Chemie 07.05.2004, 18:30 Uhr

Druckchemie zwischen Ökologie und Ökonomie

Unternehmen der Druck- und Farbenbranche laufen gegen eine Verordnung Sturm, die von der EU-Kommission vorgelegt wurde. Demnach sollen chemische Stoffe, also auch Druckchemikalien, die vor 1981 auf den Markt gebracht wurden, scharfen Genehmigungsbestimmungen unterworfen werden.

Anfangs sah bei der EU-Gesetzesformulierung alles noch ganz positiv aus und kein Industrievertreter hätte dagegen öffentlich opponieren können. „Die Druckfarbenindustrie unterstützt die Hauptziele des im Jahr 2001 veröffentlichten Weißbuches ¿Strategie für eine zukünftige Chemikalienpolitik“: ein hohes Schutzniveau für menschliche Gesundheit und Umwelt und eine innovative und wettbewerbsfähige Industrie“, erläutert Dr. Martin Kanert, zuständig für Druckfarben im Verband der Mineralfarbenindustrie.
Allerdings glaubt er nicht, dass der von der EU-Kommission im Oktober 2003 vorgelegte 1200 Seiten starke Vorschlag für eine neue Chemikalienverordnung geeignet ist, diese Ziele zu erreichen.
„Der Kommissionsvorschlag schießt weit über das Ziel hinaus“, so Kanert. Er fürchtet eine deutliche Verteuerung der Druckfarbenrohstoffe durch aufwändige Untersuchungen und einen Wust von Bürokratie.
Was die Branche besonders in Rage bringt, ist die Umkehr der Beweislast: Während bisher die Behörden die Gefährlichkeit von Chemikalien zu beurteilen und Verbote zu erlassen hatte, ist künftig alles erst einmal verboten, und: Die Unternehmen müssen mit umfangreichen Testergebnissen die Ungefährlichkeit nachweisen.
Druckfarbenhersteller werden unter REACH besonders zu leiden haben, denn sie verwenden besonders viele Additive und Einzelsubstanzen. Vermutlich werden 10 % bis 30 % aller Rohstoffe ganz vom Markt verschwinden. Die Folge: neue, teure Formulierungen oder gar der komplette Verzicht auf bestimmte Druckfarben.
„Wir haben Tausende von Rezepturen und für jede brauchen wir rund 20 Substanzen“, berichtet der Sicherheitsbeauftragte eines großen Druckfarbenherstellers, der jedoch nicht genannt werden wollte. „Wir werden unser Portfolio drastisch reduzieren.“ Er fürchtet eine Verlagerung der Produktion zur Konkurrenz ins außereuropäische Ausland.
In der EU sind derzeit gut 100 000 chemische Substanzen registriert. Davon werden zukünftig über 30 000 chemische Alt- und Neustoffe mit einer Produktionsmenge über 1 t in einer Datenbank zu registrieren sein, denn sie gelten potenziell als gefährlich.
Je größer die produzierte Menge, desto umfangreichere Testverfahren sind vorgeschrieben. Hersteller, die nur knapp über 1 t einer Substanz herstellen, haben 11 Jahre für die Vorlage der Testergebnisse Zeit, wer mehr als 1000 t herstellt, muss die Unterlagen bei der noch einzurichtenden EU-Behörde und ihren vermutlich rund 200 Beamten binnen drei Jahren eingereicht haben.
„Da ist vieles unsinnig“, kritisiert Martin Kanert, „die Testanforderungen sind mengenbezogen. Dabei kommt es doch nicht auf die absolute Menge an, sondern auf das mit der Verwendung einer Substanz verbundene Risiko einer Exposition.“
Auch der Downstream-User, der in der Produktionskette nach dem Hersteller einer chemischen Grundsubstanz kommt, sei mit den Bestimmungen fachlich und finanziell überfordert. Entweder jeder seiner Vorlieferanten liefert ihm ein „Chemical Safety Assessment“, das alle Risiken der eingesetzten Substanz auch für die entsprechende Verwendung im Produkt des Downstream-Users enthält, oder er muss für sein fertiges Produkt selbst eine Risikobewertung vornehmen.
Für Beate Kummer von Haase & Naundorf Umweltconsulting kommt die Verordnung ohne Veränderung gleich nach der Europawahl 2005. Martin Kanert ist dagegen zuversichtlich, dass es gelingen wird, die Anforderungen „praktikabler“ zu gestalten, um die Wettbewerbsfähigkeit der Druckchemie zu erhalten – auch ohne Abstriche bei Umwelt und Gesundheit, wie er versichert. Entweder der EU gelingt damit die Quadratur des Kreises oder die Chemiebranche steht vor einem kräftigen Umbruch.
MARTIN BOECKH

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