Bau 15.08.2003, 18:26 Uhr

Wiederaufbau Ost dauert an

Ein „perfektes Tief“ nannte es Meteorologe Jörg Kachelmann. Doch das Tief „Ilse“ brachte auch die perfekte Zerstörung. Gewaltige Niederschläge führten im August 2002 zur Hochwasser-Katastrophe in Ostdeutschland. Ein Jahr danach ist die Schadensbilanz noch nicht abgeschlossen.

Plötzlich war das Wasser da. Wenn sie die Augen schließen, dann hören in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg viele Menschen das Gurgeln und Poltern der Fluten noch heute. Alles begann scheinbar harmlos, mit sanftem Augustregen, immer wieder, bis die Böden kein Wasser mehr aufnehmen konnten. In den Morgenstunden des 12. August 2002 setzte dann Starkregen ein. Bis in die Nachmittagsstunden des 13. August fiel das Wasser vom Himmel – in Zinnwald wurden innerhalb von 24 Stunden 312 mm Niederschlag gemessen, soviel wie in Deutschland niemals vorher. Mehr Regen, sagen Meteorologen, sei physikalisch eigentlich gar nicht möglich.
Und dann strömten die Wassermassen talwärts. Die Weißeritz, normalerweise ein Flüsschen von bescheidenem Ausmaß, spülte die Bahnlinie Dresden-Chemnitz weg, tobte durch Freital, setzte den Dresdener Hauptbahnhof unter Wasser und ergoss sich dann, ihrem alten Bett durch die Altstadt folgend, in die Elbe. Oberhalb des Uhrmacherstädtchens Glashütte brach schließlich ein Damm. Die Prießnitz schoss mit Wucht durch den Ort, wirbelte Asphalt von der Straße – wie Papierschnipsel.
Auch Grimma traf es. Meterhoch tobte die Mulde durch die Stadt – eine Flutwelle wie nie zuvor in den letzten 600 Jahren. Die historische Altstadt, soeben frisch saniert, versank im Schlamm. 40 Häuser mussten abgerissen werden. Da sah mancher sein Lebenswerk in Trümmer gehen. Wer kann den Verlust beziffern? Und wer hat Mut zum Neubeginn?
In Grimma sind die Spuren der Katastrophe noch deutlich zu sehen. Im Schloss mit seinen meterdicken Wänden brummen noch immer die Entfeuchter. Vor dieser romantischen Kulisse ragen die Trümmer der Pöppelmannbrücke aus dem Wasser. „Für die Ewigkeit”, so die Inschrift, wurde das Bauwerk errichtet von Matthäus Daniel Pöppelmann (1662 – 1736), Oberlandbaumeister in Sachsen, Erbauer des Dresdner Zwingers.
Doch beim Jahrhunderthochwasser behinderte die Brücke die Strömung, staute das Wasser, und wurde schließlich schwer beschädigt. Um den Wiederaufbau wird derzeit erbittert gestritten. Den Stadtvätern liegen fünf Entwürfe vor für eine moderne Brücke, die im Falle eines Falles die Wassermassen passieren lässt. Der Sieger-Entwurf wirkt modern, luftig – und ziemlich beliebig. „Bei jedem Privaten, der ein altes Haus umbauen möchte, passt der Denkmalschutz so sehr auf die Erhaltung auf, dass wegen der hohen Kosten oft Vorhaben aufgegeben werden. Aber bei unserer Brücke?” schimpft Rentnerin Hildegard Reimann. „So wie in Grimma geht man nirgends mit dem Erbe alter Meister um.”
Der Wiederaufbau wird dauern – nicht nur in Grimma. Für eine abschließende Bilanz aller Schäden sei es noch zu früh, meint die sächsische Staatskanzlei. Schäden an der Infrastruktur der Kommunen wurden bislang in Höhe von 2,5 Mrd. ! als förderfähig anerkannt. „Damit ist die Schadenssumme seit Januar 2003 noch einmal um 1,23 Mrd. ! gestiegen“, erläutert Staatskanzlei-Chef Stanislaw Tillich. Vorhaben werden streng geprüft bislang wurden 2000 Anträge abgelehnt.
Beschädigt wurden zudem 500 km Staatsstraßen und 270 km Bundesstraßen mit ihren Brücken, ergänzt Andrea Fischer, Staatssekretärin im sächsischen Wirtschaftsministerium. Allein in Sachsen wird mit 8 Mrd. ! Gesamtschaden gerechnet. Um alles zu beheben, hat das Land nicht genug Geld. Sachsen erhält aus dem Fluthilfe-Fonds 4,4 Mrd. !, dazu 200 Mio. ! aus dem Solidaritätsfonds der EU.
Ein Jahr nach der Flut sind auch einige Bahnlinien nach wie vor gesperrt, darunter zwischen Dresden und Chemnitz die sogenannte Sachsenmagistrale. „Die Deutsche Bahn ist das Unternehmen mit den höchsten Schäden”, berichtet Sprecher Volker Knauer. Die Schäden an der Infrastruktur werden auf 850 Mio. ! beziffert.
Das Teilstück Tharandt-Dresden soll im Dezember wieder in Betrieb gehen. Die Arbeiten in Freital seien schon sehr weit gediehen, meint Knauer. Die Schadensbehebung hat die Bahn dort gleich mit der Sanierung der Strecke verbunden. „Das Tal ist sehr eng. Die Bahnlinie muss daher auf der alten Trasse bleiben”, erklärt Knauer. Mauern aus großen Steinen, die ohne Mörtel aufeinander gesetzt werden, sollen die Trasse besser vor der Kraft des Wassers schützen. „Wir haben dafür Experten aus der Schweiz geholt, die haben damit viel Erfahrung.”
Zumindest in einem Punkt konnten die Experten Entwarnung geben: Die stinkenden Schlammmassen waren nicht auch noch mit gefährlichen Schadstoffen belastet. „Wer nach der Belastung der Elb-Auen fragt, muss als erstes bedenken, dass die Auenböden das Produkt vieler tausender Hochwässer seit der letzten Eiszeit sind”, sagt René Schwartz vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie, Berlin. Jedes Hochwasser hinterließ eine Sedimentschicht. Und darin hat der Bergbau im Erzgebirge ebenso seine Spuren hinterlassen wie die Industrialisierung: Arsen, Cadmium, Quecksilber, Dioxine und chlorierte Kohlenwasserstoffe.
„Dass die Elb-Auen mit Schwermetallen belastet sind, ist der Fachwelt seit zwei Jahrzehnten bekannt, wurde in der Öffentlichkeit jedoch kaum wahrgenommen”, so Schwartz. „Erst das Extremhochwasser vom August 2002 hat darauf erneut aufmerksam gemacht. Es sind jedoch nicht die Auswirkungen dieses einen Hochwassers, die die Auen belasten. Es sind die vielen kleinen und mittleren Hochwässer, die seit der Industrialisierung kontinuierlich Schwermetalle in die Auen eingetragen haben.” Und die frischen Sedimente seien weniger belastet als die zuvor abgelagerten.  ANKE MÜLLER

Flut-Chronik
14 Tage im August
Schon im Juli 2002 hatten heftige Unwetter weite Teile Europas heimgesucht. In der zweiten Augustwoche dann nahm die Hochwasser-Katastrophe in Tschechien und Österreich ihren Anfang. Gewaltige Niederschläge über der Erzgebirgeregion verschärften die Situation in Ostdeutschland. Eine Chronologie des Jahrhunderthochwassers:
12. August 2002: In Dresden und im Erzgebirge wird Katastrophenalarm ausgelöst. Mehrere Menschen werden von der Müglitz in den Tod gerissen. Auf Passau rollt eine Flutwelle zu.
13. August: In Sachsen sind mehrere Orte von der Außenwelt abgeschnitten. Teile Prags werden evakuiert.
14. August: In Dresden kämpfen Zehntausende Menschen gegen die Wassermassen an.
15. August: Eine zweite Welle überflutet Dresden. Teile des tschechischen Chemiewerks Spolana stehen unter Wasser.
16. August: Die Elbe überschreitet in Dresden den Höchststand von 8,77 m aus dem Jahr 1845 – normal sind 2 m. Historische Gebäude werden überflutet.
17. August: Bitterfeld wird überschwemmt. In Tschechien und Bayern entspannt sich die Lage.
18. August: Deiche und Dämme brechen in Torgau, Dessau und im Landkreis Wittenberg.
19. August: Die Flut erreicht Norddeutschland. Die Regierung beschließt, zur Finanzierung der Schäden, die zweite Stufe der Steuerreform auf 2004 zu verschieben.
20. August: Der Scheitel des Hochwassers verlagert sich ins nördliche Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In Sachsen beginnt das Aufräumen.
21. August: Mehr als 60 000 Menschen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg sind evakuiert.
22. August: Die Deiche im Norden drohen zu brechen. Tausende Helfer arbeiten rund um die Uhr.
23. August: Weitere Orte in Niedersachsen und Mecklenburg werden evakuiert. 25 000 Bundeswehrsoldaten sind im Einsatz.
25. August: In der Prignitz können die ersten von etwa 300 Bewohnern in ihre Häuser zurück.
26. August: In weiten Teilen wird der Katastrophenalarm aufgehoben. In Sachsen beginnt an allen Schulen wieder der Unterricht.
In Tschechien steigt die Zahl der Toten auf mindestens 17, in Deutschland starben mindestens 22 Menschen durch das Hochwasser. n-tv/mav

Von Anke Müller

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