Biotechnologie 10.09.2004, 18:33 Uhr

Erfolgreich mit Bluttests

VDI nachrichten, Fischbachtal, 10. 9. 04 -Dass es trotz aller Schwarzmalerei in Deutschland Biotech-Firmen gibt, die schwarze Zahlen schreiben, beweist das Beispiel der Brahms AG. Das Diagnostik-Unternehmen hat sich in Nischen-Märkten, etwa der Früherkennung der Blutvergiftung, gut eingerichtet und segelt auf Erfolgskurs.

Das Hennigsdorfer Diagnostik-Unternehmen Brahms muss sich wahrhaftig nicht verstecken. Dr. Bernd Wegener und seine Leute schreiben schon seit zehn Jahren schwarze Zahlen und das ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit in Deutschlands Biotech-Szene. Trotzdem macht Wegener keinen Wirbel, wenn es um Publicity geht, und flotte Marketingsprüche passen weder zu seinem hanseatisch wirkendem Auftreten noch zur Unternehmens-Mission. „Wir wollen Biomarker entwickeln, die einen hohen klinischen Nutzen entfalten und forschen dafür mit Mitteln der Biochemie, Gentechnologie und der Proteomanalyse,“ formuliert Wegener das Ziel von Brahms. Und das geschieht mit Erfolg.
Spezialgebiet sind Bluttests zur Früherkennung von Blutvergiftung, Tumor- und Schilddrüsenerkrankungen. Bei der Diagnose der Schilddrüsenerkrankung Morbus Basedow ist das Unternehmen Marktführer, und der PCT-Test zur Früherkennung der Blutvergiftung (Sepsis) gehört in deutschen Kliniken zum Standard-Verfahren. 150 Patente und Patentanmeldungen hat Brahms inzwischen gesammelt und jedes Jahr kommen zwei bis drei neue hinzu. Dabei war der Anfang vor zehn Jahren alles andere als einfach, trotz des vergleichsweise weichen Starts als Management-Buy-out der Berliner Henning AG. „Als wir das Unternehmen gründeten, standen wir vor der unternehmerischen Herausforderung, in sechs Wochen 52 Mio. € zusammenzubringen“, erinnert sich der 56-jährige Manager, der kürzlich erneut Vorsitzender des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie geworden ist. Auf einer Venture Capital-Hängematte, die heute Biotech Start-ups erst einmal eine Schonfrist einräumt, konnten sich Wegener und die Gründungsmannschaft damals nicht ausruhen.
Heute setzen die 300 Mitarbeiter bei Brahms Diagnostik im Jahr 48 Mio. € um, und die Ziele sind ambitioniert. Bis zum Jahr 2009 soll der Umsatz um 15 % klettern. Wachstum erwartet Wegener vor allem bei seinem Vorzeigeprodukt, dem PCT-Test zur Früherkennung der Blutvergiftung: „Ein Nischenmarkt von enormer ökonomischer Relevanz.“
In der zweiten Hälfte diesen Jahres erhält der Test die amerikanische Zulassung. Dann soll auch der Sprung in den wichtigen amerikanischen Markt glücken. Hier erkranken pro Jahr 751 000 Menschen an Blutvergiftung, 200 000 sterben daran.
Erfolgsrezept im schwierigen Diagnostik-Markt, der in den letzten Jahren kaum Zuwachsraten zu verzeichnen hatte, ist intensive Forschung. „Der Lebenszyklus der Diagnose-Verfahren ist kurz, ein Unternehmen muss sehr innovativ sein,“ erklärt der CEO. Wer Branchengiganten, wie Hoffmann la Roche, Abbott oder Bayer als Rivalen hat, kann sich auf Erfolgen nicht ausruhen. Trotzdem unterliegt Wegener den Verlockungen des lukrativen Geschäftes mit Schwangerschaftstests und Diabetesteststreifen nicht: „Das ist uns zu einfach, ein bisschen Spaß soll die Forschung ja auch bringen.“
Alle zwei Jahre wird ein Diagnose-Verfahren runderneuert, die Kosten dafür sind enorm. So verschlang die Entwicklung des PCT-Tests rund 1,8 Mio. €. Kein Zufall also, dass Brahms 20 % des Umsatzes jährlich in die Forschung steckt, mehr als die meisten Pharmaunternehmen. Wichtigste Fundgrube für neue Biomarker, also Eiweiße, die im Zusammenhang mit einer Krankheit auftreten, ist eine Serumdatenbank mit über 50 000 dokumentierten Patientendaten, die mit der Proteomanalyse durchkämmt wird. Erfolg versprechende Kandidaten entwickeln die Forscher bis in die klinischen Prüfungen hinein.
Zurzeit sind nicht nur sieben neue Marker zur Diagnose der Sepsis in der Pipeline, sondern auch ein Alzheimer-Test und einer zur Früherkennung des Herzinfarktes. Geschicktes Patentmanagement ist Wegeners wichtigste Strategie im Überlebenskampf. Der größte Fehler junger Biotech-Firmen, warnt der Manager, sei, biotechnologische Produkte zu früh auszulizensieren. Die Wertschöpfung sinke dramatisch. Wie sich das auswirken kann, hat Wegener in der ersten Gründungsphase miterlebt. Für den 1997 entwickelten PCT-Test bot Roche damals 10 Pfennig pro durchgeführter Bestimmung. Damals lehnte der CEO dankend ab, vertraute seinem Gespür für den Markt und behielt Recht: Heute erhält Brahms in den USA für jede durchgeführte PCT-Bestimmung 2,50 Dollar.
A. GEIPEL-KERN

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