Gentechnik 22.09.2006, 19:23 Uhr

Ende eines Eldorados für Gen-Pflanzen  

Zwei von drei EU- Bürgern lehnen Gentechnik in Nahrungsmitteln ab. Ob Landwirtschaft ohne Gentechnik noch möglich ist, darüber streiten Experten. Das wird sich im nächsten Jahr in Rumänien zeigen. Bauern ernten dort seit 1999 gentechnisch veränderte Sojabohnen. Doch mit dem Beitritt zur EU müssen sich die Sojabauern umstellen.

Herbst ist Erntezeit. Nicolae Curduman steht stolz in der Lagerhalle südlich von Bukarest, wo sich bald wieder Säcke mit Sojabohnen stapeln werden. Der Landwirt ist zuversichtlich: Die Ernte der hellbraunen Bohnen wird wohl gut ausfallen. Im Frühjahr säte er auf 1400 ha Sojapflanzen aus – überwiegend gentechnisch veränderte. Er hat dennoch Sorgenfalten auf der Stirn. Die Zeiten ändern sich.

August 2005. Der 28-jährige Biologe Gabriel Paun durchquerte Rumänien von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer, vom tiefen Süden bis in den Westen. Er war unterwegs – für Greenpeace. Paun ließ sich weder von der Hitze noch von heftigen Regenfällen beeindrucken. Und er fand, was er suchte: Sojafelder!

Von einzelnen Pflanzen pflückte er Blätter, verstaute sie in einer Kühlbox und brachte seine Ernte nach Wien zum österreichischen Umweltbundesamt. Dort isolierten Forscher aus den Blättern Erbsubstanz, vervielfältigten sie mit moderner PCR-Technik und bestätigten die Vermutung der Umweltschutzorganisation: In Rumänien wird gentechnisch verändertes Soja in großem Stil angebaut – legal und illegal.

Rumänien erlaubt als einziges Land Europas den kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Sojabohnen. Diese Bohnen werden geerntet, in Lebensmitteln verarbeitet, als Futtermittel eingesetzt und in die EU ausgeführt. „Dieses Jahr wachsen auf 70 % bis 90 % aller Sojafelder gentechnisch veränderte Bohnen“, erklärt Adrian Tibu, Sprecher des rumänischen Landwirtschaftsministerium. Greenpeace spricht von einem Eldorado der Gentechnik.

Die Geschichte begann 1999: Das rumänische Umweltministerium ließ den Anbau solcher Pflanzen der US-Konzerne Monsanto und Pioneer zu. Diese Pflanzen wachsen selbst dann, wenn Landwirte das Unkrautvernichtungsmittel Roundup Ready von Monsanto spritzen. Nach rumänischem Gentechnikrecht müssten die Landwirte den Behörden aber mitteilen, auf welchen Feldern sie diese Pflanzen anbauen.

Doch die Bauern behalten oft einen Teil ihrer Ernte ein, um im folgenden Jahr kein teures Saatgut kaufen zu müssen oder um sie anderen Bauern zu verkaufen. Ihrer Informationspflicht kamen sie meist nicht nach. Warum auch? Keine Behörde fragte nach!

Dragos Dima, Landwirtschaftsberater und Ex-Geschäftsführer von Monsanto-Rumänien, nennt Zahlen: „Gentechnisch verändertes Soja wächst bereits auf mehr als 100 000 ha, doch nur auf etwa einem Drittel davon gedeiht offiziell zertifiziertes Saatgut.“ Nicht nur Landwirte scheinen Gesetze zu missachten.

Rumänische Popmusik erklingt aus den Lautsprechern eines Bukarester Supermarktes. Die Regale sind voll mit Waren aus dem Westen und aus Rumänien. Gabriel Paun hat Margarine, Sojaschnitzel und Babynahrung aus seinem Land in einen Einkaufswagen gelegt. Er glaubt: „Alle diese Lebensmittel enthalten gentechnisch verändertes Soja.“ Auf keinem Produkt sei aber der Schriftzug „enthält GVO“ zu lesen – obwohl das rumänische Kennzeichnungsgesetz eine solche Information vorschreibt, wenn Lebensmittel mehr als 1 % an gentechnisch verändertem Soja enthalten. Für Paun ist klar, viele Firmen missachten das Gesetz die Kontrollen der Behörden versagen.

Mit dem EU-Beitritt Rumäniens ändern sich die Spielregeln. Lebensmittel, die mehr als 0,9 % an gentechnisch veränderten Bestandteilen enthalten, müssen nach EU-Kennzeichnungsgesetz als „gentechnisch verändert“ etikettiert werden. Das könnte manche Firmen in den Ruin treiben, befürchtet Dragos Dima, „da auch in Rumänien viele Menschen Nein zu Gentechnik sagen.“ Überschwemmen nicht gekennzeichnete Lebensmittel aus der EU den rumänischen Markt, „werden unsere Bauern und Lebensmittelfirmen einen schmerzhaften Lernprozess durchmachen, wenn sie sich nicht rechtzeitig umstellen“.

Droht der Sojawirtschaft also das Ende? Nicht unbedingt! Die Regierung steuert gegen. Um EU-Gesetze einzuhalten, entschied sie im Januar 2006, den Anbau gentechnisch veränderter Sojabohnen ab 2007 zu verbieten. Vor diesem Beschluss tobte ein Machtkampf hinter den Kulissen. „Die rumänischen Behörden und Ministerien vertrauten lange Beratern aus den USA“, so Susanne Fromwald von Greenpeace Ost- und Zentraleuropa mit Sitz in Wien. „Amerikanische Firmen und Politiker sehen Rumänien als Einfallstor, um die kritischere EU-Position zur Gentechnik in ihrem Sinne zu verändern.“

Doch die neue Regierung unter dem liberalen Premierminister Calin Popescu Tariceanu, die seit Anfang 2005 regiert, blickt nach Brüssel. Sie ist dabei, die Korruption zu bekämpfen, Reformen durchzuführen und EU-Gesetze zu respektieren. Adrian Tibu betont daher: „Wir sind kein trojanisches Pferd für Gentechnik in der Landwirtschaft, wir respektieren die Gesetze der EU.“

Der Bauer Curduman ärgert sich. Er hat gute Erfahrungen mit gentechnisch verändertem Soja gemacht. Dennoch: „Dies wird das letzte Jahr sein, in dem ich gentechnisch veränderte Sojabohnen anbaue.“ Auf 600 ha wachsen bereits konventionelle Bohnen – als Saatgut fürs nächste Jahr. Er weiß, unter den geänderten Bedingungen verspricht der Verkauf von konventionellem Saatgut ein gutes Geschäft zu werden.

Die Umstellung kann sich lohnen. Im Hafen von Rotterdam wird für garantiert gentechnikfreie Bohnen aus Brasilien etwa 5 % mehr gezahlt als für gentechnisch veränderte Ware. „Rumänien könnte einen großen Teil des EU-Bedarfs von jährlich rund 2 Mio. t gentechnisch freien Bohnen decken“, meint Paun. Vervierfacht sich die Anbaufläche bald auf etwa 500 000 ha, könnten die Bauern mehr als 1 Mio. t solcher Bohnen ernten. Sie hätten gegenüber ihren Wettbewerbern aus Argentinien, Brasilien und den USA zudem den Vorteil der kurzen Wege: Denn ihre Ware kann per Schiff nach Mitteleuropa verfrachtet werden.

Das ist aber Zukunftsmusik. Viele der rund 2000 Sojabauern sind Kleinbauern und schlecht auf die neue Situation vorbereitet. Selbst wenn sie im nächsten Jahr konventionelles Soja aussäen, heißt das nicht, dass auf den Feldern nur solche Pflanzen wachsen. Da Mähdrescher bei der Ernte nicht alle Pflanzen erfassen, verbleiben Bohnen auf dem Feld und können neu keimen.

Zum anderen können rumänische Landwirte ihre Ernte nicht als „gentechnikfrei“ anbieten, betont Gabriel Paun. Es fehlen Labore und Institute, die für diesen Beweis nach EU-Standards zertifiziert sind. „Die Chance, den Vertrieb gentechnisch veränderter Produkte vom Acker bis zum Supermarktregal zu verfolgen, ist gering.“

Doch auch das soll sich ändern. Rumänien ist dabei, Labore einzurichten, um 2007 die eigenen Lebensmittel ebenso wie Einfuhren kontrollieren zu können, betont Adrian Tibu. Paun ist aber skeptisch, ob die Regierung diese Zusage einhalten kann. „Sicher ist nur, dass wir kontrollieren werden, ob die staatliche Kontrolle funktioniert.“

RALPH AHRENS

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