Gentechnik 08.02.2002, 17:32 Uhr

„Gentechnisch nicht zu forschen hieße, sich an Dritte auszuliefern“

Immer begleitet Angst die Entwicklungsstufen der Menschheit. So auch die Einführung der Gentechnik. Neu sei, so Prof. Christ im folgenden Beitrag, dass eine Technologie erstmals in das Leben zukünftiger Generationen eingreife.

Der Fortschritt war immer und immer wieder von Tabubrüchen begleitet, er definierte sich geradezu im vollzogenen Tabubruch. Oft werden Grenzen erst sichtbar, wenn sie überschritten sind.

Mit den Möglichkeiten der Gentechnik stehen wir wieder einmal wie schon oft an einer Wegscheide. Die einen reden von den Chancen, das Glück der Menschen durch neue Regenerationsmöglichkeiten, bessere Medizinversorgung bis hin zur Unsterblichkeit zu vergrößern. Die anderen sehen in der Verfügbarkeit des Menschen über den Menschen den Schöpfungsplan Gottes gestört. Wir stehen vor Umbrüchen, weil der Mensch erstmals die Eigenschaften der künftigen Generation steuern kann, während Technik, Forschung und Entwicklung bisher doch immer nur die lebenden Artgenossen beeinflussen konnten.

Die ernsthaft und gründlich geführte Debatte über die Möglichkeiten der Gentechnik sieht viele Chancen. Herausragende Stichworte dazu sind „reproduktives und therapeutisches Klonen“ und „pränatale Implantationsdiagnostik“. Die Verwirklichung der Chancen stößt an zwei Tabugrenzen. Zum einen ist das die Verwendung von embryonalen Stammzellen, die einer Tötung menschlichen Lebens gleichgesetzt wird, und zum anderen die Klontechnik, die als Instrumentalisierung des Lebens gedeutet wird.

In der Natur passiert Klonen auf natürliche Weise bei eineiigen Zwillingen. Künstliches Klonen ist auf zweierlei Weise möglich. Erstens durch Embryo­splitting: Ein Embryo von höchstens 40 bis 80 Zellen wird durch Ablösung einer Anzahl von Zellen geteilt. So entstehen zwei Embryos, die beide lebensfähig sind. Zweitens durch die „DollyMethode“: Der Keim einer Zelle des Wesens, das geklont werden soll, wird in eine zuvor entkernte Eizelle eingebracht. Diese Eizelle kann sich zu einem Embryo entwickeln und in einen weiblichen Organismus eingepflanzt werden.

Von „reproduktivem“ Klonen wird gesprochen, wenn das Ausreifen eines Klons zum vollwertigen Lebewesen etwa wie bei Dolly beabsichtigt ist, zum Beispiel zur Verbesserung etablierter Methoden der künstlichen Fortpflanzung. Demgegenüber wird beim „therapeutischen“ Klonen die Individualentwicklung des Klons abgebrochen, um bestimmte Zellen aus dem entstehenden Lebewesen für therapeutische Zwecke zu entnehmen. Häufigstes Ziel des therapeutischen Klonens ist, bei Erkrankungen mit Ausfall lebenswichtiger Zellgruppen ohne Zerstörung des Organgerüstes diese Zellen durch Transplantation zu ersetzen. Auch gibt es viel versprechende Bemühungen, einfache Organstrukturen und -teile durch Kombination von Stammzellentechnologien und Methoden des Bioengineering herzustellen.

Damit soll dem Mangel an Spenderorganen für die Transplantationsmedizin entgegengewirkt werden.

Besondere Bedeutung kommt dabei der Gewinnung von embryonalen Stammzellen zu. Sie verfügen über die Fähigkeit, sich unter den entsprechenden Bedingungen in nahezu alle verschiedenen Typen von Körperzellen entwickeln zu können, etwa in Herz-, Leber- oder Hautzellen.

Hauptziele des Klonens sind also, zeugungsunfähigen Paaren die Fortpflanzung zu ermöglichen sowie die Sicherung der Gesundheit und die Heilung schwerer Leiden. Eines der meist formulierten Argumente gegen die klontechnische Erzeugung eines vollständigen menschlichen Individuums ist, dass diese eine Instrumentalisierung des Lebens bedeute und damit gegen die Menschenwürde verstoße.

Derselbe Widerstand wird der pränatalen Implantationsdiagnostik entgegengebracht. Bei dieser Technik wird der Embryo vor dem Einbringen in den weiblichen Körper gentechnisch diagnostiziert, um erbtechnisch beschädigte Embryonen gleich gar nicht zuzulassen. Hier schreckt die Vorstellung vom Designerbaby und von Huxleys schöner neuer Welt.

Das reproduktive Klonen wird in Deutschland fast einhellig abgelehnt. Es ist verboten, aber ohne dass sich eine klare, wissenschaftlich fundierte Argumentation erkennen ließe.

Differenzierter sind die Stellungnahmen zum therapeutischen Klonen, weil der Embryo, der die Kraft hat, ein vollständiger Mensch zu werden, dabei getötet wird.

Die Beurteilung dieser Standpunkte setzt bei der Frage an, wann menschliches Leben beginnt. In Deutschland ist das fast unwidersprochen definiert als der Augenblick der Verschmelzung von Samen und Ei. Und das, obwohl Fehlgeburten in den christlichen Kirchen weder getauft noch beerdigt werden. Ein Widerspruch? Nach jüdischem Glauben besitzt erst das Neugeborene eine Seele, Forschung mit Embryonen ist daher in Israel problemlos möglich. Es gibt auch andere, medizinisch begründete Zeitpunkte für den Beginn des menschlichen Lebens.

Bisher hat die Menschheit alles getan, was ihre Lebensqualität im weitesten Sinne gefördert hat. Dazu gehört in erster Linie auch die Heilung von Krankheiten jeder Art. Und die Gentechnik kann hierzu Beiträge leisten.

Das sind Nützlichkeitserwägungen, die in der Menschheitsgeschichte oft den Ausschlag gegeben haben. Auf jeden Fall können sie nicht die Frage nach der ethischen Zulässigkeit beantworten. Ich stimme zwar Bundespräsident Rau zu, der sagte: „Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir um keines tatsächlichen oder vermeintlichen Vorteils willen tun dürfen.“ Aber ich meine, dass die ethisch-moralische und philosophische Seite der Gentechnik noch nachhaltiger und gründlicher durchdacht werden muss als bisher.

Zutiefst überzeugt bin ich davon, dass wir die Forschung auf diesem Feld fortsetzen müssen. Dabei will ich mich nicht hinter der Tatsache verstecken, dass die anderen auch auf diesem Gebiet forschen. Sondern ich will darauf hinweisen, dass „Nichtforschen“ auf diesem Gebiet einseitige Entwaffnung und Selbstauslieferung an andere bedeutet.

Tatsächlich wissen wir trotz aller Fortschritte auf diesen Gebieten noch unendlich wenig. Mehr davon zu erfahren ist unsere Pflicht. „Nicht wissen zu wollen ist ein Recht des Einzelnen, nicht das der Gesellschaft.“ Darin stimme ich der Vorsitzenden der Enquetekommission des Bundestages für Recht und Ethik in der modernen Medizin, Margot von Rennesse, voll zu.

Wir müssen lernen, wie Gentechnik funktioniert und welche Möglichkeiten sie birgt. Verbote auf diesem Feld wären selbstzerstörerisch – und würden zugleich einen autoritären Kontrollstaat nach sich ziehen. Denn wie sollte dieses Verbot kontrolliert werden, wenn nicht durch Bücherverbrennung, Ächtung des Studiums gefährlicher Ideen, Kontrolle der Wissenschaften?

Nötig ist ein tiefes philosophisches Verständnis, damit neue Technologien besser aufgenommen und schneller zu einem Bestandteil unserer Kultur werden. Der Philosoph Max More sagt dazu: „Wenn wir dem rapiden und tief greifenden technologischen Wandel mit philosophischen Weltvorstellungen begegnen, die ihre Wurzeln in alten Mythen und Geschichten aus vorwissenschaftlicher Zeit haben, werden wir weiterhin grundlose Angst vor Veränderung haben, uns potenziellen Nutzen entgehen lassen und Fortschritten unvorbereitet gegenüberstehen.“

Deshalb müssen wir forschen. Das Wissen über Gentechnik darf nicht nur in privaten Händen bleiben. Es gehört der Öffentlichkeit, damit es öffentlich beurteilt und kontrolliert werden kann. Und die Öffentlichkeit ist der Staat mit seinen anerkannten und verantwortungsvollen Forschungseinrichtungen. Bisher ist alles, was gedacht wurde, auch gemacht worden. Vielleicht ist das Leben mit diesem Gegensatz die Tragik der Menschheit unserer Zeit.

Was immer wir tun, es kann furchtbare Folgen haben: der Missbrauch des Klonens ebenso wie das Nichtwissen vom Klonen. Nichtwissen liefert uns den Wissenden aus. Wenn wir aber wissend werden, werden wir nach aller Erfahrung auch Handelnde werden. Und so gewiss es ist, dass Klonen zum Schaden der Menschen missbraucht werden kann, so gewiss ist auch, dass es missbraucht werden wird. Hoffentlich weniger missbraucht, als es zum Segen der Menschen gebraucht wird.

Dieser Gefahr standzuhalten setzt Mut voraus. Wie heißt es doch bei Friedrich Dürrenmatt: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Worauf es ankommt: unsere Kraft darauf konzentrieren, dass der Missbrauch möglichst klein bleibt, damit der Nutzen groß werden kann. HUBERTUS CHRIST

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