Perlen der Provinz 05.07.2002, 18:20 Uhr

Im Schulterschluss gegen die Konkurrenz

VDI nachrichten – Im hohen Norden, wo einst riesige Werften und die Marine das Sagen hatten, entwickelt sich ein kleiner, innovativer Wirtschaftszweig – die Meerestechnik. Wirtschaftspolitiker sehen hier ein Potenzial, das langfristig mit dem der Biotechnologie vergleichbar ist.

Den Blick aus dem Büro über das Wasser der Kieler Förde mag Dr. Levent Piker nicht missen: „Diese Aussicht ist Gold wert.“ Doch seine wahre Perspektive erkennt der 38-Jährige, wenn er durch sein eigenes Unternehmen schaut: Weiße Plastiktanks mit Seewasser, von UV-Lampen bestrahlt, darin grüne Schnüre, an denen Algen heranwachsen. Noch wirkt das Ganze etwas handgestrickt, aber die Zukunft hat Meeresbiologe Piker fest im Blick: „Kosmetikprodukte aus Algen, die im industriellen Maßstab gezüchtet werden.“

Mit dem jungen Unternehmen „O’Well – Ocean Wellness“ gehören Piker und seine Geschäftspartnerin Dr. Inez Linke zu den Pionieren, die im hohen Norden der Republik das Meer als Quelle neuer technologischer Entwicklungen entdeckt haben.

„Schleswig-Holstein Meer umschlungen“ – neben der Agrarwirtschaft prägen traditionell Fischerei und Schifffahrt die Struktur des nördlichsten Bundeslandes. Und natürlich die Marine. Als Kiel 1871 zum Reichskriegshafen erklärt wurde, blühte die Stadt an der Förde auf. Doch nach zwei Weltkriegen war der Boom vorbei.

Und jetzt, da sich die Reihen der Werften lichteten, heißt das Zauberwort Meerestechnik.

„Dahinter steht eine junge Branche mit einem ähnlichen Wachstumspotenzial, wie sie die Biotechnologie in Süddeutschland entwickelt hat“, hofft Fritz Lücke, Abteilungsleiter Technologie-Förderung im Kieler Wirtschaftsministerium und malt ein Bild von Offshore-Windparks, Aquakulturen mit einer aufwändigen Wasseraufbereitungstechnik, blauer Biotechnologie zur Nutzung meeresbiologischer Prozesse in der industriellen Produktion, hoch entwickelter Schiffselektronik. „Mit klassischem Schiffbau hat Meerestechnik nur noch ganz wenig zu tun“, so Lücke.

Und trotzdem kommt an den traditionellen Werften niemand vorbei, der im Land zwischen Nord- und Ostsee nach der Technologie der Zukunft sucht. Auf den ersten Blick wirkt die Lindenau-Werft an der Zufahrt zum Nord-Ostsee-Kanal wie ein klassisches Schiffbau-Unternehmen. Die backsteinfarbenen Betriebsgebäude ducken sich unter dem gewaltigen Rumpf eines fast fertig gestellten Tankers; ein weiterer wartet am Ausrüstungskai auf seine Ablieferung.

Von außen sieht man es ihnen nicht an, aber die inneren Werte dieser Schiffe haben das Überleben der Werft durch alle Schiffbau-Krisen gesichert. Seit Mitte der 70er Jahre baut der 250-Mann-Betrieb so genannte Doppelhüllen-Tanker, die trotz zahlreicher Ölkatastrophen mit herkömmlichen Tankern erst ab 2015 auf allen Weltmeeren Vorschrift werden.

Das erste Schiff dieses Typs entstand seinerzeit bei Lindenau, „weil es die Vorschriften für Chemietanker damals verlangten“, so Werftchef Dirk Lindenau, und seitdem versucht die Werft, die Bedürfnisse des Marktes vorausschauend in den Griff zu bekommen: „Viele unserer Ausrüstungsdetails werden von den Vorschriften her noch gar nicht verlangt“, sagt Lindenau, „aber die Reeder erwarten wegen der langen Lebenszeit ihrer Schiffe, dass wir sie einbauen.“ So zählen inzwischen Voyage Data Recorder zur Standard-Ausrüstung von Lindenau-Schiffen, obwohl das Aufzeichnen sämtlicher relevanten Fahrtdaten analog zur Black Box im Luftverkehr für Schiffe noch nicht Pflicht ist.

Die jüngste Entwicklung von Lindenau unterstreicht die Bereitschaft des 1919 gegründeten Unternehmens, die ausgetretenen Pfade des traditionellen Schiffbaus zu verlassen. Aus der Kooperation mit dem Institut für Schiffbau der Fachhochschule ist das Modell eines modularen Forschungsschiffes entstanden. Auf der Basis eines robusten Standardschiffes können binnen kürzester Zeit bis zu 20 Container montiert werden, so dass das Schiff flexibel sich wandelnden wissenschaftlichen Aufgaben angepasst werden kann. „Für uns hat die enge Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen einen hohen Stellenwert“, betont Dirk Lindenau.

So etwas ist Musik in den Ohren von Prof. Klaus Potthoff. Seitdem er vor zwei Jahren der akademischen Friedensforschung den Rücken kehrte und mit der Schiff GmbH in die Beratung maritimer Unternehmen einstieg, ist die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft eines seiner Lieblingsthemen. „Die reichen von der Basisarbeit für die Offshore-Windparks bis zur Nutzung biologischer Vorgänge im Meer für die industrielle Produktion.“

Gemeinsam mit dem Marketing-Experten Michael Jarowinsky knüpft Potthoff seit über zwei Jahren das „Kompetenznetz Meerestechnik“ in und um Kiel. Das Wort Provinz mögen die beiden zwar nicht hören, aber es ist ihnen schon klar, dass sie am Rand der Republik liegen. Mit innovativen Ideen und ohne großen administrativen Wasserkopf versuchen sie deshalb, dieses Kompetenznetz zu pushen. Rund drei Dutzend Firmen und Institute unterschiedlichster Ausprägung gehören schon dazu, neben Unternehmen auch das weltweit renommierte Institut für Meereskunde.

Wie man Verbindungen knüpft und Strippen zieht, liegt den Kielern im Blut. Seit mehr als 100 Jahren ist die Förde in der letzten Juni-Woche Austragungsort der Kieler Woche. Seitdem Kaiser Wilhelm und später die Krupp-Dynastie rund um den Kieler Yacht Club ihre Fäden zogen, gehört das Pflegen enger Beziehungen genauso zum größten Wassersportereignis der Welt wie der Segelsport. Auf 250 Empfänge an nur neun Tagen brachten es die Kieler allein in diesem Jahr.

„Informelle Gespräche ohne Tagesordnung und offizielles Ziel sind einfach wichtig, um Berührungsängste abzubauen“, so auch die Erfahrung von Martin Volz, Vertriebsmanager der L3-Communications ELAC Nautik GmbH. Obwohl die maritime Branche eigentlich doch gemeinsame Interessen hat, beobachtet Volz immer wieder die Angst, allzu eng mit möglichen Konkurrenten zusammenzuarbeiten. Das Kompetenznetz Meerestechnik versucht auch, solche Befürchtungen auszuräumen, mit einigen Erfolg: Über das Netz hat Elac mit der Bremer Atlas Hydrographic GmbH ein Konsortium gebildet, das ein komplexes Lot- und Sonarsystem für ein neues deutsches Forschungsschiff entwickelt: „Erst der Zusammenschluss unserer jeweiligen Kernkompetenzen macht uns möglich, gegen die starke internationale Konkurrenz anzutreten.“

Genau das scheint das größte Problem der kleinen maritimen Industrie im fernen Norden zu sein. Auf ihrem jeweiligen Fachgebiet gehören die Unternehmen technologisch zur Weltspitze. Aber auf dem Weltmarkt spielen sie kaum eine Rolle, weil es ihnen an der notwendigen Kraft fehlt. Elac selbst ist ein gutes Beispiel dafür. Nach dem Untergang der „Titanic“ entwickelte die Electro Akustik GmbH das erste Sonargerät zum Erkennen von Eisbergen und beherrschte über Jahrzehnte den Markt für Unterwasser-Kommunikationsgeräte. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Unternehmen Plattenspieler und Nähmaschinen herstellen, kam in den 70ern ins Trudeln – bis es nach verschiedenen Konkursen und Übernahmen im sicheren Hafen des amerikanischen Mutterkonzerns L3-Communications landete.

Levent Piker hat sich genau in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Vor neun Jahren verließ er den sicheren Hafen eines öffentlich geförderten Forschungsinstitutes und gründete mit drei Kollegen „CRM Coastal Research Management“, wenig später „O’Well“. CRM konzentriert Gutachten zum küstennahen Wasserbau oder zur Entwicklung von Fischfarmen und Aquakulturen, selbst bei der geplanten Beseitigung der gewaltigen Ölverschmutzungen aus dem Golfkrieg wollen sie mitmischen. Die Algenzucht wird dann das zweite wirtschaftliche Standbein des Meeresbiologen. Und die Zukunft weiß er ganz auf seiner Seite: „60 % der Weltbevölkerung leben an einer Küste.“ Und Meerestechnik wird diesen Menschen helfen, die Ozeane als Lebensgrundlage zu erschließen. Kein Wunder, dass Piker den Blick auf die Kieler Förde so entspannt genießt.

 

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