Grundbau 13.03.2009, 19:40 Uhr

U-Bahn-Bau in unzuverlässigem Untergrund  

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 gibt immer noch Rätsel auf. Als Ursache für die Katastrophe, die mindestens ein Menschenleben kostete, hat man den unterirdischen Stadtbahnbau in Verdacht. Drei Gutachter und die Staatsanwaltschaft untersuchen den Fall. Schon jetzt wird klar, Kölns Boden ist für unterirdisches Bauen denkbar ungeeignet. VDI nachrichten, Köln, 13. 3. 09, rok

Den 3. März dieses Jahres werden die Kölner so schnell nicht vergessen. Wie von Geisterhand versank das Historische Stadtarchiv im Boden und riss Teile zweier angrenzender Gebäude mit in die Tiefe. Unter der Straße vor dem Stadtarchiv liegt die 28 m tiefe Baugrube der noch nicht fertigen Nord-Süd-Strecke der Kölner Stadtbahn, in die der Baugrund des Gebäudes absackte. Es gibt ein Menschenleben zu beklagen, eine Person ist zum Redaktionsschluss noch vermisst, Dokumente des größten Stadtarchivs nördlich der Alpen, darunter Schriften von Albertus Magnus (1200 bis 1280), gingen verloren. Oberstaatsanwalt Günter Feld: „Wir ermitteln wegen fahrlässiger Tötung, bisher noch gegen unbekannt.“

Genau genommen hat die dem Stadtarchiv zugewandte Tunnelwand eines in der Tiefe bereits existierenden Bauwerks für späteren Gleiswechselbetrieb nachgegeben. Wasser und Erdreich drangen in die Röhre ein, so dass der verhängnisvolle Hohlraum unter dem Gebäude entstand. Baugeologen spekulieren, möglicherweise hätten zur Grundwasserabsenkung eingesetzte Pumpen zu heftig gearbeitet, andere sehen das Problem generell im Baugrund Kölns begründet.

Der Kölner Bürgermeister Fritz Schramma forderte schnell den einstweiligen Baustopp für den U-Bahn-Bau, den Köln in der Vergangenheit recht ehrgeizig betrieben hatte. In der ersten Reaktion auf die Katastrophe stellte er sogar generell den U-Bahn-Bau in Innenstädten in Frage. Die Vorstände der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) und der Rat der Stadt sahen in dem Unglück jedoch noch nicht mal einen Anlass für einen vorübergehenden Baustopp. Erst auf den wachsenden Druck seitens Politik und Öffentlichkeit reagierten die KVB am siebten Tag nach der Katastrophe mit vorläufigem Baustopp in kritischen Abschnitten.

In Deutschland gibt es vier echte „U-Bahn-Städte“: Berlin, Hamburg, Nürnberg und München. Andere Städte wie Hannover, Essen, Düsseldorf, Köln und Stuttgart locken in ihren Zentren Fahrgäste zwar auch mit großem „U“ in den Untergrund, bieten jedoch nur teilweise unterirdisch fahrende Stadtbahnen. Entsprechend groß das Bemühen, die Netze zu vergrößern. Man will mit den vier U-Bahnstädten gleichziehen.

Besonders emsig im Untergrund: die Stadt Köln. Nach Ansicht der KVB fehlte noch eine Strecke, die linksrheinisch am Fluss entlang vom Hauptbahnhof aus direkt nach Süden führt. Zwei andere Nord-Süd-Verbindungen schlagen unterhalb der Ringstraße westlich der City einen Bogen um die rheinnahe Altstadt.

Beim Bau der direkten Nord-Süd-Strecke kam es immer wieder zu Zwischenfällen. Der bislang spektakulärste Vorfall ereignete sich 2004: Nach Tunnelbohrarbeiten an einem Versorgungsschacht geriet der Turm der im Jahre 948 erbauten Kirche Sankt Johann Baptist um 70 cm in Schieflage. Ein Gutachter erklärte später, bei der in Köln angewandten Technik des Schildvortriebs sei die Entstehung von Hohlräumen als „systembedingt“ zu betrachten.

Gutachter stuften Risse in Wänden als ungefährlich ein

Bei dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs am 3. März 2009 „wurde dem Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Fundamenten weggerissen,“ so der Direktor der Kölner Feuerwehr Stephan Neuhoff. Vorwürfe, das Unglück hätte man vorhersehen können, weisen KVB und die Stadt aber zurück. In den eingestürzten Gebäuden wären zwar wie bei vielen anderen Häusern entlang der Linie Risse festgestellt worden, doch mehrere Gutachten belegten, so Kulturdezernent Georg Quander, dass die Risse keine Gefahr für die Standfestigkeit der Häuser bedeutet hätten. Zuletzt sei im Dezember 2008 eine Gutachterin zu entsprechendem Schluss gekommen.

Wenn starke Rissbildung in benachbarten Gebäudefundamenten zu richtigen und rechtzeitigen Schlüssen geführt hätten, wäre möglicherweise der Einsturz des Kölner Stadtarchivs vermeidbar gewesen, urteilt jedoch in Berlin die Bundesvereinigung der Prüfingenieure für Bautechnik (VPI). In sensiblen Arealen wie Stadt- und Wohngebieten sollten Veränderungen bei Bauten wie Rissbildung, Setzungen und Verformungen zu sofortigen Maßnahmen führen, nicht zuletzt unter Einbeziehung geotechnischen Sachverstands.

In der Baugrube unterhalb des Stadtarchivs gab es seit Wochen Probleme mit der Grundwasserregulierung. Möglicherweise seien hier zu starke Pumpen eingesetzt worden, spekulieren Baugeologen. Die Pumpen könnten mit dem Wasser auch Erdreich aus dem Baugrund abgesaugt haben. Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Betonschlitzwand des U-Bahn-Bauwerks unterspült wurde. Tatsächlich hatten Bauarbeiter berichtet, in die Grube sei Wasser eingedrungen.

Dass die Römerstadt Köln zum Teil auf unerforschtem, Jahrhunderte altem „Kulturschutt“ ruht und darüber hinaus die U-Bahn-Trasse unweit des Rheins verläuft, ist sicher nicht zu unterschätzen. Nicht ganz übersehen werden sollte aber auch das Bombardement des 2. Weltkriegs, von dem Köln besonders betroffen war. Der Untergrund ist daher an vielen Stellen der Stadt kein ungestörter „gewachsener Boden“ mehr. Derlei Überlegungen gehören allerdings in den spektakulären Bereich, dem zunächst aber noch viel Raum bleibt, bis die Aufklärung des Unfalls abgeschlossen ist.

Während hinsichtlich der Ursache für die Katastrophe noch gerätselt wird, fordern Einzelne – so zunächst selbst Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma – einen generellen U-Bahn-Baustopp in Innenstädten. Der Oberbürgermeister nahm die Forderung für ein generelles Bauverbot allerdings schnell wieder zurück, schließlich ist der Bau so weit fortgeschritten, dass er bereits 1 Mrd. € verschlungen hat.

Die Diskussionen um einen generellen Stopp für das U-Bahn-Bauen in Stadtgebieten sorgen nicht zuletzt für Aufregung in Kölns Nachbarstadt Düsseldorf, wo man gerade mit der Errichtung einer neuen unterirdischen Stadtbahnstrecke begonnen hat. Sicherheitshalber würden in Düsseldorf Schlitzwände bis zu 40 m tief in den Boden, also bis unter den Grundwasserspiegel getrieben, erläutert Projektleiter Gerd Wittkötter. So verhindere man, dass Wasser in die Baugrube eindringe.

Aufgrund der Kölner Ereignisse will die nordrhein-westfälische Landesregierung das Archivgesetz ändern. Wertvolle Quellen sollten künftig wasserdicht sowie feuer- und erdbebensicher gelagert werden, so NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. ELMAR WALLERANG

Von Elmar Wallerang Tags:

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