tatsachen. Die I.G. Farben verdoppelte in vier Kriegsjahren bis 1943 ihren Umsatz, sie produzierte kriegswichtige Stoffe, gliederte eine Reihe von Chemieunternehmen in den besetzten Gebieten ein, errichtete 1942 das konzerneigene Konzentrationslager Monowitz bei Auschwitz als Produktionsstätte und rekrutierte in großer Zahl Zwangsarbeiter, die in vielen Fällen bis zum Tod für das Unternehmen arbeiten mussten. Und das Tochterunternehmen DeGesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) lieferte den Vernichtungs- und Konzentrationslagern Zyklon B. Mit diesem Schädlingsbekämpfungsmittel auf Blausäure-Basis wurden dann Millionen von Menschen umgebracht.
Fast ein Jahr, bis Ende Juli 1948, dauerte der sogenannte IG Farben-Prozess, der für die 23 angeklagten Manager des Konzerns glimpflich ausging. Die Höchststrafen beliefen sich auf acht Jahre Haft, aber Anfang 1952 waren alle Verurteilten bereits wieder frei. Schon im November 1945 hatte der Alliierte Kontrollrat die vollständige Enteignung und Zerschlagung des Konzerns beschlossen. Doch dann kam der kalte Krieg und im Westen erhielten Bayer, BASF und Hoechst (heute Aventis) 1951 wieder die Chance als eigenständige Unternehmen ihre Geschäfte weiterzuführen.
Ausgestattet mit Vermögensresten wurde die I.G. Farben in Abwicklung (i.A.) geschaffen. Sie sollte noch bestehende Vermögensfragen klären, Gläubigerforderungen erfüllen sowie Pensionen an ehemalige Angestellte zahlen und dann schnell liquidiert werden. Von 1948 bis 1957 zahlte das Unternehmen dann auch jährlich rund 30 Mio. DM für Pensionen an ehemalige leitende Angestellte und – nach der erfolgreichen Klage eines Häftlings des Lagers in Monowitz – 27 Mio. DM zur freiwilligen Abgeltung aller Ansprüche auf Entschädigung der jüdischen Häftlinge und Zwangsarbeiter, wobei ausdrücklich betont wurde, dass damit keine Schuldanerkennung verbunden sei.
Doch wegen zahlreicher Einsprüche und Prozesse ehemaliger Aktionäre und den Forderungen der ehemaligen Zwangsarbeiter, wurde nach Angaben der Liquidatoren die I.G. Farben i.A. bis heute nicht aufgelöst. Im Gegenteil: Seit den frühen1960er Jahren machte das Unternehmen vor allem mit dem verbliebenen Immobilienbesitz auch wieder neue Geschäfte. Auf kurzfristige Gewinne hoffende Anleger hatten in den letzten drei Jahren das Handelsvolumen der Unternehmensaktien sogar in ungeahnte Höhe getrieben. Die Besitzer der Aktien, deren Wert im letzten Geschäftsbericht der I.G. Farben i.A. mit 14 Mio. n angegeben wurde, hofften unter anderem auf Rückflüsse von Vermögenswerten des alten Konzerns in der Schweiz sowie auf Ausgleichszahlungen für die nach dem Krieg in der sowjetisch besetzten Zone und später in der DDR enteigneten Grundstücke und Gebäude.
Diese Aktionäre werden jetzt leer ausgehen. Dem Restvermögen aus Immobilien, nach Angaben der Liquidatoren in Höhe von „5 bis 10 Mio. n“, steht eine Bankschuld von 28 Mio. n gegenüber. Das nun beantragte Konkursverfahren wurde wohl notwendig, weil das Immobilien- und Beteiligungsunternehmen WCM ( interessanterweise ein ehemaliges Tochterunternehmen der I.G. Farben i.A.) seine vertraglichen Verpflichtungen in Höhe von 38 Mio. n durch den Kauf von 500 renovierten Wohnungen nicht erfüllen kann.
Kein Geld werden die letzten verbliebenen Zwangsarbeiter und Häftlinge des Lagers in Monowitz und der I.G. Farben-Fabriken erhalten. Zwar wurde zu diesem Zweck 1999 eine Stiftung gegründet – in die nach Beschluss der Aktionärshauptversammlung ein Grundkapital in Höhe von 3 Mio. DM eingezahlt werden sollte, tatsächlich waren es dann 500 000 DM -, doch kein Cent erreichte bisher die Opfer. (siehe auch letzte Seite) M. BURAZEROVIC

Ein Beitrag von:

  • Dr. Manfred Bergheim

    Der Autor und Karriereexperte gibt in seinen Artikeln Tipps wie Ingenieure und Ingenieurinnen Ihre Karrierechancen richtig nutzen.

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