Durchbruch beim Humangenomprojekt 30.06.2000, 17:25 Uhr

Jetzt müssen Gesetze her

In weltweiter Zusammenarbeit erstellten die Forscher jetzt eine nahezu lückenlose Genkarte des menschlichen Erbguts. Nun wird es höchste Zeit für internationale Regeln zu deren Nutzung.

Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Kein Wunder also, dass überall auf der Welt die Genforscher aufschreckten, als der amerikanische Privatforscher Craig Venter Anfang April verkündete, er habe den menschlichen Erbcode quasi geknackt. Behilflich waren ihm dabei 300 sündhaft teure Sequenziermaschinen, die Tag und Nacht in den Räumen seiner Firma Celera Genomics arbeiteten. Obwohl die Genetiker des staatlich geförderten internationalen Humangenomprojekts (HGP) seine Arbeitsmethoden als unseriös abkanzelten, waren sie doch so sehr unter Zugzwang geraten, dass sich sogar die Regierungschefs Bill Clinton und Tony Blair einmischten. Der Erfolg blieb nicht aus: Am Montag legten die HGP-Forscher erstmals eine Arbeitsversion des menschlichen Erbguts vor, die 97 % der gesamten menschliche DNA abdeckt.
In Europa, Japan und den USA wurde der Erfolg gemeinsam gefeiert. „Das ist ein großer Tag für die Forschung“, freut sich auch Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn. Doch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms werfe ethische Fragen auf. „Ein Patent darauf darf es auf keinen Fall geben“, so Bulmahn. Und die Bundesregierung wolle sich dafür einsetzen, dass internationale Rahmenbedingungen für den verantwortungsvollen Umgang mit genetischen Informationen geschaffen werden. „Bereits jetzt ist es höchste Zeit für ein konstruktives Moratorium bei der weiteren Erforschung des menschlichen Erbguts“, warnt auch Monika Knoche, Obfrau der Enquête-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“.
Was aber unterscheidet denn nun die HGP-Arbeit von Venters Ergebnissen? Alles eine Frage der Qualität? „Ja“, bestätigt Dr. Jörg Wadzack, Koordinator in der Geschäftsstelle des HGP in Berlin. „Wir haben uns ein eigenes Gütesiegel auf die Fahnen geschrieben. Alle Daten sind sechs- bis 20fach abgesichert.“ Craig Venter hingegen begnüge sich mit einer drei- bis vierfachen Abdeckung.
Die Arbeitsversion der HGP-Forscher berücksichtigt 97 % des gesamten Erbguts. Davon sei der größte Teil schon in der richtigen Reihenfolge aneinander gereiht. Ob überhaupt jemals die 100 %-Marke erreicht wird, da ist sich Wadzack nicht sicher. „Wir sequenzieren wohl bis 2003 weiter was dann übrig bleibt, lohnt den Aufwand nicht.“
Trotz vieler „Tipp-Fehler“ und noch so einiger Lücken im genetischen Code liefert die vorgelegte Arbeitsversion aber schon jetzt wertvolle Daten für die biomedizinische Forschung, ist Prof. Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin überzeugt: „Bis auf den letzten Buchstaben wird man es wahrscheinlich nie entziffern können“, vermutet er.
Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst – das Interpretieren der Daten, die Suche nach Unterschieden bei den einzelnen Menschen und die Entwicklung von Arzneien und Gentherapien, die solche Unterschiede oder Fehler einmal ausgleichen sollen. „Das ist wie beim Fußball: Sie kennen die Spieler, aber niemand weiß, wie das Spiel ausgeht“, erklärt Prof. Herbert Jäckle vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen die Schwierigkeiten der Interpretation.
Viele Wissenschaftler warnen vor übertriebenem Optimismus. Denn mit der Lokalisierung eines Gens sind Möglichkeiten zur Diagnose oder gar Behandlung noch längst nicht gefunden. Nur wenige Krankheiten beruhen auf dem Defekt eines einzigen Gens. Die häufigsten Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzleiden, Schlaganfall, Diabetes oder Krebs sind zudem meist stark durch Umwelteinflüsse und Lebensführung bestimmt. „Wir kennen jetzt seit zehn Jahren die Gendefekte, die zu Brustkrebs führen“, zeigt Jäckle die Mängel auf, „und trotzdem hat die Genforschung noch keinen Beitrag zur Heilung geleistet.“
Das erste Medikament auf Gen-Basis wird es dennoch schon bald geben, ist der deutsche HGP-Forscher André Rosenthal überzeugt. In acht bis zehn Jahren bereits würden die ersten Arzneimittel auf dem Markt sein, die Krankheiten wie Krebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vieles mehr erfolgreich bekämpfen könnten.
Von der Entschlüsselung des genetischen Codes erhofft sich die Medizin drastische Fortschritte. Doch der Traum von der problemlosen Gentherapie bleibt vorerst unerfüllt. Bisherige Versuche hatten sich nicht bewähren können. Im Gegenteil, seit der junge Amerikaner Jesse Gelsinger – eigentlich kerngesund – an den Folgen einer solchen Behandlung starb, stehen derartige Experimente unter keinem guten Stern. An mehreren Kliniken in den USA hatte man aus Angst, die Forschungsprojekte zur Gentherapie einstellen zu müssen, sogar regelrecht zu vertuschen versucht.
Fast 70 % der Deutschen sind derweil für Gentests und die gentechnische Herstellung von Medikamenten. Und das Klonen von menschlichen Zellen zu therapeutischen Zwecken befürwortet immerhin jeder zweite Deutsche, so die jüngste Euro-barometer-Umfrage über die Einstellung zur Gentechnik, an der die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg maßgeblich beteiligt war. „Aber“, warnt Prof. Ortwin Renn, Vorstandssprecher der Akademie, „wir brauchen einen nationalen und internationalen rechtlichen Rahmen, der uns vor Fehlentwicklungen schützt.“
Dafür will sich die Bundesregierung stark machen. „Es wäre sehr hilfreich, wenn sich die führenden Industrienationen jetzt miteinander an die Gesetzgebungsarbeit machten“, meint Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium. Deutschland wolle dabei gerne die Vorreiterrolle spielen.
Und die Risiken der Genomforschung? Bleibt nun der Gläserne Mensch zu befürchten, den Versicherungsgesellschaften oder neue Arbeitgeber ganz ungeniert zum genetischen Zwangstest schicken können? Die Bundesregierung jedenfalls will solche Tests grundsätzlich verbieten, verspricht Gesundheitsministerin Andrea Fischer. Derartige Untersuchungen vor Abschluss von Versicherungspolicen oder neuen Arbeitsverträgen dürften auch in Zukunft nicht verlangt werden.
Heftige Kritik gegen eine Patentierung menschlicher Gene übte indes die Umweltorganisation Greenpeace auf der Jahrespressekonferenz des Europäischen Patentamts in München. Nicht nur private Firmen wie Celera und Incyte hätten Patente auf menschliche Gene angemeldet, auch „Privatleute“ wie André Rosenthal und der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ludwig Winnacker besitzen welche, behaupten die Umweltschützer. „Seriöse Forscher sollten einen Beitrag dazu leisten, dass diese absurden Patente auf Leben nicht mehr möglich sind“, fordert Christoph Then, Genexperte von Greenpeace. Inzwischen lehnen auch die Bundesärztekammer und die Europäische Ärzteschaft Patente auf menschliche Gene ab.
Abgesehen von möglichen Risiken der Gentechnik fordert Prof. Hans Lehrach, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, wesentlich mehr Forschungsgelder. Seiner Meinung nach müssten die derzeit knapp 44 Mio. DM verzehnfacht werden. „Da läuft eine Revolution ab und ihre Umsetzung wird hierzulande verschlafen“, so Lehrach. Alle anderen Nationen hätten das begriffen, nur Deutschland nicht. BETTINA RECKTER
Die wichtigste und wunderbarste Karte, die je von der Menschheit erstellt wurde – schwärmt Bill Clinton von der Abbildung des Genoms. Der apparative Aufwand der Genforschung ist enorm. Hier nehmen computergesteuerte Nadeln DNA-Proben auf.
Kriegsbeil begraben? Die härtesten Konkurrenten im Gen-Geschäft, der Privatforscher Craig Venter (links) und staatliche HGP-Forscher wie André Rosenthal (rechts vorne) und Hans Lehrach, wollen künftig ihre Daten austauschen.

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