Gentechnik 24.08.2001, 17:30 Uhr

„Das ist Forschung am Abgrund“

Mit Vehemenz wehrt sich der der Bonner Zellbiologe Prof. Volker Herzog gegen das Klonen von Menschen – vor allem aus ethischen Gründen, aber auch, weil die Gefahren noch nicht beherrschbar sind. Auch das therapeutische Klonen hält er für bedenklich, da es seiner Ansicht nach den Weg zum reproduktiven Klonen bahnt.

 VDI nachrichten: In Deutschland ist eine heiße Debatte um die Forschung mit embryonalen Stammzellen ausgebrochen. Was ist daran so delikat?

Herzog: Embryonale Stammzellen sind der Ursprung des Lebens. Forschung mit Stammzellen wirft immer die Frage auf, wie weit der Mensch die Schöpfung verändern soll oder kann. Solche Eingrifft lehne ich vehement ab.

VDI nachrichten: Der italienische Arzt Severino Antinori will schon im nächsten Jahr durch Klonen kinderlosen Paaren zu Nachwuchs verhelfen. Wo führt uns das hin?

Herzog: Wir Ärzte sollten Leben erhalten und nicht Leben zerstören….

VDI nachrichten: Wieso zerstören?

Herzog: Aus Tierversuchen wissen wir, dass Hunderte von Experimenten nötig sind, um einen gesunden Klon zur Welt zu bringen. Wir haben noch keine Erfahrung mit dem Klonen von Menschen, aber wir würden vielleicht hundert Leihmütter brauchen, um ein gesundes, geklontes Kind auf die Welt zu bringen. Die restlichen Embryos aber sterben von selbst oder müssen getötet werden. Da spielt der Arzt dann Scharfrichter, das können Sie doch niemandem zumuten.

VDI nachrichten: Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Klonen von Menschen einfacher sein könnte als bei bestimmten Tieren….

Herzog: Das kann sein. Es wird vermutet, dass der Mensch bestimmte Regulierungsgene hat, die eine höhere Erfolgsquote versprechen. Aber das ist noch reine Spekulation.

VDI nachrichten: Jeder erinnert sich an Dolly, das erste geklonte Schaf. Aber warum brauchte es 227 Versuche, um ein gesundes Klonschaf zur Welt zu bringen?

Herzog: Beim Zellkerntransfer – der derzeit einzigen Methode zum Klonen – wird der Kern in der Eizelle re-programmiert. Dabei gibt es viele Möglichkeiten für Fehler. Solche Fehlprogrammierungen aber erkennt man meist erst nach der Geburt. Was machen wir dann mit den menschlichen Klonen, die missgebildet oder schwer geschädigt zur Welt kommen?

VDI nachrichten: Viele Wissenschaftler setzen auf das therapeutische Klonen, bei dem embryonale Stammzellen in den Körper des Patienten eingeschleust werden, um schwere Defekte zu reparieren.

Herzog: Auch beim therapeutischen Klonen weiß man nicht, ob gesunde oder fehlerhafte embryonale Stammzellen transplantiert werden. Bei der Arbeit mit embryonalen Stammzellen gibt es einen dramatischen Misserfolg nach dem anderen. Stammzellen, die beispielsweise in das Gehirn von Parkinson-Patienten transplantiert wurden, haben dort Tumoren gebildet. Konnten die Patienten vorher noch laufen, sprechen und sich bewegen, waren sie hinterher regelrecht paralysiert. Die Möglichkeit von embryonalen Stammzellen, sich in jede Richtung zu entwickeln, macht sie eben auch gefährlich. Zur Zeit beherrschen uns die Stammzellen, aber wir beherrschen sie nicht.

VDI nachrichten: Was also soll man tun?

Herzog: Bei adulten Stammzellen, also Zellen, die von Erwachsenen gewonnen werden, haben wir all diese Probleme nicht. Wir wissen heute von rund 20 Organen, aus denen sich Stammzellen gewinnen lassen. Bei adulten Stammzellen ist klar: Aus einer Haut-Stammzelle entsteht eine Hautzelle, aus einer Knochenmarkzelle eine Blutzelle. Zudem verwende ich die eigenen Zellen des Patienten, es gibt also keine Abstoßungs- und Immunprobleme. Das weitere Differenzierungspotenzial adulter Stammzellen ist so gut wie unbekannt und muss noch erforscht werden. Doch im Gegensatz zu den USA wird dieser Forschungszweig bei uns zu wenig gefördert.

VDI nachrichten: Kürzlich forderte Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn, dass auch in Deutschland aus überschüssigen befruchteten Eizellen embryonale Stammzellen gewonnen werden sollen.

Herzog: Jeder weiß, dass wir mit den wenigen bestehenden Zelllinien nicht weit kommen, wir brauchen Zellen direkt aus dem Embryo. Aber derzeit gibt es in Deutschland nur 140 eingefrorene Embryonen. Das reicht nicht, also müssen wir Embryonen zum Zwecke der Forschung gewinnen.

VDI nachrichten: Was sagt das Embryonenschutzgesetz zu diesem Punkt?

Herzog: Es verbietet das. Frau Bulmahn hat mit ihrer Forderung aber bereits angedeutet, dass es zu einer Novellierung des Gesetzes kommen wird.

VDI nachrichten: Der öffentliche Erwartungsdruck ist groß. Verliert man als Klonierungsgegner da nicht schnell den wissenschaftlichen Anschluss?

Herzog: Das glaube ich nun ganz und gar nicht. Schon 1966 haben britische Forscher die ersten Frösche geklont. Damals wurde das biologisches Prinzip entdeckt, dass Kerne somatischer Zellen, in diesem Fall Zellen des Dünndarms, ihre Omnipotenz wiedererlangen können, sich also verhalten wie der Kern einer Eizelle. Seither ist in meinen Augen das Klonen nur noch Handwerk und keine wissenschaftliche Herausforderung mehr. Selbst die Industrie setzt im Moment eher auf adulte Stammzellen, weil es mit den embryonalen zu viele Probleme gibt. Trotzdem wird es Ärzte geben, die damit Geld verdienen werden. Das ist tief bedauerlich.

VDI nachrichten: Die Forschung mit embryonalen Stammzellen ebnet also nur den Weg zum Klonen?

Herzog: Richtig. Wer ja sagt zu embryonalen Stammzellen, sagt auch ja zum Klonen – auf jeden Fall zum therapeutischen Klonen. Dabei geht in der Diskussion oft unter, dass embryonale Stammzellen aus nicht klonierten Embryonen vom Körper abgestoßen werden. Mit dem therapeutischen Klonen wird aber das Know-how geschaffen für das Klonen von Menschen. Ich bin überzeugt, dass das uns aus biologischen und ethischen Gründe nicht gestattet ist. Wir dürfen keine Menschenzucht betreiben.

VDI nachrichten: Wenn man Antinori glaubt, stehen wir am Beginn einer Kommerzialisierung des Klonens.

Herzog: So sieht es aus. In den USA wird bereits diskutiert, wo man die vielen Eizellen und die zahlreichen Leihmütter her bekommt. Die Eizellen amerikanischer oder deutscher Frauen werden teuer sein. Bedeutet das nun, dass man dann das Geschäft mit Frauen aus Entwicklungsländern macht?

VDI nachrichten: Wie schätzen Sie die Ansicht der deutschen Wissenschaftlergemeinde zum Klonen ein?

Herzog: Nur wenige sprechen sich offen dagegen aus. Es gibt eine schweigende Mehrheit, und ich hoffe, dass sich die meisten gegen das Klonen aussprechen, wenn sich der Rauch etwas verzogen hat. 14 Mediziner aus Bonn haben kürzlich einen Aufruf verfasst, in dem sie klar gegen die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen Stellung beziehen.

VDI nachrichten: Wo stehen wir mit dem Klonen in 25 Jahren?

Herzog: Es ist denkbar, dass wir dann eine Welt haben, in der das Klonen an der Tagesordnung ist und damit das Töten von Embryonen. Wir haben eine Pervertierung der Medizin, wir stehen vor einem gewaltigen Abgrund. Ich würde mir wünschen, dass Deutschland das Klonen verbietet, aber wer will sich heutzutage bewusst isolieren?

Mit Volker Herzog sprachen Christa Friedl und Wolfgang Mock

 

Prof. Volker Herzog

wurde 1989, nach Forschungsaufenthalten in Yale­ und Harvard, auf den Lehrstuhl Zellbiologie der Uni Bonn berufen. Schwerpunkte seiner Forschungen ist die Entwicklung tierischer Zellen vom Zeitpunkt der Befruchtung an, die Frage nach den Regulationsvorgängen, die beispielsweise aus einer Stammzelle eine Hautzelle machen oder zu einem anderen Zelltyp werden lassen. Herzog ist zudem Sprecher des „Bonner Forums Biomedizin“, in dem Wissenschaftler und Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam Krankheiten von Haut, Magen und Leber erforschen. moc/cf

 

 

Klon-Erfahrung

Grausige 
Perspektiven

Was gern vergessen wird angesichts der putzigen Klone wie Dolly und Polly: Auf einen gelungenen Klonversuch kommen bisher gut 100 missglückte, bei Dolly waren es sogar 276. Die Entwicklung der Klone im Mutterleib bricht in unterschiedlichsten Stadien – vom Zellhaufen bis zum entwickelten, aber lebensunfähigen Klon – ab. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass auch die zur Welt gekommenen Klone oft nicht lange überleben, berichtet „New Scientist“. Sie sterben an Herz-Kreislaufversagen, Bluthochdruck oder Atemproblemen. Diejenigen, die überleben, sind oft krank, haben unterentwickelte Hirnfunktionen, sind missgestaltet, neigen, wie an Mäusen nachgewiesen, z.T. zu unerklärlicher Fettsucht oder aber sie entwickeln nach ihrer Geburt überraschende Krankheitsbilder. Es ist zudem vorgekommen, dass „Muttertiere“ an den Klonen, die sie austrugen, starben. Für einen erfolgreichen menschlichen Klon müssten so einige Dutzend Leihmütter bereit stehen, die permanent überwacht werden, um zu verhindern, dass sie durch den von ihnen ausgetragene Klon gefährdet werden. Überleben mehrere Klone, muss der Arzt „Scharfrichter“ spielen. moc

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