Chemie 20.02.2009, 19:39 Uhr

EU duldet weiter Asbest in der Chlorherstellung  

Die Chlorindustrie kann aufatmen. Die EU wird den Einsatz von Asbest in der Chlor-Alkali-Elektrolyse nicht verbieten. Zwar darf Asbest seit 1993 nicht mehr in Deutschland eingesetzt werden, seit 2005 nicht mehr in der EU. Es gibt aber eine Ausnahme: Die Chemieindustrie darf Asbestfasern in der Elektrolyse anwenden. In drei Jahren wird die EU diese Anwendung erneut auf den Prüfstand stellen. VDI nachrichten, Stade, 20. 2. 09, swe

Dow Chemical in Stade, Solvay in Rheinberg, eine bulgarische und eine polnische Firma – diese vier Unternehmen nutzen in der EU noch asbesthaltige Diaphragmen in der Chlor-Alkali-Elektrolyse. Ein schwedisches Unternehmen setzt Asbestfasern ein, um Wasserstoff durch die Zerlegung von Wasser zu gewinnen.

Diese Ausnahmen zum Asbestverbot in der EU gelten, solange die Anlagen laufen. So steht es in der EU-Richtlinie zur Beschränkung von Chemikalien, dies wird jetzt in die Chemikalienverordnung Reach übernommen. Der notwendige formale Vorschlag der EU-Kommission stieß im Dezember 2008 aber auf unerwarteten Widerspruch aus Frankreich und Belgien. Beide Länder hatten vorgeschlagen, die unbefristete Ausnahme auf drei Jahre zu begrenzen.

„Die EU muss das Asbestverbot konsequent umsetzen“, fordert Laurent Vogel vom Europäischen Gewerkschaftsdachverband ETUC (European Trade Union Federation). Noch immer sterben weltweit viele Menschen an den Langzeitfolgen der Belastung. „Jedes Gramm, das nicht benötigt wird, kann auch niemanden mehr schädigen“, mahnt Vogel.

Doch es gebe gute ökonomische und energiepolitische Gründe, Asbestfasern einzusetzen, glaubt Rudolf Lamm von Dow Chemical. Er leitet das Werk in Stade. In der größten Chlorfabrik der EU gewinnt der US-Hersteller Chlor, Wasserstoff und Natronlauge durch zwei unterschiedliche Elektrolysetechniken: das asbesthaltige Diaphragmaverfahren und das modernere Membranverfahren. Mit den Diaphragmen können jährlich bis zu 1 Mio. t Chlor, an den Membranen bis zu 550 000 t hergestellt werden. Werkleiter Lamm baut auf beide Technologien.

Das Chlor aus dem Diaphragmaverfahren wird gezielt eingesetzt, um Basis- chemikalien wie Propylenoxid, Allylchlorid und Epichlorhydrin herzustellen. Die 10 %ige Natronlauge wird dabei direkt genutzt, um aus chlorierten organischen Zwischenstufen Chlor abzuspalten.

Die Elektrolysezellen werden zudem gut gewartet und „die gesamte Chloranlage ist in einem hervorragenden technischen Zustand“, erklärt Lamm und ergänzt, die von Dow entwickelten Diaphragmen verbräuchten relativ wenig Energie.

Rund 500 A/m2 Elektrolysefläche genügen, um die Salzlösung in Chlor und Wasserstoff umzusetzen. Andere auf dem Markt erhältliche Diaphragmen müssen hingegen mit einer etwa viermal so hohen Stromdichte betrieben werden. Insgesamt benötigt Dow in Stade jährlich bis zu 70 t Weißasbest (Chrysotil). Mit den Silikatfasern kommt dabei kein Arbeiter in Berührung. Das Asbest erreicht das Werk in seewasserfesten Containern aus Kanada.

Kräne und Maschinen bringen die Asbestcontainer in eine Materialschleuse, wo die Säcke vollautomatisiert in einen komplett isolierten Asbest-Handling-Raum gebracht werden. Sie werden dort aufgeschlitzt und sofort durch Mischen mit einer wässrigen Lösung suspendiert.

Werden die Silikatfasern in den Elektrolysezellen nach einigen Jahren ausgetaucht werden, werden sie in einem betriebseigenen Drehrohrofen bei 1200 °C behandelt. „Dabei schmilzt das Asbest und die Faserstruktur wird zerstört“, erklärt Bruno Schmidt, langjähriger Dow-Experte für die Chlor-Alkali-Technologie. Am Ende entsteht eine Schlacke, die im Straßenbau eingesetzt werden darf. Dow Chemical sieht daher keinen Grund, auf asbesthaltige Diaphragmen zu verzichten.

Die EU-Kommission hat ihren Vorschlag von Dezember 2008 überarbeitet. Jetzt sieht er vor, dass 2012 alle Staaten, in denen Chlorwerke asbesthaltige Diaphragmen einsetzen, einen Bericht über Alternativen vorlegen müssen und somit die Ausnahme auf den Prüfstand stellen. „Das Bundesumweltministerium unterstützt diesen Vorschlag“, sagt Uwe Lahl, der im Bundesumweltministerium (BMU) das Referat für Immissionsschutz und Anlagensicherheit leitet.

Die EU-Chemikalienagentur in Helsinki, die für die Umsetzung von Reach verantwortlich ist, wird die Berichte dann prüfen und eine Stellungnahme abgeben. „Ergeben sich dabei Anhaltspunkte für ein Risiko, soll die Agentur ein Dossier erarbeiten, um den Einsatz von Asbest zu beschränken“, so BMU-Experte Lahl.

Wenn die EU dann zu dem Ergebnis kommen würde, asbesthaltige Diaphragmen zu verbieten, „würde das Investitionen in Höhe von 1 Mrd. € nach sich ziehen“, betont Dow-Werksleiter Lamm in Stade. Denn die Chemiefirma müsste nicht nur neue Elektrolysen bauen, sondern einen Teil des gesamten Anlagenparks umbauen.

Ob die amerikanische Mutterfirma gewillt wäre, diesen Betrag wieder am Standort Stade zu investieren, bezweifelt der Werkleiter. Doch der Zahn der Zeit werde dazu führen, dass diese letzte legale Asbestanwendung von selber enden wird, glaubt Uwe Lahl: „Diese Altanlagen werden irgendwann das Zeitliche segnen.“ Und da asbesthaltige Diaphragmen nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen, sind sie für Neuanlagen in der EU nicht genehmigungsfähig. RALPH AHRENS

Von Ralph Ahrens
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