Chemie 07.05.2004, 18:30 Uhr

EU-Abgeordnete entpuppen sich als wandelnde Chemiecocktails

VDI nachrichten, Brüssel, 7. 5. 04 -Die Debatten um eine neue EU-Chemikalienpolitik werden immer länger, die Industrie wehrt sich verzweifelt gegen die Kosten der Zulassungsprüfungen für rund 30 000 Stoffe. Was der menschliche Körper von diesen Chemikalien so alles „wegsteckt“, brachte jüngst ein Bluttest bei EU-Abgeordneten an den Tag. Genug für einen Denkanstoß in der Chemikalienpolitik, hofft der WWF.

Fast schon gebetsmühlenartig werden die Argumente in den Debatten um die neue EU-Chemikalienpolitik wiederholt. Die Industrie wehrt sich gegen die hohen Kosten, die im Zulassungsverfahren und den Prüfungen der etwa 30 000 chemischen Stoffe anfallen, die über der Bagatellegrenze von einer Tonne/Jahr hergestellter Menge liegen. Umwelt- und Verbraucherschützer halten dagegen die Verbreitung ungeprüfter Substanzen für zu riskant. So schleppt sich die Reform von einer Sitzung zur nächsten.
Nun hat der WWF sich etwas einfallen lassen, um frischen Wind in die zähen Verhandlungen zu bringen. Mit ihrer Fahndung nach Giftstoffen im Blut von rund 40 Mitgliedern des Europäischen Parlaments gehen die Umweltaktivisten hautnah zur Sache. Zum Bluttest meldeten sich die politischen Vertreter aus 17 Ländern und unterschiedlicher Couleur freiwillig. Statt nur immer auf abstrakte Umwelteigenschaften, wie Langlebigkeit oder Bioakkumulation synthetischer Verbindungen hinzuweisen, weist der WWF 76 verschiedene Umweltgifte in realen Blutproben nach. Zu dem Giftcocktail gehören halogenorganische Verbindungen, so etwa bromierte Flammschutzmittel. Auch Pestizide und Phthalate fanden sich bei der Analyse.
Die meisten dieser Stoffe sind keine unbeschriebenen Blätter. Schon lange gibt es Hinweise darauf, dass sie sich weiträumig in der Umwelt verteilen, anreichern und teilweise hormonähnliche Wirkungen ausüben. Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB, und bromhaltige Flammhemmer wurden schon in Seevögeln und Eisbären gefunden. Woher die Schadstoffe stammen, ist mehr als nur eine Vermutung. Aus Computern, Textilien, Kunststoffverkleidungen im Auto, Dialyseschläuchen entweichen Weichmacher und andere Hilfsstoffe, die über die Luft oder die Nahrung in den menschlichen Organismus gelangen können und dort noch viele Jahre nachweisbar sind.
PCB, zum Beispiel. Früher in gewaltigen Mengen als Transformatorenöl oder Lackzusatz verarbeitet und heute längst verboten, gehört zu diesen Altlasten. Ebenso taucht das längst vergessene DDT und seine Abbauprodukte bei den Probanden wieder auf. Immerhin 7 Fluorchemikalien enthielt jede Blutprobe im aktuellen WWF-Test.
Aber über perfluorierte Verbindungen (u.a. z.B. aus Gore-Tex oder Teflonbeschichtungen), gibt es bislang noch wenige Erkenntnisse über gesundheitliche Wirkungen. In aktuellen Studien der amerikanischern Umweltbehörde EPA gab es Hinweise auf krebserregende Eigenschaften im Tierversuch.
Schon im November hatte sich Margot Wallström, die Hauptdarstellerin in den Verhandlungen zur europaweiten Chemikalienkontrolle, einem Test unterzogen. 28 gesundheitsschädliche Stoffe fanden sich in der Blutprobe der Umweltkommissarin. Hätte Frau Wallström keine Kinder, wären vielleicht noch mehr Umweltgifte gefunden worden Die zweifache Mutter hat sich über Nabelschnur und Muttermilch sozusagen schon teilentgiftet. Das Blut der EU-Politiker in der diesjährigen Messreihe war mindestens mit 13 und höchstens mit 54 synthetischen Stoffen belastet. Nur Spuren wurden nachgewiesen, die Konzentrationen lagen im Nano- bis Pikogrammbereich pro Gramm Blutserum, bzw. Vollblut.
Betroffenheit macht sich unter den Parlamentariern angesichts der Ergebnisse breit: „Überrascht hat mich, wie viele Chemikalien in meinem Blut nachweisbar sind, insbesondere PCB, die ja gar nicht mehr in der EU verwendet werden dürfen, und Kunststoffweichmacher. Wir müssen unsere Chemikalienpolitik neu strukturieren, um Auswirkungen besser einschätzen zu können und um Innovationen in neue umweltfreundliche Produkte anzuregen“, sagt Bernd Lange, SPD.
„Man muss davon ausgehen, dass in jedem von uns synthetische Chemikalien nachweisbar sind und dass es gesundheitsbedenkliche Stoffe gibt, die über Alltagsprodukte in die Umwelt entlassen werden. Dazu gehört insbesondere das Dekabromdiphenylether, von dem lange bezweifelt wurde, dass es sich überhaupt anreichert“, sagt Ninja Reinecke vom WWF. „Daher ist es um so dringender, mehr Daten über die Gesundheitsverträglichkeit chemischer Stoffe zu erheben und Stoffe mit Gefahrenpotential durch ungefährliche zu ersetzen“, resümiert sie. Ob das REACH (Registration, Evaluation and Authorisation of Chemicals) nützt, zeigt sich erst, wenn das neu gewählten EU-Parlament wieder über die Verordnung debattiert.K. SPILOK

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