Chemie 02.07.1999, 17:22 Uhr

Altlast mit langem Atem

Noch Jahrzehnte nach dem weltweiten Produktionsstop für polychlorierte Biphenyle (PCB) sind Spuren dieser Chemikalien nahezu überall nachweisbar. Die Sanierung PCB-verseuchter Gebäude wird die Kommunen noch einige Zeit in Atem halten.

Aktuelle Bedeutung erlangten PCB durch den jüngsten belgischen Lebensmittel-Skandal: Neben Dioxinen wurden dort im Tierfutter erhöhte PCB-Werte gefunden. In Belgien sicherlich ein Fall krimineller Machenschaften, in Bau- und Bauhilfsstoffen von Gebäuden aus den 60er und 70er Jahren ein Überbleibsel „harter“, aber damals erlaubter Chemiebeimischungen.
Speziell bei Betonfertigbauten erleichterten PCB-Verbindungen als Weichmacher das Verfugen und wurden als Flammschutzmittel eingesetzt. Aber auch Kitte und Klebstoffe, Kabelummantelungen, Verguß- und Spachtelmassen können PCB enthalten. In konzentrierter Form werden sie als Isolier- und Kühlflüssigkeiten etwa in Kondensatoren benutzt. Sie hatten so viele brillante technische Eigenschaften, daß die toxischen Nebenwirkungen vernachlässigt wurden. Akut giftig ist zwar keine einzige der insgesamt 209 PCB-Verbindungen, ihre längerfristigen Auswirkungen aber können drastisch sein: Sie sind biologisch schwer abbaubar, mit Halbwertzeiten zwischen fünf und acht Jahren je nach Chloranteil und Art der Bindung. Zudem reichern sie sich im Fettgewebe an, wirken leberschädigend, können das Immunsystem schädigen, Krebs auslösen und gelten als fruchtbarkeitsschädigend.
Der Mensch nimmt PCB hauptsächlich mit der Nahrung auf, meist über Fisch, Fleisch und Milch – im Durchschnitt täglich 4 µg und 8 µg. Über die Atemluft gelangen täglich etwa 0,1 µg in den Körper. Das weltweite PCB-Verbot zeigt Wirkung. So weist der Umweltmediziner Prof. Ulrich Ewers vom Hygiene-Institut des Ruhrgebiets in Gelsenkirchen darauf hin, daß PCB-Konzentrationen in Boden, Luft und und Nahrungsmitteln rückläufig sind.
Inzwischen gibt es umfangreiche toxikologische Untersuchungen und darauf basierende behördliche Vorschriften, die den Umgang mit diesen Schadstoffen beherrschbar machen. Bundeseinheitliche Richtlinien für die Sanierung PCB-belasteter Gebäude allerdings gibt es nicht. PCB-Sanierung ist Ländersache und wird in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Berlin strenger geregelt als beispielsweise in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Thüringen. Abgeleitet sind die Sanierungszielwerte der Länderrichtlinien aber von denselben toxikologischen Grunddaten: Ein Vorsorgewert von 300 Nanogramm (ng) pro m3 Raumluft gilt als langfristig tolerabel. Er geht aus von einer PCB-Menge von 1 µg/kg Körpergewicht und Tag, wird als TDI-Wert bezeichnet (tolerable daily intake) und ist international weitgehend toxikologisch abgesichert. Der zehnfache Vorsorgewert, also 3000 ng/m3 Raumluft, gilt als Interventionswert. Bei noch höheren PCB-Raumluftkonzentrationen sind – so die NRW-Richtlinie – „akute Gesundheitsgefahren nicht auszuschließen“ und Sofortmaßnahmen einzuleiten.
Für die Sanierung haben Kindergärten und Schulen Vorrang vor Industriegebäuden. Gewarnt durch Erfahrungen aus der Sanierung asbestverseuchter Gebäude, wissen die Kommunen, daß sie das Thema PCB besonders feinfühlig behandeln müssen. „Ein Zurückhalten von Informationen bewirkt sofort Mißtrauen“, warnte Wolfgang Wolter-Griegel, Schadstoff-Koordinator der Stadt Essen, kürzlich auf einer Tagung des VDI-Bildungswerks in Düsseldorf.
Angesichts leerer öffentlicher Kassen ist die PCB-Sanierung besonders schwierig. Einheitliche Sanierungsmethoden gibt es nicht. Die Kosten schwanken nach Informationen des nordrhein-westfälischen Bauministeriums zwischen 100 DM/m3 und 500 DM/m3 umbauten Raum.
Genaue Analysen und ein entsprechender Sanierungsplan sind Basis für die Arbeiten, die nur von wenigen Spezialfirmen durchgeführt werden können. Entfernt werden müssen zuerst die PCB-Primärquellen, vor allem dauerelastische Fugen zwischen Betonfertigteilen und Fenstern. Sie werden manuell oder mit elektrischen Messern staubarm ausgeschnitten oder mit flüssigem Stickstoff vereist und herausgeschlagen. Der Arbeitsbereich muß staubdicht abgeschottet werden, die Arbeiter tragen Schutzanzüge, Atemschutzmasken und Handschuhe. Der Staub wird mit Spezialgeräten abgesaugt, Abfälle werden in verschließbaren Behältern gesammelt und in einer Untertagedeponie entsorgt.
Die höchsten PCB-Gehalte stecken in den Primärquellen, die größten Kosten verursachen aber die Sekundärquellen. Das sind Wandanstriche, Bodenbeläge oder Mobiliar, vollgesaugt mit PCB und Quelle weiterer PCB-Ausdünstungen. Denn hier herrscht Handarbeit noch vor. Farbanstriche werden abgebeizt oder mit Isoliertapeten diffusionsdicht verkleidet. Bewährt hat sich beispielsweise bei der Sanierung von Telekom-Gebäuden eine Aktivkohle-Tapete der Firma Blücher aus Erkrath, die freiwerdende PCB-Moleküle aus der kontaminierten Wand adsorbiert. Sie kostet etwa 20 DM/m2 bis 35 DM/m2.
Maschinell können PCB-belastete Böden, Decken und Wände mit Hochdruck gereinigt werden. Dabei erzeugen Pumpen einen Wasserdruck bis 2000 bar, mit speziellen Düsenträger-Werkzeugen werden die Oberflächen schonend abgefräst. Das kontaminierte Gemisch wird abgesaugt, gefiltert. Der Filterkuchen muß als Sonderabfall entsorgt werden.
Mit einem solchen Verfahren, wie es beispielsweise die Duisburger Firma dsw anbietet, wurden zahlreiche Ortsvermittlungsgebäude der Telekom saniert, außerdem mehr als zehn Schulen. Darunter eine Grundschule in Hagen, die 1998 wieder in Betrieb genommen wurde. Im Ergebnis sank die PCB-Belastung der Atemluft von maximal 6600 ng/m3 auf 225 ng/m3, wurden 5500 m3 Fläche gereinigt und 21 Fässer stichfester PCB-Schlamm erzeugt, der in einer Untertage-Deponie entsorgt worden ist.
ROLF B. FIRNHABER
Handarbeit macht PCB-Sanierungen teuer. So müssen Dichtungen oder Fugen – wie hier bei der Sanierung der Karl-Ernst-Osthaus-Schule in Hagen – oft manuell ausgeschnitten werden.

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