Perlen der Provinz 02.04.2004, 18:29 Uhr

Merseburg und Umgebung – Das Chemie-Netz wächst wieder

VDI nachrichten – Manchmal sieht eine Perle der Provinz so gar nicht provinziell aus, wie die Region rund um Merseburg, in der sich ein chemisches Werk an das andere drängt.Hier in Sachsen-Anhalt hat die Kunststoffproduktion eine lange Tradition.Nach dem industriellen Zusammenbruch der 90er Jahre knüpfen Forscher, Dienstleister und Großinvestoren nun wieder einen international wettbewerbsfähigen Verbund.

Nur wenige Millimeter misst der winzige Kunststoffschnipsel, den Rameshwar Adhikari in das Rasterkraft-Mikroskop einlegt.Auf dem Bildschirm offenbart das Material bei millionenfacher Vergrößerung eine Welt von hellen Würstchen Mikrofasern aus Polystyrol und Kautschuk.Der aus Nepal stammende Chemiker des Instituts für Polymerwerkstoffe Merseburg (IPW) dringt gemeinsam mit Physikern, Ingenieuren und Werkstoffkundlern tief in den Aufbau von Kunststoffen ein.

Mit den Fasern, die 7000-mal dünner sind als ein menschliches Haar, ist er sehr zufrieden: »Eine optimale Struktur, das Material ist transparent und sehr zäh.«Diese Eigenschaften sind für Folien und medizinische Einwegspritzen entscheidend, die einmal aus den Polymeren entstehen sollen, an denen die Merseburger gemeinsam mit Forschern der BASF AG arbeiten.

In dem Institut, das zur Außenstelle Merseburg der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gehört, lassen viele europäische Chemieunternehmen ihre Kunststoffe untersuchen. »Wir können unseren Partnern sagen, welche Polymerstruktur für ein Produkt gut ist und welche Verbesserungen noch nötig sind«, erklärt Vorstandsvorsitzender Goerg H.Michler. »Dann können sie ihre Produktionsprozesse entsprechend verändern.«Die Polymerforschung der Uni ist in den Fachbereichen Chemie, Physik und Ingenieurwissenschaften sowie zwei anwendungsorientierten Instituten eng verzahnt. »Das ist eine fast ideale Kette«, findet Michler.

Die Kunststoffindustrie hat in der Region Merseburg, südlich von Halle und westlich von Leipzig gelegen, eine besondere Bedeutung.Bis zum Zweiten Weltkrieg war hier die deutsche Branche konzentriert.Danach waren die Werke in Leuna mit 27 000 und Schkopau mit 20 000 Beschäftigten noch wichtige Pfeiler in der DDR-Planwirtschaft.

Der an der Universität Halle tätige Nobelpreisträger von 1963, Karl Ziegler, schuf gemeinsam mit dem Italiener Giulio Natta die Grundlagen für eine großtechnische Produktion von Polymeren.Anfang der 90er Jahre drohte der Region mit den veralteten Produktionsstätten der wirtschaftliche Absturz, der nur durch massives Eingreifen der Politik verhindert werden konnte.

Landkreis Merseburg-Querfurt.
Die großen Chemiestandorte Leuna und Schkopau bestimmen die Wirtschaftsstruktur im Landkreis Merseburg-Querfurt mit seinen 132 000 Einwohnern.Davon leben allein in der Kreisstadt Merseburg 5000 Menschen.Mit 64 Industriebeschäftigten je 1000 Einwohner liegt der Landkreis deutlich über dem deutschen Durchschnitt allerdings auch mit der Arbeitslosenquote von 23 %. www.merseburg-querfurt.de

Schließlich baute der französische Konzern Elf Aquitaine, der sich inzwischen Total nennt, in Leuna eine neue Raffinerie.Der US-Konzern Dow Chemical übernahm die Buna Sow Leuna Olefinverbund GmbH mit ihren Werken in Schkopau, Böhlen, Leuna und Teutschenthal.

Im Sog dieser Großinvestoren haben sich Dienstleister und Weiterverarbeiter angesiedelt. »In keinem Landkreis Deutschlands gab es seit 1990 mehr Direktinvestitionen als in Merseburg-Querfurt«, berichtet Wirtschaftsförderer Uwe Lehmann. »Hier wurden insgesamt 10 Mrd.« investiert.«Inzwischen arbeiten in Leuna wieder 9000 Menschen, in Schkopau sind es rund 2000.Hinzu kommen Unternehmen in benachbarten Gewerbegebieten.

Die immer noch hohe regionale Arbeitslosenquote von 23 % erklärt der Merseburger Bürgermeister Reinhard Rumprecht mit der hohen Kapitalintensität der Chemieindustrie.Er hofft darauf, dass sich um die Großinvestoren mehr Partnerfirmen ansiedeln und die ersehnten Arbeitsplätze bringen.

Die Unternehmen können auf Fachkräfte und Forschungspartner zurückgreifen.Bei erschlossenen Gewerbeflächen gibt es ein deutliches Überangebot.Allein Dow stellt für seine Partner eine Fläche von 150 Fußballfeldern im »Valuepark« bereit.

Um das weitläufige Industriegelände in Schkopau streckt sich kilometerweit ein hoher Metallzaun.Am Haupttor kontrolliert der Werkschutz sorgfältig Fahrzeuge, Mitarbeiter und Besucher.Der Kühlturm des Braunkohle-Kraftwerks Schkopau, das den Standort mit Strom und Dampf versorgt, dampft in der Ferne.Einen näheren Einblick erlaubt der sensible Chemiekonzern heute nicht: Der Besucherausweis gilt nur für die Verwaltungsgebäude am Rand des Geländes: kantige Klinkerbauten im Bauhaus-Stil.Von hier aus knüpft Dow-Geschäftsführer Christoph Mühlhaus die Kontakte, mit denen der Weltkonzern den deutschen und osteuropäischen Markt erschließen will.

Inzwischen verfolgt Dow auch mit dem Merseburger IPW gemeinsame Forschungsprojekte bei sehr preiswert herstellbaren Kunststoffen, den Polyolefinen.Sie sollen fester, steifer und zäher werden für bessere Kfz-Stoßstangen, Armaturenbretter oder Motorenverkleidungen.

Mühlhaus will die Vernetzung mit den hier ansässigen Forschungspartnern und Kunden ausbauen. »Bisher haben wir unsere Partner noch weit gehend in den alten Bundesländern.«

Etwas näher liegt das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) in Potsdam, mit dem Dow künftig u. a. an Polyethylenterephtalat (PET) forschen will, einem Vorprodukt für Plasteflaschen.Die Wege sollen kürzer werden, wenn im nächsten Jahr das IAP sein Demonstrationszentrum für Polymersynthesen im Valuepark einrichtet. »Wenn das Zentrum eingespielt ist, haben wir Versuchstechnik und Kompetenz vor Ort«, so Mühlhaus.

Einen weiteren Schub für die wirtschaftliche Entwicklung könnte es geben, falls der Konzern einen zweiten Cracker im nahen Böhlen bauen sollte.Solch eine chemische Anlage stellt aus Rohbenzin die Gase Ethylen und Propylen her, die als Grundstoffe für die Kunststoffherstellung dienen.Auf die damit verbundenen Investitionen von 2 Mrd.« hat die Region laut Mühlhaus allerdings nur dann eine Chance, wenn Dow die derzeit von der Bundesregierung vorbereiteten Emissionsrechte kostenlos erhält.

Je mehr Firmen und Forschungskapazitäten sich in der Region ansiedeln, desto mehr Chancen bieten sich auch den Ingenieuren für Chemie, Ver- und Entsorgung sowie Maschinenbau, die an der FH Merseburg ausgebildet werden.

Zwar arbeiten die 3200 Studenten an gemeinsamen Forschungsprojekten mit Unternehmen der Region, absolvieren bei ihnen Praktika und schreiben Diplomarbeiten.Nach dem Studium zieht es aber die meisten in die alten Bundesländer.

»Entweder gibt es hier nicht genügend Arbeitsplatzangebote, oder sie sind nicht lukrativ genug«, vermutet Jörg Kirbs, Prorektor für Forschung und Technologietransfer.Immerhin sind die Merseburger Anfangsvorlesungen wieder mit 80 bis 100 Studenten gefüllt.Mitte der 90er Jahre verloren sich nur 15 bis 20 Studenten in den Hörsälen.

Bei seinen Absolventen will Kirbs den Mut zum unternehmerischen Risiko wecken: »Mit sechs Existenzgründungen je 1000 Einwohner liegen wir bundesweit im hinteren Bereich.«

Wer den Schritt dennoch wagt, dem verspricht Kathrin Schaper-Thomas im benachbarten Merseburger Innovations- und Technologiezentrum (Mitz) jede erdenkliche Hilfe: günstige Mieten, kompetente Beratung und kompletten Büroservice. »Nach fünf bis acht Jahren sollen die Firmen auf eigenen Beinen stehen«, so die Mitz-Geschäftsführerin.

So wie die Chiroblock GmbH, die vor fünf Jahren von zwei Absolventen der Universität Leipzig gegründet wurde.Der Hersteller von chemischen Komponenten hat schon vor zwei Jahren größere Räume im nahen Chemiepark Bitterfeld-Wolfen bezogen.Im Schkopauer Valuepark wächst derweil ein neues Mitz-Gebäude: Hier sollen sich vor allem chemienahe Dienstleister ansiedeln.

 

 

Von Stefan Schroeter

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