Chemie 22.02.2002, 17:32 Uhr

Bhopal: Schrei nach Gerechtigkeit

Vor 17 Jahren erschütterte das Chemieunglück im indischen Bhopal die Welt. Für die Opfer der Katastrophe ist die Sache noch längst nicht vorbei. Sie streiten seit Jahren für höhere Entschädigungen. Ein US-Gericht hat den Ansprüchen der Betroffenen jetzt teilweise Recht gegeben.

Zum Schutz vor der Kälte in wollene Tücher gehüllt, versperrten am 3. Dezember vergangenen Jahres hunderte Inderinnen den Eingang zum Sitz des US-Chemieriesen Dow Chemical in Mumbai. Es ist der
17. Jahrestag der größten Chemiekatastrophe der Geschichte im indischen Bhopal. Ihre Plakate und Spruchbänder fordern: „Justice for Bhopal“. Sie verlangen die Bestrafung von Warren Anderson, dem früheren Präsidenten von Union Carbide, der nicht vor dem Bezirksgericht in Bhopal erscheinen will. Für ihn und die Verantwortlichen von Union Carbide sind seit dem außergerichtlichen Vergleich 1989 und der Zahlung von 470 Mio. Dollar (528 Mio. !) Schadenersatz alle Ansprüche der Bhopal-Opfer abgegolten.

„Als Entschädigung erhält jedes Bhopal-Opfer lächerliche 350 Dollar!“, klagt Balakrishna Namdeo von der „Nirashrit Pension Bhoghi Sangharsh Morcha“ (Verarmte Rentner Allianz). Selbst die Medikamente sind teurer. Noch heute warten tausende Opfer auf ihre Entschädigung. Daher bildeten die Überlebenden Selbsthilfegruppen zum Kampf durch die Instanzen in Indien und den USA, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

Bhopal war nicht der erste Unfall bei Union Carbide: In den USA hat der Konzern schon öfter wegen grober Fahrlässigkeit von sich reden gemacht, beispielsweise 1981, als rund 100 000 l Krebs erregendes Propylenoxid den Kanawha-Fluss kontaminierten.

Nichts allerdings ist mit den Folgen des Bhophal-Katastrophe vergleichbar. „Nicht nur die direkten Opfer, sondern auch ihre Kinder und Enkel leiden unter den Auswirkungen des Gift-Gaus“, klagt Sathinath Sarangi von der Gruppe „Information und Aktion“. Nach einer vor kurzem veröffentlichten Studie des indischen Instituts für medizinische Forschung ist der Prozentsatz der Tuberkulose- und Krebskranken innerhalb einer 2-km-Zone um die Pestizidfabrik drei Mal höher als der nationale Durchschnitt. Auch leiden manche unter einer mit AIDS vergleichbaren Immunschwäche.

Seit der Fusion mit Union Carbide vor einem Jahr lehnt Dow Chemical jede Verantwortung für Bhopal ab. „Der Strafprozess in Bhopal ist Sache von Union Carbide und nicht von Dow Chemical!“, so Konzernsprecher John Musser. „Mit der Fusion will sich Union Carbide vor der Verantwortung drücken“, empört sich Rashidabi vom indischen „Frauenbund der Gasopfer“. Fünf Mitglieder ihrer Familie sind seit der Katastrophe an Krebs gestorben.

Viele der Geschädigten hoffen, dass Dow Chemical medizinische Daten über die Gifte und ihre Wirkung veröffentlichen wird, die Union Carbide bisher als Geschäftsgeheimnis unter Verschluss hält. Weder der indische Staat noch das Unternehmen kümmern sich um die Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Kranke.

Ebenso scharf wie die Kaltschnäuzigkeit der Chemie-Multis kritisieren die Bhopal-Überlebenden auch die Tatenlosigkeit der indischen Bundesregierung. Bisher wurde weder das Auslieferungsverfahren von Warren Anderson eingeleitet noch wurden neue Umweltschutzgesetze durchgesetzt. Die elf indischen Pestizidfabriken von Union Carbide können dank Ausnahmegenehmigungen weiterhin in städtischen Ballungsräumen hochgiftiges Methylisocyanat herstellen und lagern. Pikanterweise produziert und verkauft auch Dow Chemical in Indien große Mengen des Pestizids Chlorpyrfos, dessen Anwendung in den USA wegen Gesundheitsrisiken für Kinder seit zwei Jahren verboten ist.

Allerdings erhalten die Betroffenen jetzt im endlosen Rechtsstreit Rückendeckung von der Justiz. Am 15. November vergangenen Jahren hat das US-Berufungsgericht den Anspruch auf Schadenersatz gegenüber Union Carbide „wegen konstanter Verschmutzung der Umwelt“ bestätigt. „Immerhin anerkannte das Gericht einen Teil unserer Klage“, betont Himanshu Rajan Sharma, Anwalt der „Nationale Kampagne für Gerechtigkeit in Bhopal“, einer Dachorganisation mehrerer Bhopal-Selbsthilfegruppen. „Das ist ein Durchbruch für die Bhopal-Opfer.“

Große Gefahr für die Umwelt geht von den tausenden Tonnen Giftmüll auf dem Gelände der stillgelegten Fabrik aus. Aktivisten von Greenpeace analysierten Proben aus Grundwasser und Boden. Gefunden wurden hochkonzentrierte Krebs erregende Chemikalien und Schwermetalle, die das Trinkwasser von über 5000 Familien kontaminieren.

Zurückgewiesen allerdings wurden zivilrechtliche Klagen. Sie seien mit der Schadenersatzzahlung von 470 Mio. Dollar abgegolten. Damit aber ist der Streit noch nicht zu Ende. Das Bezirksgericht von New York will in den nächsten Wochen erneut über die Entschädigungsansprüche der Selbsthilfeorganisationen entscheiden. URS MÜLLER

Was geschah in Bhopal?

20 000 Tote
und kein Ende

1977 begann in einem dicht besiedelten Viertel der zentralindischen Industriestadt Bhopal der US-Chemiekonzern Union Carbide mit der Produktion des Pflanzenschutzmittels Sevin. Trotz mehrerer Unfälle waren die Sicherheitseinrichtungen aus Kostengründen und wegen Reparaturarbeiten abgestellt, als eine Reaktion von Phosgen und chlorhaltigen Isocyanaten am 2. Dezember 1984 gegen Mitternacht die Sicherheitsventile eines Chemikalientanks sprengte. Über 40 t Methylisocyanat wurden freigesetzt und ballten sich zu einer hochtoxischen Gaswolke zusammen, das Union Carbide anfangs als „Tränengas“ bagatellisierte.

Fazit des bisher größten Chemieunfalls der Welt: Noch in der Dezembernacht kamen schätzungsweise 6000 Menschen um, über 60 000 erkrankten chronisch. Monatlich erliegen 10 bis 15 Menschen den Folgen des Gifts, das bisher 12 000 bis 20 000 Menschen das Leben kostete. Zudem leiden Hunderttausende lebenslang an den Spätfolgen der Gasexplosion: Hirnschäden, Erkrankung der Atemwege, Missbildungen, Unfruchtbarkeit sowie Herz-, Magen-, Nieren- und Leberleiden. Bis heute ist das Fabrikgelände hochgradig kontaminiert. U. M.

Von M.
Von M.

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