Chemieverfahren 11.12.2009, 19:44 Uhr

Mitteldeutsche Chemieindustrie investiert in „grüne“ Produktion  

Die mitteldeutsche Chemie ist besser durch die Krise gekommen als erwartet. Und mehr noch: Es wurde im vergangenen Jahr sogar investiert – in neue Produktionsanlagen und Rohstoffkonzepte. Als Trend ist erkennbar, dass die Verarbeitung von fossilem Erdöl auf eine flexiblere Produktpalette umgerüstet wird und künftig auch Biomasse sowie Braunkohle zunehmend als Ausgangsstoffe für Kunststoffe, Wachse und Lacke in Betracht kommen. VDI nachrichten, Leipzig, 11. 12. 09, Si

Seit dem Fall der Mauer flossen – nach anfänglichem Zögern – rund 15 Mrd. € in die Chemieanlagen von Schwarzheide, Bitterfeld, Schkopau, Bernburg, Piesteritz oder Leuna. Wolfgang Blümel, Sprecher des VCI Nordost, Berlin, sieht daher die fast durchweg mit neuen Anlagen ausgestatteten Unternehmen im weltweiten Wettbewerbsvergleich sehr gut positioniert. Blümel: “ Das hat uns in der Krise geholfen, dass hier das Tal nicht ganz so tief war.“

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Auch wenn in 2009 das Produktionsvolumen um rund 10 % unter dem des Vorjahres bleiben dürfte, sieht der VCI-Branchensprecher bereits eine Wiederaufnahme des Aufholprozesses zum Westen. Denn die Unternehmen arbeiteten heute effizienter und seien durch eine enge Verzahnung mit den Forschungszentren der Fraunhofer-Gesellschaft, München, besonders offen für Innovationen.

So will die ostdeutsche Chemieindustrie künftig beim Einsatz von Biorohstoffen eine Vorreiterrolle spielen. In Leuna wird beispielsweise bereits an der Feinplanung für ein Prozesszentrum Biomasse der Fraunhofer-Gesellschaft gearbeitet. Das Investitionsvolumen für das Zentrum, das im nächsten Jahr in Betrieb gehen soll, liegt bei rund 50 Mio. €. „In 20 Jahren rechnen wir damit, dass bis zu einem Fünftel der Produkte aus Biomasse stammen könnten“, erklärte Andreas Hiltermann, Geschäftsführer der Standortgesellschaft Infraleuna. Aus Pflanzenresten sollen dann Öle, Fette, Cellulose oder auch Synthesegase gewonnen werden. Im Prozesszentrum sollen dazu Verfahren zur Produktion von Epoxydharzen, Tensiden, Aminen und Schmierstoffen bis zum Technikum-Maßstab entwickelt werden.

Modifizierte Stärke aus dem Industriepark Zeitz ist ein begehrter Polyestergrundstoff

Ein praktisches Beispiel der „grünen Chemie“ ist schon heute, etwa 20 km von Leuna entfernt zu finden. Im Industriepark Zeitz hat die Food Retail and Productions CS, Elsteraue OT Alttröglitz, Ende Ende Oktober eine Stärkefabrik in Betrieb genommen, die jährlich 130 000 t Weizen zu Vorprodukten der Lebensmittel- und Papierindustrie, aber auch der Chemie verarbeitet. Die modifizierte Stärke – jährlich können etwa 60 000 t geliefert werden – gilt als begehrter Polyestergrundstoff. „Unsere Stärke ist chemisch nichts anderes als ein natürliches Polymer, das nicht auf Erdöl basiert“, erklärt Werksleiter Gerhard Hildebrand. Die Fabrik sei nur das erste von zwei geplanten Modulen, und an geeigneten Weizen bestehe kein Mangel.

Auch das Potenzial der Braunkohle als Chemierohstoffalternative ist hoch. Christoph Mühlhaus, bis vor kurzem Generalbevollmächtigter beim DOW Olefinverbund in Schkopau und heute Clustersprecher Chemie/Kunststoffe in Mitteldeutschland, argumentiert für den Einsatz der Braunkohle als Chemiegrundstoff. „Wir haben hier in Mitteldeutschland sehr bitumenreiche Kohle, die bislang nur verbrannt wird, was aber bei den Möglichkeiten einer stofflichen Nutzung Verschwendung ist“, so der Chemiemanager. Wirtschaftlichkeitsberechnungen hätten gezeigt, dass sich eine katalytische Vergasung der Kohle bei Kaskadennutzung für die Chemie bereits ab etwa 80 $ je Fass Rohöl lohnt. Als Produkte entstünden bei der vorgeschalteten Extraktion Wachse und bei der katalytischen Vergasung Methan, Kohlenmonoxid oder Wasserstoff. Darüber hinaus liefere der Prozess aber auch Methanol, Olefine und Ammoniak – praktisch alles, was sich auch aus Erdöl erzeugen lasse, so der Chemieclustersprecher.

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Die Kohlenstoffreste, so das Konzept, werden in die Kraftwerke geliefert. Das jährliche Verarbeitungspotenzial schätzt Mühlhaus auf bis zu 2 Mio. t. „Allerdings ist das kein kurzfristiges Szenario, es sind noch anspruchsvolle technische Aufgaben zu lösen, da es noch keine großtechnischen Erfahrungen gibt“, räumt Mühlhaus ein.

Aber auch im klassischen Raffineriebetrieb hat man sich für eine umweltschonendere Chemieproduktion gerüstet. So wurden beispielsweise in diesem Jahr bei der Total-Raffinerie in Leuna 120 Mio. € in eine neue Entschwefelungsanlage investiert, durch die der Gehalt an Schwefel im Heizöl auf 50 ppm reduziert wird. Bereits in 2008 wurde die Destillation für rund 50 Mio. € nachgerüstet, um den Anteil der Mitteldestillate von 45 % im Jahr 2002 auf inzwischen 51 % zu steigern. In einer POX-Methanol-Anlage können zudem die schweren Rückstände chemisch zu Synthesegas weiter aufgearbeitet werden. MANFRED SCHULZE

Ein Beitrag von:

  • Manfred Schulze

    Manfred Schulze ist freier Journalist für Fachzeitungen Energie, Logistik, Technologie.

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