Biotechnologie 20.08.1999, 17:22 Uhr

Erst festen Boden unter die Füße bekommen

Biotechnik wird von der Politik massiv gefördert. Die Hochschulen reagieren mit unterschiedlichen Angeboten und ungewissen Chancen für die Studierenden.

Sie ist wie moderne Alchemie: Die Biotechnologie hat den Nimbus einer geheimen Kunst, die alles vermag. Sie verspricht mehr Beschäftigung, Zukunftsfähigkeit und enorme Umsatzsteigerung. Politik und Wirtschaft pushen sie gleichermaßen. Und die Hochschulen ziehen mit.
Sie bieten das einst nur interdisziplinär existente Fach immer häufiger als eigenständigen Studiengang „Biotechnologie“. Prompt entwickelt sich das Angebot zum Hit. Denn Studierende assoziieren mit Biotechnologie meist eine Glamour-Karriere, stellte die Zentrale Studienberatung der TU Braunschweig fest. Die Chancen der diplomierten Biotechnologen auf dem Arbeitsmarkt sind aber ungewiß.
Auch über den Sinn, die heterogenen Biotech-Fächer zu einem Studiengang zu verlöten, wird noch diskutiert. Können und sollen Gen- und Zelltechniken, Biochemie und Mikrobiologie, Physik, Mathematik, Verfahrens- und Prozeßtechnik in einem Rundumschlag vermittelt werden? Skeptiker wie Hans Diekmann, Professor für Mikrobiologie an der Universität Hannover, hält es für besser, wenn Studierende erst in einem Fach „festen Boden unter den Füssen“ bekommen. „Dann können sie immer noch Biotechnologie im Team interdisziplinär betreiben.“ Und Spötter fragen schon, wann in die neuen Lehrpläne auch Human- und Veterinärmedizin aufgenommen würden.
Tatsächlich hat der Begriff der Biotechnik während der letzten 15 Jahre unübersichtliche Dimensionen erreicht. Von der künstlichen Enzym-, Aroma- oder Vitaminherstellung über die Gentomatenzüchtung bis zur Klonierung kann alles darunter fallen. Eingleisige Studiengänge schüren die Vorstellung, daß alle diese disparaten Felder zum Aktionsradius der Diplom-Biotechnologen gehören. Entsprechend steigen die Erwartungen an den Arbeitsmarkt. Zwar suchen mittlerweile viele Unternehmen biotechnologisches Know-how. Doch dieses Wissen bekommen sie teilweise aus anderen Quellen, zum Beispiel von Verfahrenstechnikern, Chemikern, Pharmakologen.
„Spezialwissen wird von Spezialisten abgerufen“, kommentiert der Mikrobiologe Diekmann. Da biotechnologisches Know-how von der Industrie nicht mehr vorgehalten wird, wächst der Markt kleiner und kleinster Firmen, die flexibel auf die jeweiligen Wünsche vor allem der großen Pharma- und Chemieunternehmen reagieren. Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn feiert diese Neugründungen als „Gehirn“ der Branche, das außerdem Arbeitsplätze sichern würde. Um 28 % stieg im vergangenen Jahr die Zahl dieser Wissens-Transformatoren, die künftig noch gezielter als bisher gefördert werden sollen. 100 Mio. DM hat Bulmahn für das Programm „BioChance“ eingeplant, das die Durststrecke der Kleinunternehmer zwischen biotechnologischer Forschung und anwendungsreifen Entwicklungen überbrücken soll. Auf diesem Wege wird letztlich auch die biotechnologische Forschung für die Großindustrie gefördert.
Von diesem Fördersegen unberührt bleiben diplomierte Biotechnologen, vermutet Diekmann, da in den Mikro-Denkfabriken hochspezialisiertes Wissen mehr gefragt sei als eine Biotech-Rundumbildung. „Wichtig ist, daß die Experten interdisziplinär arbeiten können“, meint Diekmann. Auf diese Fähigkeit zielt ein anderes Lehrangebot, das augenblicklich an der Uni Hannover entwickelt wird, das Ergänzungsfach Ökonomie und Kommunikation in der Biotechnologie. Es setzt dort an, wo das eigentliche Dilemma der Biotechnologie vermutet wird.
„Deutschland hat kein Technologieproblem, sondern ein Kommunikationsproblem“, erklärt Thomas Scheper, Professor für Technische Chemie und Mitinitiator des Ergänzungsfachs. Gemeinsam mit Beate Schneider, Professorin für Kommunikationsforschung, und Udo Müller, Professor für Volkswirtschaftslehre, will er den gesellschaftlichen Grundkonsens für die neuen Technologien vorantreiben.
Im zweisemestrigen interdisziplinären Projekt der Uni Hannover sollen angehende Chemiker, Journalisten, Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaftler gemeinsam die Grundlagen der Biotechnologie aus unterschiedlicher Sicht kennen lernen und aktiv an den Aufgaben der jeweils anderen Disziplinen beteiligt werden. Damit soll das Ergänzungsfach quasi ein Bündnis für gegenseitiges Verständnis initiieren – ganz im Sinne von Forschungsministerin Bulmahn. Sie hat „das umfassende Gespräch zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaftlern, Technikern und Ingenieuren“ zur grundlegenden Aufgabe erklärt.
Einen handfesten Zusatznutzen bietet das Ergänzungsfach den naturwissenschaftlichen Studenten außerdem: Sie lernen, ihre Arbeit verständlich dazustellen und sich mit Volks- und Betriebswirten zu verständigen – die beste Voraussetzung für Selbstvermarktung. R. KUNTZ-BRUNNER

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