Bau 24.09.1999, 17:22 Uhr

Wer ins Geschäft kommen will, muß vor Ort sein

Angelockt von den Milliardensummen, die nach dem Kosovo-Konflikt in den Wiederaufbau der Region fließen sollen, geben sich in Mazedonien und im Kosovo Unternehmerdelegationen derzeit die Klinke in die Hand. Aber wo investieren?, heißt die Frage.

Nervös tigert Goran Pazdrijan in seinem kleinen Büro im Zentrum von Skopje hin und her, hämmert ab und zu auf die Telefontasten, endlich kommt das Gespräch zustande, Pazdrijan entspannt sich etwas. Nach zehn Minuten legt er auf. „Wir haben Probleme mit ein paar Modems, und der Kerl, der für sie verantwortlich ist, macht sich rar.“
Pazdrijan gehört zu den Hoffnungsträgern der Wirtschaft des Balkan. Der Mazedonier ist einer von vier Geschäftsführern von Pikon, einem schnell wachsenden Multimedia-Unternehmen. Die Büros von Pikon im sechsten Stock des Business-Center Pelagonka im Zentrum der mazedonischen Hauptstadt sehen aus wie die Büros von High-Tech-Dienstleistern auf der ganzen Welt: Computer in allen Räumen, Kabel laufen über den noch unverputzten Flur, Kisten mit unausgepackten Rechnern stehen herum. Manche Türen bleiben verschlossen. „Unsere Entwicklungsabteilung“, entschuldigt sich Pazdrijan.
Der 30jährige, der bei Pikon für die Unternehmensentwicklung verantwortlich ist, hat sich viel vorgenommen. Pikon ist derzeit als Internetprovider in der Region tätig, hat zudem einen Paging -Dienst in Russisch, Mazedonisch und Albanisch. Über Pazdrijans Büro, im halbfertig ausgebauten siebten Stock, sitzen ein Dutzend junger Frauen und Männer im Call Center.
Ein paar Räume weiter eine Fernsehstation in ihren Anfängen, in dem kleinen Studio wird gerade ein Interview aufgezeichnet. „Unser zweites Standbein“, so Pazdrijan. Seine Botschaft ist unmißverständlich: „Wir wollen wachsen“.
Dieses Ziel hatte ihn am Vormittag ins Hotel Continental in Skopje getrieben. 50 Unternehmer aus Deutschland hatten sich hier auf Initiative des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft mit 120 Unternehmensvertretern aus Mazedonien zu einer Kooperationsbörse getroffen.
„Mazedonien“, so Rainer Lucas vom Bundeswirtschaftsministerium, „kann sich zu einer Drehscheibe für den Wiederaufbau der Region Südosteuropa entwickeln“.
Darauf setzt auch Pazdrijan, dessen Unternehmen bereits Kontakte zu Eutelsat, Motorola, Global One und AT&T hat. Er suchte auf der Kooperationsbörse einen Partner, der zusammen mit Pikon in den Aufbau eines universellen Kreditkarten-Abrechnungssystems investiert..
Derzeit gibt es 8000 Kreditkarteninhaber in dem 2-Mio.-Land Mazedonien, nach Analysen, die Pikon mit der Komercijalna Banka in Skopje gemacht hat, werden es in zwei Jahren 180 000 sein. „Ein kleiner Markt“, räumt Pazdrijan ein, „aber groß genug, um Gewinn zu machen“. 200 000 Dollar bis 300 000 Dollar schätzt er, sind nötig, um Läden und Hotels im Land flächendeckend mit Lesegeräten für Kreditkarten auszurüsten. Und die Infrastruktur, so Pazdrijan, ist da: „90 % des Telefonnetzes in Mazedonien bestehen aus Glasfaserkabeln.“
Ein paar Kilometer weiter nach Norden, im Kosovo, sieht die Welt ganz anders aus. Am Rand von Prizren ein abgesperrtes Areal, riesige Hallen mit zerborstenen Fenstern, die Textilfabrik Printeks. In einigen Hallen ein Rest von Leben, ein paar Textilmaschinen spucken Wattepads aus Baumwolle aus, die ein paar Frauen gelangweilt in Plastiktüten stopfen.
Auch Printeks-Direktor Votim Demiri sucht einen Investor. Er schildert die Möglichkeiten seines Unternehmens in den schönsten Farben, doch so richtig will der Funke auf die deutschen Unternehmer , die am Morgen aus Skopje angereist waren und jetzt über die verfallen Wege von einer Halle zur nächsten wandern, nicht überspringen. Einen großen Raum für die versammelten Unternehmer gibt es nicht, der ist in dem Fabrikteil, das die KFOR-Truppen belegt haben. Erst nach längeren Verhandlungen wird ein Raum freigemacht.
Wieviel Geld Demiri wirklich braucht, bleibt schließlich unklar, ebenso wie die Eigentumsverhältnisse. „Die Fabrik ist Volkseigentum“ sagt er, „der Staat hat nichts mit ihr zu tun“. Ein bißchen ist die Botschaft auch, „Ich bin das Volk“.
Hier im Kosovo ist alles anders. Gut 60 km von Skopje entfernt liegt die Stadt Prizren, Hauptquartier des vom deutschen Militär verwalteten Sektors im Kosovo. Selbst unter günstigen Bedingungen braucht man zwei Stunden von Skopje nach Prizren, meist mehr. Endlose Lkw-Schlangen signalisieren lange vor der Grenze, daß das Kososvo nicht mehr weit ist.
Zerstörte Häuser an der Straße nach Prizren sind selten, die meisten werden schon wieder aufgebaut, ab und zu sind neben der Straße Felder von Gräbern zu sehen, geschmückt mit den Insignien der UCK.
Nur das Militär ist überall. Auf den Straßen immer wieder bewaffnete Sperren der KFOR- Truppen, ab und zu Panzer.
Der erste Eindruck in Prizren: Belagerungszustand. In dem kleinen Ort steht der Verkehr fast still, große Pionierfahrzeuge zwängen sich langsam durch die schmalen Straßen, dazwischen Jeeps und Pkw, die meisten ohne Nummernschilder. Die Läden sind voll, auch die Metzgereien und Bäckereien, auf den Straßen wimmelt es von Menschen, immer mal wieder ist eine von Soldaten gesperrt.
In Prizren selber sind kaum zerstörte Häuser zu sehen, „was zerstört wurde, ist meist die Folge von Racheakten der Albaner an den Serben nach dem Rückzug der serbischen Truppen“, erklärt Oberstleutnant Hein Peter Albrecht. Außerhalb von Prizren, so Albrecht, sieht es ganz anders aus. Von den gut 200 000 Häusern im Kosovo sind 120 000 schwer beschädigt, vor allem in den Dörfern.
Albrecht ist mit seinen Soldaten für den Aufbau der Region verantwortlich. Und er fängt da an, wo der Winter schon spürbar näher rückt: in den Dörfern, die über 1000 m hoch in den Bergen liegen. 1 Mio. DM hat er für mindestens 200 Häuser zur Verfügung, wobei die Faustregel gilt, daß pro zehn Menschen ein Zimmer regendicht und beheizbar gemacht werden muß.
In der Beteiligung an solchen Infrastrukturmaßnahmen, dem Wiederaufbau von Häusern, dem Bohren neuer Brunnen und der Vorbereitung der Truppen auf den Winter liegen kurzfristig wohl die größten Chancen mittelständischer Unternehmen für eine Beteiligung am Wiederaufbau.
Nerven wird man brauchen. Albrecht mokierte sich wiederholt über die Bürokratie der Europäischen Union, die sich viel zu viel Zeit lasse, um ihr Geld für einzelne Projekte wie einen Bauhof freizugeben. Andererseits zeigen sich schon jetzt im Kosovo die Konturen einen Besatzungsökonomie: Der Preis für Bauholz ist in wenigen Wochen um 30 % nach oben geschossen.
Doch was ist das schon, in einer Region, in der es kein funktionierendes Telefonsystem gibt, keine Banken und kein Rechtssystem, geschweige denn so etwas wie politische Stabilität. Doch dafür gibt es wenigstens eine harte Währung: Die Vertretung der Vereinten Nationen im Kosovo – faktisch die Regierung im Lande – hat die DM als Zahlungssystem durchgesetzt. Wer Geschäfte in Dinar abwickelt, muß darauf eine Gebühr bezahlen.
Nicht alle Unternehmer stört diese unsichere Lage. Michael Taubenberger, Geschäftsführer eines Unternehmens, das Fenster und Türen herstellt, verabredet sich spontan mit Albrecht. „Ich fahre nächste Woche wieder her. Nur vor Ort kann man wirklich abschätzen, ob hier ein Geschäft zu machen ist.“
Das sehen auch Großunternehmen so, vor allem solche aus der Energiebranche wie ABB und Babcock. Sie gehen auch nicht den Umweg über Mazedonien, sondern wollen schon in den nächsten Tagen Ingenieurteams ins Kosovo schicken – und dann direkt nach Pristina, wo die eigentlichen Entscheidungen über den Wiederaufbau der Energieversorgung fallen.
Da werden sie dann auch schon wieder auf andere Industriedelegationen aus Deutschland stoßen, die nicht den Umweg über Mazedonien, sondern den direkten Weg ins Kosovo wählen.
Die IHK Dortmund, die zusammen mit dem NRW-Stromgiganten VEW in Pristina ein Büro eröffnet hat, bereitet derzeit zwei Unternehmerdelegationen, vor allem mit Bauunternehmern, ins Kosovo vor – die direkt nach Prisitina reisen.
Ob Mazedonien so tatsächlich zu einer Drehscheibe beim Wiederaufbar der Region wird, bleibt abzuwarten. Goran Pazdrijan jedenfalls hatte bei der Kooperationsbörse in Skopje kein Glück. „Vielleicht“, fragt er sich, „sind wir ja für europäische Unternehmen einfach zu klein.“
moc
Jungunternehmer wie Goran Pazdrijan sind die Hoffnungsträger der mazedonischen Wirtschaft. Fast zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts werden derzeit von Dienstleistungsunternehmen erwirtschaftet.
Zu haben ist so gut wie alles. Im Kosovo gibt es keinen Mangel an Lebensmitteln, zumindest in den Ortschaften nicht.

Stellenangebote im Bereich Bauwesen

APOprojekt GmbH-Firmenlogo
APOprojekt GmbH Senior Projektleiter (m/w/d) Innenausbau Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München
WITTFELD GmbH-Firmenlogo
WITTFELD GmbH Bauleiter (m/w/d) Wallenhorst, Herne
Wittfeld GmbH-Firmenlogo
Wittfeld GmbH Projektleiter (m/w/d) Wallenhorst, Bremen, Herne
Stadt Sindelfingen-Firmenlogo
Stadt Sindelfingen Projektmitarbeiter Technik / Hochbau (m/w/d) Sindelfingen
Stadt Bocholt-Firmenlogo
Stadt Bocholt Diplom-Ingenieur/-in bzw. Bachelor / Master der Fachrichtung Vermessung, Geoinformation (m/w/d) Bocholt
NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG-Firmenlogo
NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG Projektingenieur*in Netzanschluss Berlin
Bundesanstalt für Immobilien­aufgaben-Firmenlogo
Bundesanstalt für Immobilien­aufgaben Baumanagerin / Baumanager (w/m/d) Berlin-Mitte
Staatliches Bauamt Weilheim-Firmenlogo
Staatliches Bauamt Weilheim Bauingenieur / Umweltingenieur (m/w/d) Landkreis Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz-Wolfratshausen
Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr-Firmenlogo
Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr Ingenieur als Projektleiter (m/w/d) für Einzelprojekte der Gesamtmaßnahme Erdinger Ringschluss München
Amprion GmbH-Firmenlogo
Amprion GmbH Elektroingenieur (m/w/d) als Projektleiter für den Schaltanlagenbau Dortmund

Alle Bauwesen Jobs

Top 5 Bau

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.