Bau 07.07.2006, 19:22 Uhr

„Wir sind auch ein Stück New Economy“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 7. 7. 06, ps – Die Bauer AG trotzt mit innovativer Technik und einer rasanten Expansion im Ausland der Bauflaute in Deutschland. Jetzt hat sich das bayerische Familienunternehmen an die Börse gewagt. Fragen an Vorstandschef Thomas Bauer.

Bauer: Wir sind absolut zufrieden mit dem Börsengang. Wir sind ganz gut gestartet, auch wenn es kein Kursfeuerwerk gab. Wir wussten, dass wir uns in einem unglaublich schwierigen Umfeld an die Börse wagen. Wir haben auf die Situation reagiert und beim Ausgabepreis Zugeständnisse gemacht. Mit 16,75 € lag der Preis am unteren Ende der Spanne. Letztendlich hat sich gezeigt, dass Bauer zu Recht seinen Platz an der Börse hat.

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VDI nachrichten: Ihr Familienunternehmen ist 200 Jahre alt. Das ist für die Bauindustrie geradezu rekordverdächtig. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?

Bauer: Wir haben uns auf den Spezialtiefbau konzentriert und hier eine weltweit führende Position erlangt. Außerdem verfügen wir über ein integriertes, technologiegetriebenes Geschäftsmodell, das unseren Erfolg sichert. Wir machen nicht nur den Spezialtiefbau, sondern stellen auch Baumaschinen und -geräte her.

VDI nachrichten: Wie stark leiden Sie unter der deutschen Bauflaute?

Bauer: Wir haben uns von der deutschen Baukonjunktur abgekoppelt. Bauer erwirtschaftet nur noch ein Viertel seiner Gesamtleistung in Deutschland, den Rest im Ausland. Natürlich haben wir auch unter der Baurezession der letzten elf Jahre gelitten. Wir gehen aber davon aus, dass sich die deutsche Baukonjunktur jetzt wieder erholt. Davon würden wir auch profitieren.

VDI nachrichten: Wie entwickelt sich der Spezialtiefbau-Markt?

Bauer: Der Spezialtiefbau-Markt wächst derzeit schneller als die gesamte Baukonjunktur. Für die kommenden Jahre rechne ich mit Zuwächsen von 7 % bis 8 % im Jahr.

VDI nachrichten: Was macht Sie da so optimistisch?

Bauer: Die zunehmende Verdichtung der Großstädte führt zu einer wachsenden Nachfrage nach Spezialtiefbau-Lösungen. Hinzu kommt, dass Bauprojekte immer komplexer werden. Für Brücken zum Beispiel bedarf es heute mehrerer Gründungen. Folglich benötigt man mehr Spezialtiefbau.

VDI nachrichten: Was sind Ihre größten Projekte?

Bauer: In Dubai haben wir die Gründung für den höchsten Turm der Welt, den Burj Tower gelegt. In China haben wir den Bau der Eisenbahnlinie nach Tibet maßgeblich vorbereitet. In New York sind wir an den Reparaturarbeiten am Ground Zero beteiligt. Und in Kanada und Südafrika bohren wir mit unseren Geräten auf riesigen Förderminen nach Diamanten.

VDI nachrichten: Wer sind Ihre Konkurrenten?

Bauer: Das einzige Unternehmen, das ein vergleichbares Geschäftsmodell hat, ist die italienische Trevi. Im Spezialtiefbau und im Maschinenbau haben wir unterschiedliche Konkurrenten. Im Spezialtiefbau rivalisieren wir mit Soletanche, Skanska sowie Keller. Im Maschinenbau heißt unser einziger ernsthafter Konkurrent Casagrande. Hinzu kommen deutsche Firmen, wie Wirth und Liebherr, die jedoch mit ihrem Maschinenbau-Geschäft deutlich kleiner sind als wir.

VDI nachrichten: Was unterscheidet Sie von Hochtief und Bilfinger Berger?

Bauer: Im Gegensatz zu Bauer sind beide Konzerne im Hochbau tätig. Außerdem sind sie weniger diversifiziert als wir. Hochtief zum Beispiel ist vom US-Markt abhängig und macht dort den Großteil seines Umsatzes. Wir dagegen sind nicht auf einzelne Länder konzentriert. Die Welt ist unser Markt. Für uns gilt der Grundsatz, in keinem Land zu groß sein zu wollen. So bleiben wir von Baukrisen in einzelnen Märkten relativ verschont.

VDI nachrichten: Wo sehen Sie denn in der Zukunft noch Wachstumsmärkte?

Bauer: Ein weiterhin großes Wachstumspotenzial liegt im arabischen Raum. Dort sind wir nahezu überall die Nummer eins im Spezialtiefbau. Weitere Märkte, die in Zukunft stark wachsen werden, sind Malaysia, Indonesien und Hongkong. Auch Indien bietet ein enormes Potenzial, das noch gar nicht erkannt worden ist.

VDI nachrichten: In letzter Zeit sind mehrere Industriekonzerne an die Börse gegangen. Erleben wir ein Comeback der Old Economy?

Bauer: Ich halte die Unterscheidung von Old Economy und New Economy für schwierig. Wir gehören weder zur einen noch zur anderen Seite. Wir sind auch ein Stück New Economy. Wir können zum Beispiel unsere Maschinen in Südafrika per Handy von Schrobenhausen aus steuern.

VDI nachrichten: Als Vizepräsident des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie kennen Sie die Probleme der heimischen Bauwirtschaft. Wie wettbewerbsfähig sind derzeit die deutschen Baukonzerne noch?

Bauer: Sie sind immer noch recht wettbewerbsfähig. Viele Konzerne haben jedoch den Fehler gemacht, dem Reiz der Wiedervereinigung zu erliegen. Sie haben sich Anfang der 90er Jahre aus dem Ausland zurückgezogen und sich verstärkt dem deutschen Markt zugewandt. Als dann die Krise in Deutschland kam, war es zu spät, wieder ins Ausland zu gehen. Wir sind dem Ausland auch in Krisenzeiten treu geblieben und haben unsere Internationalisierungsstrategie kontinuierlich vorangetrieben. Dafür fahren wir jetzt die Ernte ein. Generell gilt in der Bauwirtschaft: Man muss nicht bei jedem Wind umfallen. NOTKER BLECHNER

  • Das Unternehmen:
    200 Jahre in Familienbesitz Während viele deutsche Baukonzerne über die Flaute und stagnierende Geschäfte stöhnen, wächst die Bauer AG zweistellig. Im vergangenen Jahr steigerte das Unternehmen aus dem bayerischen Schrobenhausen die Konzernleistung um 24 % auf 824 Mio. €. Der operative Gewinn kletterte um die Hälfte auf 47,5 Mio. €.
  • Das über 200 Jahre alte Familienunternehmen mit über 5000 Mitarbeitern hat sich auf Spezialtiefbauprojekte in dicht bebauten Städten sowie schwierigen Untergründen spezialisiert. Der Spezialtiefbau ist einer der am stärksten wachsenden Segmente in der Baubranche.
  • Neben dem reinen Spezialtiefbau bieten die Bayern auch Geräte und Maschinen zur Bohrung von Diamanten sowie Verfahren zur Bodensanierung an.
  • Mit dem Börsengang will die Bauer AG das Auslandsgeschäft und die Umweltsparte ausbauen.
  • Unternehmenschef Thomas Bauer ist Präsident des Bayerischen Bauindustrieverbands und Vizepräsident des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie. „Beim Führen muss man als erster sich selbst führen können“, sagte er einmal. Bauer pflegt einen kooperativen Führungsstil und hat stets ein Lächeln auf den Lippen. nob

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