Chemie 07.11.2008, 19:38 Uhr

Erbitterter Streit um Bisphenol A  

Nicht dabei: Bisphenol A, obwohl der Stoff lange Kandidat für diese Liste war. Auch die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat gegenüber Bisphenol A weniger Bedenken denn je: Aus Babyflaschen muss es nicht weichen, obwohl Kanada den Stoff daraus gebannt hat.

Wer nach Bisphenol A sucht, stößt ziemlich bald auf Babyflaschen aus Kunststoff als prominente Anwendung für die Chemikalie. Bisphenol A ist darin als Grundbestandteil des Polycarbonats enthalten. Die Substanz tritt jedoch im Laufe der Zeit aus dem Kunststoff aus und steht im Verdacht, Entwicklung und Fortpflanzung des Menschen zu beeinträchtigen.

Im Streit um die Chemikalie in der Babyflasche geht es um mehr. Bisphenol A ist ein Massenerzeugnis mit einem Absatz von 3 Mio. t jährlich. „Die wirtschaftlichen Interessen sind immens“, so Andreas Gies vom Umweltbundesamt. Bisphenol A steckt auch in Epoxidharzen, die als Klebstoff in der Bauindustrie, als Beschichtung für Boote und Autos dienen und Kronkorken, Deckel von Dosen und Trinkwasserrohre auskleiden.

Doch die weite Verbreitung ist kein Grund zur Sorge, folgt man der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA): Sie kam im Juli zu dem Schluss, dass bei weniger als 50 µg Bisphenol A/kg Körpergewicht am Tag keine Gefahr droht. 2002 hatte die Behörde die Gefahrenschwelle noch mit 10 µg angesetzt. Zwischenzeitlich lockerte das Gremium den Wert: Studien hätten ergeben, dass Ratten empfindlicher auf die Chemikalie reagierten als Menschen.

Forscher wie der Toxikologe Gilbert Schönfelder von der Universität Würzburg sehen das anders: „Die EFSA behauptet, dass der Stoff im Menschen rasch abgebaut wird. Das ist für uns nicht nachvollziehbar und ignoriert die Tatsache, dass wir Bisphenol A in seiner biologisch aktiven Form im Blut finden.“

Chemieexperte Schönfelder selbst hatte 2002 Bisphenol A im Blut von Schwangeren und Föten gefunden. Andere hätten ähnliche Daten vorgelegt, fügt er hinzu. Schon bei niedrigen Gehalten, auch unterhalb der von der EU festgesetzten Gefahrenschwelle, kann es in seinen Augen nachweislich zu Schäden kommen. „Der Wert von 50 µg/kg ist nicht haltbar“, folgert er.

Zum Beweis führt Schönfelder Ergebnisse aus Tierversuchen bei geringen Dosen Bisphenol A an: Veränderungen in der Prostatagröße, Verengung des Harnleiters, Verhaltensauffälligkeiten, Wachstum von Nervenfasern bei Primaten, Veränderung der Brustdrüsenentwicklung. Zusammen mit Andreas Gies vom Umweltbundesamt und Ibrahim Chahoud, dem Leiter des Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie von der Berliner Charité wandte sich Schönfelder im August an die EFSA und forderte sie auf, ihre Einschätzung zu revidieren.

Doch die Wissenschaftsgemeinde ist sich uneins. Jan Hengstler, Vorsitzender der Beratungskommission der Gesellschaft für Toxikologie, stützt die Position der EFSA. „Viele der beschriebenen Wirkungen im Niedrig-Dosis-Bereich sind nicht reproduzierbar“, sagt er und erklärt dazu: „Wenn Tausend Forscher an Bisphenol A forschen, gibt es naturgemäß immer auch falsch positive Befunde.“ Ergebnisse wie die Beeinträchtigung der Fortpflanzung seien lediglich Indizien, die in weiteren wissenschaftlichen Studien bestätigt werden müssten, was bisher nicht gelungen sei.

Im Stillen vollzog sich der Beschluss der Europäischen Chemikalienagentur ECHA zu Bisphenol A. Im Zuge der neuen Chemikalienverordnung Reach werden derzeit besonders besorgniserregende Chemikalien identifiziert, die dann zugelassen werden müssen.

Einige Zeit sah es so aus, als könnte Bisphenol A als zulassungspflichtig eingestuft werden, weil es zur Verweiblichung von Schnecken führt, berichtet das Umweltbundesamt. Doch im Juni 2008 teilte das ECHA mit, die Chemikalie erzeuge weder Krebs noch verändere sie das Erbgut oder schädige die Fortpflanzung. In der letzte Woche veröffentlichten ersten Liste des ECHA ist Bisphenol A auch nicht enthalten.

Das Umweltbundesamt läuft Sturm gegen die Einschätzung der EU-Behörden. Das Ausland zeigt, dass man dort zu einem anderen Urteil über die Chemikalie kommen kann, so in Kanada. Dessen Gesundheitsbehörde hat Bisphenol A als gefährliche Chemikalie klassifiziert und ein Verbot von Polycarbonat-Babyflaschen angekündigt. Ersatzmaterialien sind Glas oder andere Kunststoffe.

Das amerikanische National Toxicology Program hegt „einige Bedenken für Effekte auf das Gehirn, auf das Verhalten und die Prostata in Föten, Säuglingen und Kindern, die den gegenwärtig üblichen Mengen an Bisphenol A ausgesetzt sind“, wie es im September verlautbarte. SUSANNE DONNER

Ein Beitrag von:

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u.a für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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