Chemie 04.02.2000, 17:24 Uhr

Chemie setzt auf Feinheiten

Die deutsche Chemie geht wieder auf Wachstumskurs. 1999 legte die Produktion um 4 % zu. Während im Ausland klassische Chemieprodukte steigenden Absatz finden, setzt die Branche fürs Inland mehr und mehr auf spezielle Chemikalien für den Pharma- und den Food-Bereich.

Die deutsche chemische Industrie hat die Auswirkungen der Asienkrise überwunden und befindet sich wieder auf Wachstumskurs.“ Optimistisch trat Dr. Manfred Schneider, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), kürzlich in Frankfurt vor die Presse. Der Umsatz der Branche lag 1999 bei 187,5 Mrd. DM, jede zweite Mark verdienen die Unternehmen mittlerweile im Ausland, der Auslandsumsatz stieg 1999 um 2,7 %. Auch 2000 soll es aufwärts gehen. Schneider: „Das weltweite Wirtschaftswachstum wird unser Auslandsgeschäft weiter beleben.“
Im Inland dagegen setzt die Branche auf die Feinchemie, also die Produktion von Stoffen, die zumeist aus komplizierten, vielstufigen Synthesen hervorgehen, in relativ kleinen Mengen hergestellt werden und besondere Eigenschaften besitzen. Die SKW Trostberg AG beispielsweise hat Ende vergangenen Jahres für 15 Mio. DM ein neues Zentrum für biotechnologische Forschung am Standort Weihenstephan der TU München bezogen. Hier sollen vor allem mit Pflanzen, Mikroorganismen und Algen Proteine oder Kohlehydrate gewonnen werden.
Die SKW will insbesondere am Geschäft für so genanntes Funktional Food partizipieren. Dazu zählen Lebensmittel, denen Substanzen zugesetzt werden, die eine gesundheitsfördernde Wirkung haben, wie z.B. Vitamine, Mineralien oder Kräuter. Diese Ergänzungsstoffe boomen: Das derzeitige Weltmarktvolumen wird auf über 250 Mrd. US-Dollar geschätzt.
Gute Gründe auch für die BASF, ihre eigenen Aktivitäten in der Feinchemie konsequent auszubauen. Mit der Cerestar Deutschland, Krefeld, und Merck, Darmstadt, hat die BASF die KGS Keto-Gulonsäure Produktionsgesellschaft gegründet, um mit einem neuen Herstellungsverfahren für Vitamin C vor allem der Konkurrenz aus China Paroli zu bieten. Seit langem wird Vitamin C nach der aufwendigen Reichstein-Synthese hergestellt, ein neuartiger Fermentationschritt kürzt diese entscheidend ab und soll so die Kosten deutlich senken.
Das Gemeinschaftsunternehmen ist in gewisser Weise Trendsetter: Nicht alternativ, sondern ergänzend treten zu den klassischen chemischen Prozessen, die heute noch immer z.B. für Vitamin A und E genutzt werden, Fermentationen oder Enzymreaktionen. „Noch nicht kommerzialisiert, aber schon erkennbar für die Zukunft folgt als nächster Schritt die Pflanzenbiotechnologie“, prognostiziert Dr. Christian Dudeck, Leiter des Unternehmensbereichs Feinchemie bei der BASF. Hiermit ließen sich beispielsweise Pflanzen mit höherem Vitamingehalt herstellen, die eine Zudosierung solcher essentiellen Verbindungen ins Tierfutter verringern könnten. Ganz am Ende des Tunnels lässt sich ahnen, dass die Pflanzen direkt als „bio-chemische“ Fabriken im Mikro-Maßstab zur Herstellung von Zusatzstoffen wie Enzymen dienen werden.
Die Roche Molecular Biochemicals, Mannheim, setzt solche Verfahren ein, um Zuckerverbindungen zu synthetisieren, die auch in der Muttermilch enthalten sind, das Immunsystem des Säuglings stärken und eine präventive Wirkung gegen Krebs und Diarrhöen entfalten. Entsprechende Stoffe sollen industriell gefertigter Babynahrung zugesetzt werden. Für den Weg der Natur zu komplexen Kohlehydraten benötigt man Glycosyltransferasen (GT) als Katalysator und Zuckernucleotide als Substrate. In der Vergangenheit war die begrenzte Verfügbarkeit der GT ein Haupthindernis für die Synthese komplexer Oligosaccharide. Die Entwicklung von Klonierungstechniken hat den Zugang zu den meisten GTs inzwischen frei gemacht, jetzt müssen die gefundenen Produktionstechniken in den industriellen Maßstab übertragen werden. Auch Degussa-Hüls will mit Feinchemie weiter wachsen. Kürzlich kündigte Vorstandsmitglied Dr. Manfred Spindler an, dass das Unternehmen den Geschäftsbereich Feinchemie mit 400 Mio. Euro in fünf Jahren aus- und umbauen will. Der Pharma- und Agroindustrie bietet Degussa-Hüls die Entwicklung maßgeschneiderter Synthesen und das Upscaling an.
Zu einem weiteren wichtigen Arbeitsgebiet der Feinchemie haben sich Carotinoide entwickelt, die in der Natur für auffallend gelbe bis rote Farben sorgen. Sie zählen zu den essentiellen Substanzen, müssen also von Mensch und Tier mit der Nahrung aufgenommen werden. Da die Stoffe empfindlich gegen Oxidation, Feuchtigkeit und Druck sind, ist eine schützende Hülle unabdingbar. Dafür hat die BASF die Mischkammermikronisierung entwickelt. Dabei entstehen kleinste Partikel von wenigen Nanometern. Sie werden zum Schutz mit Hilfsstoffen wie Gelatine oder Pflanzenölen umhüllt. In einer Mikroverkapselung ist inzwischen auch Lycopin, der rote Farbstoff der Tomate, auf dem Markt. Lycopin zeigt hohe Wirkung gegen aggressiven Sauerstoff und Peroxyl-Radikale, die wahrscheinlich an der Entstehung von Krebs beteiligt sind. KLAUS JOPP/cf
Die Zeit der Massenchemikalien ist vorbei. Von Stoffen wie Enzymen, Katalysatoren und Proteinen, die in relativ kleinen Mengen hergestellt werden und besondere Eigenschaften besitzen, versprechen sich die Chemieunternehmen künftig ein besseres Geschäft.

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