Bau 28.10.2005, 18:41 Uhr

Stein für Stein zur Frauenkirche  

VDI nachrichten, Dresden, 28. 10. 05 – Die rekonstruierte Dresdener Frauenkirche ist eine ingenieurtechnische Spitzenleistung, in der sich die Kühnheit eines barocken Baumeisters mit dem ebenso innovativen wie filigranen Können der Jetztzeit paart. Am kommenden Sonntag wird der neue und zugleich alte sächsische Sakralbau geweiht.

Es ist ein kühler Frühjahrsmorgen anno 1991. Der kleine Trupp Männer hat die Kragen hoch gestellt und sich festes Schuhwerk angezogen. Mancher trägt eine Taschenlampe und grobes Stemmwerkzeug bei sich. Denn was sie vorhaben, ist ebenso halsbrecherisch, wie es spektakulär und aussichtslos wirkt.

Vorsichtig tasten sie sich durch Trümmerberge, stolpern über angekohlte Sandsteinbrocken, versuchen zumindest ein wenig vorzudringen in den verschütteten Unterbau der seit Jahrzehnten unberührten Ruine. Weit kommen sie nicht. Und jene, die ernsthaft glauben, man könne die nach einer fürchterlichen Bombennacht im Februar 1945 eingestürzte Frauenkirche wirklich wieder aufbauen, sind an diesem Morgen wohl in der Minderheit.

Auch Hans-Jürgen Walther hatte seine Zweifel. Weniger an der technischen Machbarkeit der Idee, denn der Dresdener Diplomingenieur, der damals die Sächsische Sandsteinwerke GmbH in Pirna leitete, hatte schon bei der Rekonstruktion des Berliner Doms und der Semperoper mitgemacht. Doch er folgte der Ansicht seiner Mutter, die das Inferno erlebt hatte, und meinte, die Trümmer sollten auf ewig ein mahnendes Kainsmal bleiben.

Damit stand Walther nicht allein. Sächsische Denkmalpfleger warnten vor dem „Nachbau“ der Frauenkirche. Der Begriff von einer Disneylandisierung alter Dresdner Barockpracht machte die Runde. Nüchterner sah das Eberhard Burger. Der diplomierte Bauingenieur mit leichtem Hang zur Kauzigkeit glaubte an die tatsächliche Rekonstruktion der Frauenkirche, sprich einen „archäologischen Wiederaufbau unter Einbeziehung von möglichst viel Originalgestein“. Stets war der Urdresdner fasziniert gewesen vom architektonischen Mut George Bährs, dem Baumeister des 1726 bis 1743 errichteten Gotteshauses. Ihn beeindruckte die „steinerne Glocke“, wie die Dresdener die gemauerte Kirchenkuppel nennen. Zudem hatte Bähr die Kuppel „völlig aus Stein erbaut, ohne Dachstuhl und Versteifungen. Lediglich Bögen aus Ziegelsteinen stabilisierten die Wände“, schwärmt Burger noch heute.

Eben diesen Geniestreich wollte er auferstehen lassen. Und er setzte sich durch. Von Beginn an leitete Burger die technischen Geschicke des Wiederaufbaus – als Baudirektor, später auch als Geschäftsführungssprecher der Stiftung Frauenkirche.

Zu ihrem Mut, dieses Wiederaufbaupuzzle zu wagen, gratulieren sich die Hauptakteure bis heute. Zumal im Januar 1993, als die Enttrümmerung startete, weder die Finanzierung geklärt war noch mit großer politischer Unterstützung zu rechnen war. „Das ging an meine Grenzen, ich habe manche Nacht nicht geschlafen und manche Rechnung nicht zahlen können“, gestand Burger später einmal. Erst im Sommer 1994 gründeten Sachsen, Dresden und die Landeskirche eine öffentliche Stiftung Frauenkirche. Die bald darauf einsetzende Spendenwelle aus ganz Deutschland machte Mut.

Ein Vierteljahr dauerte es, um zunächst 22 000 m3 Trümmer abzutragen. Doch nichts davon wanderte sofort in den Container. Christoph Frenzel, ein junger Architekt von der Dresdener Ingenieurbaufirma IPRO, oblag stattdessen ein irrer Job. Stein für Stein, Brocken für Brocken begutachtete er mit seinem kleinen Team: Ist er noch verwertbar, an welcher Stelle hat er einst an der Außenfassade gesessen? Eine Sisyphusarbeit, die Monate, ja Jahre verschlang. Im Schlaf konnte Frenzel, nunmehr Leitender Frauenkirchen-Architekt für den Steinbereich, bald die Geometrie der Fassade herunterbeten.

Mitunter halfen Fotos und die Kenntnis über den Einsturzbereich, um jeden Findling authentisch zuzuordnen, zuweilen auch nur noch bestimmte Strukturen der Steine oder alte Steinmetzzeichen. Später nutzte man ein Computerprogramm, das eigentlich für die Luft- und Raumfahrt entwickelt wurde, erzählt Frenzel. Exakt 8425 Fassadensteine sowie 91 500 Hintermauerungsziegel befand er schließlich für wiederverwertbar. Alle wurden erfasst und in riesigen Regalreihen rund um den Kirchenstumpf gelagert. Eine Steinmetzwerkstatt direkt neben dem Lager nahm sich dann jedes Altstücks an, restaurierte die meisten von ihnen.

Als am 13. April 2004 die Steinmetze Tobias Lochmann und Steffen Rauh in 78 m Höhe den letzten – rund eine Tonne schweren – Simsstein in den oberen Laternenkranz auf der Kuppel setzten, staunte dennoch selbst mancher Optimist: „Allein im sichtbaren Bereich fanden 3634 Fundstücke Verwendung“, berichtet Burger. Hinzu komme Originalmaterial im Altar und im Innenbereich. „Bezieht man neben den Ruinenteilen die Fundamente und das tragende Mauerwerk ein, das ja auch aus Sandstein besteht“, so der Baudirektor, „erreicht der Altsteinanteil an der Gesamtsubstanz annähernd 45 %. Das ist viel.“

Das Gros der Steine war freilich neu zu fertigen. Eine Aufgabe, die vor allem den Pirnaern Sandsteinwerken unter Leitung von Hans-Jürgen Walther oblag. „Alle kniffligen und schwierigen Arbeiten haben unsere Leute gemacht“, erzählt er, während er mit prüfendem Blick den heute nahezu fertigen Sakralbau umrundet.

Steht Walther, der mittlerweile als selbstständiger Naturstein-Sachverständiger arbeitet, heute im Eingangsbereich zum Treppenturm A, wo der Weideraufbau begann, muss er zwangsläufig an die ersten Steine denken, die seine Leute hierfür konstruierten und fertigten. „Da war hier ja noch nichts! Wie bringt man aber eine Geometrie ins Nichts?“, fragt er lachend. Das habe sie schon einiges Kopfzerbrechen gekostet.

Am Ende wurden fast 1 Mio. Steine verbaut. Jeder einzelne musste für sich in Form und Maßen an den Computern von IPRO errechnet, konstruiert und schließlich von Steinmetzen per Hand gefertigt werden. So auch die 520 doppelt gekrümmten Steinplatten und die 1200 Sandsteindübel für den so genannten Kuppelanlauf – der heiklen Nahtstelle zwischen Kirchenrumpf und der 20 000 Zentner schweren steinernen Glocke. „Dieser Bereich hat die vertikale Last der Kuppel zu tragen, da diese neben den Pfeilern auch 8 m nach außen auf die Außenwände verteilt ist“, erläutert Burger. Schablonen gab es also nicht, jedes Werkstück stellte ein Unikat dar, „das meist schiefwinkelig und verzogen war“.

War die alte Frauenkirche ein Dauerpatient, bei dem immer wieder Bauschäden auftauchten, so soll das nun für immer vorbei sein. Beim Wiederaufbau korrigierten die Dresdener Architekten und Ingenieure z. B. computergestützt den Lastfluss des Mauerwerks, den Bähr einst gefühlsmäßig annahm. Die sächsischen Steinmetze versetzten nun akkurat gesägte – statt wie vor 250 Jahren manuell behauene – Steine, wodurch die Fugen eine klare Geometrie erhielten.

Das Ergebnis sind eine wesentlich höhere Steifigkeit und ein weitaus besseres Fugenverhalten. Hinzu kommt die bessere Qualität des Sandsteins für die neu gefertigten Werkstücke und der witterungsgeschützte Aufbau. Letztlich sei damit eine Verdopplung der Tragfähigkeit des Pfeilermauerwerks erreicht worden.

„Die rund zehn Baujahre waren turbulent, nicht immer eben, manchmal steinig“, gesteht Burger im Rückblick. Dass ihm mancher nachsagt, er habe den „schönsten Job der Welt“, mag er nicht bestreiten, trotz mancher Querelen, etwa um eine angemessene Orgel, oder den Ärger nach der Elbeflut 2002, als auch in die Frauenkirche Hochwasser eindrang. Drei Monate warf sie das zurück, doch heute liegen sie wieder vor den Terminen.

Längst sind aus den meisten Skeptikern von einst Bewunderer geworden. Und alle gemeinsam werden sie am 30. 10. auf die neue alte Kirche anstoßen.

HARALD LACHMANN

Von Harald Lachmann

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