Biotechnologie 07.04.2000, 17:25 Uhr

Wie eine Mondlandung für die Biologie

Als Blair und Clinton kürzlich den freien Zugang zu Daten der Genomforschung forderten, führte dies zu einem mächtigen Aktiencrash bei Biotech-Firmen. Zwar hat sich die Börse schnell erholt, doch entbrannte derweil ein heftiger Streit um Patentrechte.

Spätestens seit Mitte März ist klar: Genforschung ist nicht nur Sache der Biologen, sondern auch Spielball von Politik und Wirtschaft. Denn mit US-Präsident Clinton und dem britischen Premierminister Blair mischten sich erstmals Politiker in ein zukunftsweisendes Forschungsvorhaben der Biologie ein. Beide Regierungschefs sprachen sich dafür aus, die Erkenntnisse des staatlich geförderten Human-Genom-Projekts (HUGO), das die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Erbguts zum Ziel hat, allen Wissenschaftlern weltweit frei zugänglich zu machen.
„Genau gesehen ist diese Forderung eine Selbstverständlichkeit. Denn nur so kommt die Genom-Forschung voran“, behauptet Joachim Pietzsch, Pressesprecher der Firma Aventis. Das Unternehmen ist neben anderen namhaften deutschen Pharmafirmen Gründungsmitglied des Vereins zur Förderung der Humangenomforschung, der sich für die industrielle Verwertung der Forschung einsetzt. Innerhalb von 24 Stunden müssen diese Institute ihre Ergebnisse in einer Datenbank öffentlich bereitstellen.
Deutschland steckt erst seit 1995 Geld in das internationale Genom-Projekt, jährlich sind es rund 40 Mio. DM. „An der Sequenzierung selbst beteiligt sich aber keine deutsche Firma“, erklärt Pietzsch. „Die Pharmafirmen des Fördervereins wollen nur den Transfer für Patente, die sich aus HUGO ergeben.“ Denn in ihrer Rohfassung nutzen die Sequenzdaten keinem Unternehmen. Sie allein sind keine Informationsträger.
Erst die sinnvolle Entschlüsselung der DNA-Sequenzen in einzelne Gene bringt den Erfolg, erst dann beginnt die eigentliche Arbeit für die Forscher, die Suche nach der Funktion der Gene. Vergleichen könnte man das mit einem Roman, in dem Sätze und einzelne Wörter zunächst nur die An-ei-n–anderreihung von Buchstaben sind. Diese müssen in Wörter und Sätze gebündelt werden, erst dann ergeben sie einen Sinn.

Dem Gewinner im Wettstreit ums Genpuzzle winkt viel Geld

Bis zum Jahr 2005 sollte dieses Vorhaben, das auch als die Mondlandung der Biologie bezeichnet wird, bewältigt sein. Doch nicht nur technologische Fortschritte haben den Ablauf beschleunigt. Der vom amerikanischen Privatforscher J. Craig Venter verursachte Konkurrenzdruck forcierte den Ablauf derart, dass bereits im Jahr 2003 die Landung stattfinden soll. In seiner Firma Celera will Venter das menschliche Genom ebenfalls in Rekordzeit sequenzieren – in erster Instanz jedoch für zahlende Kunden. Und er hat Erfolg: Gerade gelang ihm die vollständige Genom-Entschlüsselung der Fruchtfliege Drosophila melanogaster (s.u.). Mit dieser Strategie wären die Amerikaner – bezogen auf das menschliche Erbgut – ein zweites Mal als Erste auf dem Mond.
Womit aber verdienen Firmen wie Celera ihr Geld? Lukrativ für Genpuzzler Venter ist nicht ausschließlich die Patentierung von Genen. Zahlende Kunden erhalten ein Abo auf die neuesten Sequenzdaten sowie die zur Entschlüsselung notwendige Software – vergleichbar einer Nachrichten-Agentur.
Wirtschaftlich verspricht man sich von HUGO wichtige Erkenntnisse zur Identifizierung krankheitsrelevanter Gene als möglicher molekularer Ansatzpunkte für eine spätere Therapie. „Diese auch als Pharmakogenetik bezeichnete Strategie benötigt letztlich jedes Pharmaunternehmen“, meint Pietzsch. Künftig erstellt Aventis mit anderen Firmen und Instituten gemeinsam sogenannte SNP-Genkarten (Single Nukleotid Polymorphismen), mit denen genetische Veränderungen als Marker für gewisse Krankheiten gefunden werden können.
Doch zurück zum Clinton-Blair-Vorstoß: Die Biotech-Anleger reagierten prompt auf das Statement der Politiker. Bereits am nächsten Tag stürzten die Life-Sciences-Aktien in den Keller. War doch zu befürchten, dass der Aufruf zur Veröffentlichung der Daten den Gewinn der boomenden Bio-Aktien deutlich schmälern würde. Die Angst der Aktienanleger beruht auf dem Verlust von Gen-Patenten.
Vor allem die Amerikaner sind der Überzeugung, dass der technische Vorgang des Isolierens und Beschreibens eines Gens eine technische Leistung ist, die als erfinderische Tätigkeit angesehen werden muss. Deswegen sollen die Gene als das Ergebnis dieses Verfahrens auch patentierbar sein. So jedenfalls wird es in den USA gehandhabt. Die meisten Forschungsergebnisse wurden dort bislang nicht publiziert, sondern gleich zum Patent angemeldet. Anders in Europa, von wo der Druck zum Statement der Politiker kam. Hier hält man sich an den Vorsatz der sofortigen Veröffentlichung der Daten Patente dieser Art werden nur unter strengen Auflagen erteilt.
Die jüngste Äußerung der Politiker könnte also bisher verteilte Patente völlig wertlos machen und auch eine weitere Patentierung von Gensequenzen ausschließen. Joachim Pietzsch von Aventis sieht das so: „Früher wurden nur Erfindungen patentiert. Bei Genen geht es aber nur um Informationen. Da streitet man sich jetzt patentrechtlich darum, ob sie überhaupt patentierbar sind, weil sie ja keiner erfunden hat.“
Europäische Kritiker meinen, dass man zwar neue technische Verfahren patentieren könne, nicht aber die mit Routineverfahren durchgeführte Isolierung von Genen. „Eine solche Monopolisierung innerhalb der Genforschung würde das Vorankommen der gesamten Forschung erheblich beeinträchtigen“, kritisiert Pietzsch. Patentierbar könnten deswegen höchstens pharmazeutische Produkte sein, die mit Hilfe dieser Gene hergestellt wurden.
Es ist also eine juristische Frage mit Konsequenzen für beide Kontinente, die es hier zu klären gibt. Für Pietzsch galt das Signal der Regierungschefs hauptsächlich den Patentämtern, die sich auf veränderte Gegebenheiten einrichten müssten. Wie diese Regelung künftig gehandhabt wird, beobachtet die Branche mit Hochspannung. BRITTA URMONEIT
Aufwendige Genforschung – die Entschlüsselung der Erbinformationen ist längst zum Prestigeobjekt in den internationalen Labors geworden.

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