Risikokapital 20.01.2012, 12:01 Uhr

Biotechunternehmen geht das Geld aus

Nur drei deutsche Biotechfirmen konnten 2011 je mehr als 10 Mio. € Risikokapital einwerben. Insgesamt flossen der Branche nur 141 Mio. € zu. 2010 waren es noch 650 Mio. €. Viele Firmen forschen und entwickeln auf Sparflamme und hoffen auf bessere Zeiten am Kapitalmarkt.

Im Speichel von Vampirfledermäusen hat die Paion AG einen Wirkstoff isoliert, der Blutgerinnsel auflöst. Für Schlaganfallpatienten könnte er lebensrettend werden. Vorausgesetzt, die Aachener Biotechfirma überlebt selbst.

Immerhin drei Paion-Wirkstoffe sind in der dritten und damit letzten klinischen Erprobungsphase. Das Ziel scheint greifbar nah. Doch Paion wankt. Jüngst hat sie 19 ihrer 27 Mitarbeiter entlassen. Der Finanzvorstand ist von Bord. Geschäftsführer und Aufsichtsräte verzichten auf die Hälfte ihrer Bezüge. So könnte die Finanzdecke bis Sommer 2013 reichen, in dem wieder Lizenzeinnahmen aus bestehenden Verträgen einlaufen. Und womöglich gelingt bis dahin ja auch schon die ein oder andere Wirkstoffzulassung.

Biotechunternehmen, die an medizinischen Wirkstoffen arbeiten, haben es schwer

Ausdünnung ist nicht nur bei den Aachener Blutverdünnern das Gebot der Stunde. „Im Bereich der roten Biotechnologie haben derzeit viele Unternehmen schwierige Bedingungen“, so Peter Heinrich, Vorstandssprecher der Branchenorganisation BIO Deutschland. In Folge der Finanzkrise sei Kapitalbeschaffung derzeit ein heikles Thema. Um die Reichweite vorhandener Gelder zu strecken, würden sich Unternehmen auf einzelne Projekte in ihren Pipelines konzentrieren, andere auf Sparflamme setzen oder ganz ruhen lassen. Kein gutes Zeichen.

Zeit ist in der Wirkstoffentwicklung kostbar. Der Patentschutz – und mit ihm die lukrativste Phase der Vermarktung – ist nämlich endlich. Innovative Projekte, die auf die lange Bank geschoben werden müssen, spielen künftig weniger Geld ein oder sie werden von der Konkurrenz überholt.

Biotechunternehmen hoffen auf bessere Zeiten: „Der Zufluss an Risikokapital ist 2011 versiegt“

Doch Biotechfirmen im Risikogeschäft der Wirkstoff- und Medikamentenentwicklung bleibt zur Zeit nichts anderes übrig, als auf bessere Zeiten zu hoffen. „Der Zufluss an Risikokapital ist 2011 versiegt“, berichtete der Herausgeber des Fachmagazins „Transkript“ und Vorstandschef der Berliner Biocom AG, Andreas Mietzsch. Statt 650 Mio. € Venture Capital (VC) im Vorjahr seien 2011 nur noch 141 Mio. € in die Branche geflossen. Ganze drei Finanzierungsrunden überschritten die Marke von 10 Mio €. Mietzsch führt das ebenso wie Heinrich auf Probleme der VC-Gesellschaften bei der Refinanzierung zurück. Ein weltweites Phänomen. Es wird verschärft durch die krisenbedingt versperrte Möglichkeit von Börsengängen.

Heinrich hofft dennoch auf einen Befreiungsschlag. „Die Unternehmen müssen 2012 signifikante Summen aufnehmen“, sagte er. Auf mindestens 200 Mio. € schätzt er den Bedarf – zuzüglich Seed-Capital in weit größerem Maßstab als bisher. Der Hightech-Gründerfonds (HTGF) allein reiche nicht, zumal er seine begrenzten Mittel branchenübergreifend investiere.

Woher soll das Geld kommen? Heinrich hofft einerseits darauf, dass es hierzulande gelingt, ein Business-Angels-Netzwerk für Life-Sciences zu organisieren. Andererseits beobachtet er, dass wieder vermehrt internationale VC-Gesellschaften mit Life-Sciences-Fokus nach Deutschland kommen. Deshalb erwarte er in den nächsten Monaten und Jahren zunehmende VC-Aktivitäten und damit eine Entspannung der Lage.

Zugang zu Bankkrediten könnte für Biotechnunternehmen schwerer werden

Allerdings befürchtet die Branche laut Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, Ungemach an anderer Stelle. „Basel III könnte für mittelständische Unternehmen den Zugang zu Bankkrediten erschweren“, warnt sie. Denn wenn Banken und Sparkassen ihr Eigenkapital von 4 % auf etwa 8,5 % ausbauen müssten, sei absehbar, dass Kredite an kleine und mittlere Unternehmen (KMU) wegen ihrer Risikogewichtung knapper und teurer werden und zudem mit mehr Sicherheiten hinterlegt werden müssen. „Gerade der Mittelstand also, der Deutschland und Europa durch die Krise getragen hat, soll durch Basel III zur Kasse gebeten werden“, kritisiert sie und fordert: „Entweder müssen die Risikogewichte für KMU oder die Eigenkapitalquoten der Banken runter.“ Daneben wiederholte Bronsema die Forderungen ihrer Organisation nach einer Reform der Verlustvortragsregelungen und einer kompletten Abschaffung der Mindestbesteuerung für Unternehmen.

Wichtig ist dem Verband zudem, dass innovative Gründer und ihre Geldgeber mehr Anerkennung finden. Bronsema schlug staatliche Incentivierung von Investitionen in Innovation vor. Sowohl private Geldgeber als auch Firmen, die Risikokapital für Innovationen bereitstellen, müssten belohnt werden. Das gelte erst recht für Gründer. Bronsema: „Politiker hören gern auf Industriekapitäne. Wir denken, sie sollten statt dessen mehr junge, mutige Unternehmer in ihre Entscheidungsprozesse einbeziehen.“  

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