Gentechnik 18.12.1998, 17:20 Uhr

Gene auf der US-Farm

Trotz langer Erfahrung mit dem Anbau transgener Pflanzen bleiben zentrale Fragen offen.

Die USA sind Vorreiter bei der Gentechnik: Bereits 1987 fanden die ersten Freilandversuche statt. 1994 erhielt die erste US-Firma die Genehmigung, die transgene Tomate „Flavr Savr“ zu vermarkten. Das Besondere an der Tomate: Sie bleibt lange frisch, weil der Pflanze ein Gen eines Bodenbakteriums eingeschleust wurde, das den natürlichen Faulungsprozeß blockiert.
In der EU sind Freisetzungen im großen Stil nach wie vor eine Seltenheit. 1988 wurden in Frankreich und Spanien erstmals transgene Pflanzen kommerziell angebaut. Doch um diesen gentechnisch veränderten Mais der Schweizer Firma Novartis streiten sich jetzt die Juristen (siehe nebenstehenden Beitrag). In den USA gehören transgene Pflanzen mittlerweile zum Alltag. So hat das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) bis November 1997 bereits 3300 Anträge auf Freisetzungsversuche gezählt, 30 transgene Pflanzensorten dürfen vermarktet werden. USDA schätzt, daß in diesem Jahr bereits auf einem Drittel der Mais- und Sojaanbaufläche transgene Sorten wachsen. Diesen Pflanzen wurden überwiegend Fremdgene eingebaut, die sie gegen eines von zwei weitverbreiteten Unkrautbekämpfungsmitteln resistent machen: gegen „Basta“ der Firma Hoechst oder gegen „Round-Up“ der Firma Monsanto. Dennoch: Es gibt keine eindeutigen Antworten darauf, welche Wirkungen gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Umwelt haben. Zu diesem Schluß kommt eine 800 Seiten starke Studie zur „Nutzung der Gentechnik im Agrarsektor der USA“, die Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt (Biogum) der Hamburger Universität im Auftrag des Berliner Umweltbundesamts (UBA) erstellt haben. Die bislang produzierten transgenen Kulturpflanzen werden durch die Gentechnik nicht zu „Superunkräutern“, die unkontrolliert verwildern. Allerdings sollte, so empfiehlt das UBA, das Ausbringen bestimmter transgener Sorten sorgfältig geprüft werden. Dazu gehören beispielsweise Pflanzen mit hoher Widerstandskraft gegen Trockenheit oder hohem Salz- oder Aluminiumgehalt, denn diese Eigenschaften können eine ungewollte Ausbreitung der transgenen Sorte begünstigen. Wie in Deutschland prüfen die Behörden in den USA jeden Antrag auf einen Freilandversuch einzeln – außer wenn die Kombination aus Pflanze und Fremdgen bekannt ist und aus Sicht des USDA weder Mensch noch Umwelt gefährdet. Seit 1993 genügt bei solchen transgenen Pflanzen ein vereinfachtes Anmeldeverfahren. Ausgenommen sind hiervon allerdings jene Pflanzen, bei denen das durch die Manipulation gebildete fremde Protein infektiös oder toxisch ist oder einen pharmazeutischen Wirkstoff darstellt. „Eine nicht rechtzeitig entdeckte allergene oder humantoxische Eigenschaft hat sich bislang in den USA bei keinem transgenen Organismus gezeigt“, resümiert Biogum-Biologin Gesine Schütte die Recherchen der Hamburger.
Schwieriger ist es dagegen, die Umweltfolgen unkraut- und insektenresistenter Pflanzen zu bewerten. So können transgene Pflanzen, die die Herbizide Basta und Round-Up tolerieren, im mittleren Westen der USA, wo es trocken ist und wenig Unkraut wächst, die Umwelt entlasten, da die Farmer ihren Einsatz an Herbiziden senken können. „Eine Übertragung auf andere Länder ist jedoch nicht so einfach möglich“, erklärt Schütte. Denn in Deutschland und in anderen amerikanischen Gegenden wachsen erstens mehr Unkräuter, und zweitens ist dort das Klima feuchter, weshalb Unkräuter schneller wachsen und Herbizide häufiger abgeschwemmt werden. Die Folge: Landwirte müssen wieder öfter spritzen. Ein zusätzliches Problem ist, daß in sehr viele Kulturen wie Salat, Raps, Soja und Mais bislang fast nur Resistenzgene gegen Basta und Round-Up eingebaut wurden. Je öfter Pflanzen mit einem Gen, das eine Herbizidtoleranz vermittelt, angebaut werden, und je öfter ein Unkrautvernichtungsmittel angewandt wird, desto höher der Selektionsdruck: Es steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sich dieses Gen durch Auskreuzung auf verwandte Arten ausbreitet und daß sich in der Wildflora Resistenzen entwickeln. Das Herbizid würde dann seine Wirkung auf Unkräuter verlieren. Um dem zu begegnen, „fehlen wissenschaftlich ausgearbeitete Resistenzmanagementpläne“, so Ingrid Nöh, Leiterin der UBA-Abteilung Gentechnik. Ein Fortschritt wäre es laut Nöh schon, würden die Landwirte Pflanzen, die gegen ein Herbizid resistent sind, nur einmal pro Fruchtfolge anbauen.
Auch beim Anbau insektenresistenter Sorten sind die USA womöglich zu sorglos, meint Nöh. So produzieren Maispflanzen mit Genen des Bodenbakteriums Bacillus thurigiensis (Bt) für Schmetterlingsraupen tödliche Stoffe. Die sogenannten „Bt-Gifte“ haben den Vorteil, daß sie im Vergleich zu chemischen Insektengiften relativ spezifisch nur bestimmte Raupen schädigen. Doch während Insektizide nur ab und zu gespritzt werden, produzieren die transgenen Pflanzen ständig diese Toxine, die möglicherweise auch für Nützlinge schädlich sein können. Erst kürzlich zeigten Wissenschaftler der Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Reckenholz in der Schweiz im Laborversuch, daß die Larven der nützlichen Florfliegen durch das Bt-Toxin verenden, wenn sie mit Raupen gefüttert werden, die auf Bt-Mais gezogen wurden.
RALPH AHRENS

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