Sicherheit 06.05.2011, 19:53 Uhr

Synthetische Biologie bleibt umstritten

Die Synthetische Biologie will biologische Systeme mit bestimmten Eigenschaften schaffen, wie sie so in der Natur eigentlich nicht vorkommen. Während Experten darin neue Gefahren sehen, geht die Bundesregierung davon aus, dass dies alles vom Gentechnikgesetz abgedeckt ist.

In der Synthetischen Biologie werden Lebewesen mit neuen Eigenschaften konzipiert. Weltweit wird zurzeit an Biokraftstoffen, Impfstoffen und Medikamenten gearbeitet. Forscher aber warnen davor, dass neue Krankheitserreger entstehen und künstliche Mikroben entwickelt werden könnten. Auch die Herstellung von Biowaffen sei theoretisch möglich.

So arbeiten Nachwuchswissenschaftler im Rahmen des amerikanischen iGEM-Wettbewerbs mit „bioparts“, die ein toxisches Protein wie Botox kodieren, das sich nicht nur zur Faltenreduzierung, sondern auch als potentes Nervengift verwenden lässt. Zu fragwürdigen Leistungen von Forschungsgruppen zählen auch Synthetisierungsprozesse, die vernichtet oder verloren geglaubte Viren wie den Erreger der Spanischen Grippe aus dem Jahr 1918 reaktivieren.

Die „Forschungsgruppe Biowaffen und Rüstungskontrolle“ an der Universität Hamburg wirft die Frage auf, ob bestimmte Forschungsaktivitäten nicht bereits die Grenze dessen überschritten haben, was vom internationalen Übereinkommen zu B-Waffen definiert wird.

Die Leiterin der Forschergruppe, Iris Hunger, sagte den VDI nachrichten: „Es ist etwas kompliziert zu definieren, was erlaubt und was verboten ist, da die Gefährlichkeit immer etwas mit Intentionen zu tun hat.“ So sei eine defensive Intention erlaubt, doch die Gefahr der Missinterpretation sei immer gegeben. Vorsicht und Transparenz seien daher wichtig.

Transparenz aber ist nicht überall selbstverständlich: Die US-Regierung pumpte in den letzten fünf Jahren bereits rund 430 Mio. $ in den neuen Forschungsbereich. Doch Wissenschaftler, die im Auftrag des Homeland Security Department arbeiten, müssen vor jeder Veröffentlichung eine Genehmigung einholen.

Im weltweiten Vergleich steht Deutschland hinsichtlich der Anzahl der Firmen, die die Synthetisierung von Gensequenzen kommerziell anbieten, auf Platz 2 hinter den USA. Interessant ist hier die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion: Demnach gibt es zwar an den Hochschulen bereits mehrere Lehrstühle, doch würden keine Projekte gefördert.

Diese Aussage stößt auf Erstaunen bei der Nichtregierungsorganisation Testbiotech, die sich der öffentlichen Debatte über Biotechnologien verschrieben hat. Sie behauptet, dass solche Projekte von Firmen wie GeneArt und Entelechon sehr wohl öffentlich gefördert würden. Darin würde es u. a. darum gehen, den „Stoffwechsel von Mikroorganismen für technische Zwecke grundlegend zu verändern“. Auch Firmen wie BASF sowie Universitäten würden mit „erheblichen Mitteln“ gefördert.

Die Bundesregierung vermeidet eine klare Definition, was sie unter „Synthetischer Biologie“ versteht. Christoph Then von Testbiotech vermutet, dass sie wohl die Neusynthese von großen Genomabschnitten und die Schaffung von Organismen mit stark verändertem Stoffwechsel nicht der Synthetischen Biologie zuordnet. Insofern bleibe unklar, so Then, nach welchen Kriterien und in welcher Höhe sie Fördermittel vergibt.

Spezielle gesetzliche Regelungen oder Kontrollen gibt es bislang noch nicht europaweit. Die Bundesregierung jedenfalls befürchtet keine neuen Risiken und beruft sich dabei auf eine zwei Jahre alte Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Auf die Frage, wie der Nachbau von gefährlichen Viren zu bewerten sei, meint die Regierung, die Risiken seien über das Gentechnikgesetz bzw. freiwillige Verpflichtungen bereits berücksichtigt. Iris Hunger hat den Eindruck, dass dies angesichts des gegenwärtigen Forschungsgeschehens in Deutschland noch genügt.

SPD-Forschungsexperte Rene Röspel glaubt, dass „wir das Forschungsministerium bei diesem Thema wohl kalt erwischt haben“. So war es dem Ministerium selbst nach Fristverlängerung nicht möglich, umfängliche Informationen zu Stand und Perspektiven zu liefern. Eine eigene Position habe die Bundesregierung vermieden. Für Röspel sei das angesichts „der Relevanz des Themas und der Forschungsanstrengungen anderer Staaten unverzeihlich“. Viel Zeit für eine Positionierung bleibt nicht mehr: Bei der anstehenden Novelle des Gentechnikgesetzes, so ist von Beteiligten zu hören, soll die Synthetische Biologie berücksichtigt werden. CHR. SCHULZKI-HADDOUTI

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