Gentechnik 10.12.1999, 17:23 Uhr

Gentherapie steckt noch in den Kinderschuhen

Der Tod des jungen Gentherapie-Patienten Jesse Gelsinger hat auch die Genforscher in Deutschland aufgeschreckt. Obwohl die Experten noch über die Gefährlichkeit von Gentherapien streiten, wurde eine Gen-Studie in Dresden erst einmal vorsichtshalber gestoppt.

Wir müssen zugeben: Gentherapie funktioniert heute noch nicht“, lautet das nüchterne Resümee von Prof. Bernd Gänsbacher vom Institut für Experimentelle Onkologe und Therapieforschung der Technischen Universität München. Von der anfänglichen Begeisterung für die scheinbar so einfache Behandlungsmethode war auf der von ihm geleiteten Tagung der Europäischen Gesellschaft für Gentherapie Ende November in München nichts mehr zu spüren. Doch nach wie vor sind Forscher wie Gänsbacher vom potenziellen Nutzen der Gentherapie überzeugt: „Die Gentherapie hat als Strategie viel zu bieten. Aber sie braucht noch 10 bis 20 Jahre Zeit.“
Seit 1990 erstmals ein Mensch – ein vierjähriges Mädchen – gentherapeutisch behandelt wurde, ist die Zahl der Gen-Patienten weltweit auf mehr als 4000 angewachsen die meisten von ihnen leiden an Krebs. Im Mittelpunkt der Forschung stehen Genfähren, die die veränderten Gene an den Ort ihres Wirkens transportieren sollen. Dafür nutzt man vor allem unschädlich gemachte vermehrungsunfähige Viren, in erster Linie Retroviren und Adenoviren. Diese Genfähren oder Vektoren sind aber selbst nicht ungefährlich. Proteine auf ihrer Oberfläche erkennt das Immunsystem des Patienten und greift sie an.
Der Tod des Amerikaners Jesse Gelsinger, der am 17. September 1999 nach einer Behandlung mit Adenoviren starb, wurde möglicherweise von solchen Genfähren verschuldet. Noch ist der Fall nicht geklärt erst am 9. Dezember werden die Verantwortlichen in Washington Rede und Antwort stehen. Die Schuld der Viren scheint deshalb nahe liegend, weil der 18-Jährige eigentlich gesund war. Zwar waren bestimmte Erbanlagen der Leber defekt, doch hatten sich noch keine Krankheitssymptome entwickelt. Offenbar war der Schritt von der Gentherapie an unheilbar Kranken, denen mit traditionellen Methoden nicht zu helfen ist, zu noch beschwerdefreien Patienten voreilig.
Um die Effizienz der Genübertragung zu erhöhen, experimentieren die Forscher heute außerdem mit Lentiviren, zu denen der Aids-Erreger gehört, sowie mit Adeno- assoziierten Viren, Papilloma-, Cytomegalo- und Hepatitis-B-Viren. Ein grundsätzliches Problem sind die Proteine auf der Oberfläche all dieser Viren. „Solange Vektoren eine Proteinhülle haben, werden Antikörper dagegen gebildet. Darum geht der Trend dahin, immer weniger Teile der Hülle und immer weniger viruseigene Gene zu verwenden, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden“, erklärt Prof. Peter Hans Hofschneider vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried.
Die Experten haben mittlerweile eingesehen, dass sie ihre einstige Hoffnung auf ein einziges Gen-Taxi begraben müssen. „Heute wissen wir, dass wir eine breite Palette von Vektoren brauchen“, so Hofschneider. „Ein Vektor kann in einem Fall gefährlich , im anderen aber genau richtig sein.“ Er prophezeit für die Zukunft eine Mixtur aus Liposomen (Fettkügelchen) und wenigen viralen Bestandteilen. Ideal wären nicht- virale Vektoren, vermutet Gänsbacher, doch gibt es derzeit noch keine brauchbaren.
Einen Schritt weiter sind Versuche mit „nackter“ DNA – also mit Genen ohne jede Hülle. In Boston wurde Patienten mit schweren Durchblutungsstörungen und offenen Geschwüren an den Beinen das nackte Gen für einen Wachstumsfaktor für Blutgefäße direkt in das betroffene Muskelgewebe injiziert. Es bildeten sich neue Kapillaren, die Wunden verheilten. Eine Studie an 20 Patienten mit mangelhaft durchblutetem Herzmuskel deutet an, dass die Methode auch dort vielversprechend ist.
Auch Tumorpatienten sollen mit Gen-Material geimpft werden, um die Bildung von Metastasen zu verhindern. Bisher verwendete man dafür gentechnisch veränderte Krebszellen des Patienten. Die Impfungen aber müssen wiederholt werden da die erforderlichen Tumorzellen kaum über längere Zeit im Reagenzglas zu vermehren sind, will man jetzt die Gene zur Bildung tumortypischer Proteine auf bestimmte Immunzellen aus dem Blut des Patienten übertragen. Sie präsentieren die Proteine dem Immunsystem, das daraufhin die unerwünschten Zellen vernichtet.
Bis wirkliche Heilungserfolge zu verbuchen sind, muss die Gentherapie noch einige Hürden überwinden. Hilfestellung könnte das Humangenomprojekt (HUGO) geben, das sich nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms der Analyse der Genfunktionen zuwenden wird. „Deutschland könnte dann aufholen, was in der ersten Phase von HUGO verschlafen wurde“, hofft Professor Jens Reich vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. Wie andere beteiligte Forscher bemängelt auch er den viel zu späten Start des Deutschen Human-Genomprojekts (DHGP).
Eine starke staatliche Förderung aber könnte sich lohnen, denn „in der zweiten HUGO-Runde wird der Transfer von Wissen direkt in Therapie und andere Anwendungen erwartet“, meint Dr. Werner Schiebler von Hoechst Marion Roussel. Da geht es um multigenische Erkrankungen, um Interaktionen zwischen Genom und Umwelt oder darum, wie Medikamente wirken. Die genetische Basis ernährungsbe-ding-ter Krankheiten aufzuklären steht ebenso an wie das Abschätzen von Krankheitsrisiken oder die vorgeburtliche Diagnostik.
Den potenziellen medizinischen Nutzen dieser Genforschung erläutert Dr. Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin am Beispiel Chorea Huntington, dem Veitstanz. 1993 wurde das verantwortliche Gen für diese bislang unheilbare Erkrankung identifiziert, jetzt suchen die Forscher nach Medikamenten, die den Krankheitsprozess zumindest verlangsamen könnten. SIBYLLE KETTEMBEIL
Für eine wirkungsvolle Gentherapie müssen Forscher nicht nur die richtigen Gene finden. Die Behandlung bislang unheilbarer Krankheiten gelingt nur, wenn auch deren Funktionsweise vollständig aufgeklärt ist.

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