Bau 13.08.2004, 18:32 Uhr

„Selbst unsere Enkel werden noch für die Olympischen Spiele zahlen“

VDI nachrichten, Athen, 13. 8. 04 -Neue Fußgängerzonen, eine Ringstraße, die die City entlastet, zwei Tram- und drei Metrolinien – die griechische Hauptstadt hat sich zur Olympiade herausgeputzt. Nur die Kosten laufen aus dem Ruder. Die ohnehin hohe Staatsverschuldung steigt und steigt.

Eigentlich hätte Griechenland das Zeug zu einem europäischen Musterschüler: 2001 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 4 %, 2002 waren es 3,9 % und ein Jahr später 4,7 %. Dazu beigetragen haben niedrige Zinsen als Folge des Eintritts in die europäische Währungsunion (im Jahr 2000) und die zahlreichen Bauprojekte für die Olympiade.
Dabei ging es nicht nur um die Sportanlagen; Athen hat sich praktisch neu erschaffen. Neoklassizistische Häuser wurden renoviert, Fußgängerzonen angelegt und der öffentliche Nahverkehr erweitert. Letzterer bestand vorher praktisch nur aus Bussen. Nun ist der Grundstein für die dringend benötigte Infrastruktur gelegt: zwei Tram-, drei Metrolinien und die Vorortbahn zum Flughafen sollen für Entlastung auf den hoffnungslos überfüllten Straßen sorgen und die Autofahrer dazu bewegen, ihr Gefährt stehen zu lassen. Mit der Attiki Odos ist zudem eine Ringstraße entstanden, die um den Großraum Athen führt und die Innenstadt entlastet.
Allein die Kosten dafür machen Bevölkerung und Politikern Sorgen. „Selbst unsere Enkel werden noch für die Olympischen Spiele zahlen“, erklärte Fani Petralia. Die stellvertretende Kulturministerin muss hellseherische Fähigkeiten gehabt haben, denn ihre Äußerung datiert aus dem Jahr 2003. Damals waren sie und ihre Minister-Kollegen aus der konservativen Nea Dimokratia in der Opposition, und das Niedermachen der sozialistischen Pasok-Regierung gehörte zum Ritual wie das morgendliche Zähneputzen.
4,6 Mrd. € hatten die Sozialisten für die Vorbereitung und Organisation der Olympischen Spiele veranschlagt. Zu wenig. Die aktuelle Rechnung des griechischen Finanzministeriums ergab 6 Mrd. €. Jetzt vermeldet die griechische Zeitung „Eleftherotypia“ es seien mittlerweile 7,6 Mrd. € – das wären dann 4,3 % des BIP.
Die Ursachen für die Kostenexplosion hat die stellvertretende Kulturministerin kürzlich dargelegt: zu später Beginn der Baumaßnahmen, Überschreiten der Terminpläne und die dadurch notwendig gewordene ständige Kontrolle und Überwachung der Arbeiten.
Hinzu kommt die Ausweitung des Sicherheitsetats: Ursprünglich mit 400 Millionen Euro veranschlagt, liegt er jetzt bei rund 1,2 Mrd. €. Einer der ersten, der sich öffentlich Gedanken gemacht hat, war Bauminister Jiorgos Souflias: „Ich muss mich fragen, ob unser Land die Ausrichtung der olympischen Spiele hätte übernehmen sollen.“
Dieser Satz war ein gefundenes Fressen für nationale wie internationale Medien. „Griechenland bereut die Ausrichtung der Spiele“, lauteten die Schlagzeilen, während die Opposition Souflias“ Äußerungen als kontraproduktiv verdammte.
Fakt ist: Das Land wird in diesem Jahr die im EU-Stabilitätspakt fixierte Defizitgrenze von 3 % (staatliche Neuverschuldung gemessen am BIP) voraussichtlich deutlich überschreiten. Die Gesamtverschuldung wird laut Finanzminister Jiorgos Alogoskoufis auf rund 108 % des BIP steigen. Dabei sieht die EU höchstens 60 % vor.
Hinzu kommt hohe Inflation. So lag die Teuerung 2003 bei 3,4 %. Verschärft wird der Effekt durch die gestiegenen Löhne, die die Arbeitnehmer angesichts des Zeitdrucks vor der Olympiade durchsetzen konnten. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft stiegen die Reallöhne in den vergangenen beiden Jahren um 4,5 %.
Den Tourismus, einer der Säulen der griechischen Wirtschaft, hat die Olympiade bislang nicht angekurbelt. Die Einnahmen stagnieren. Im vergangenen Jahr kamen „nur“ 13 Mio. Gäste. In diesem Jahr werden nicht nur in Athen freie Betten gemeldet, sondern auch aus den anderen Feriengebieten. Georgios Drakopoulos, Generaldirektor des Verbandes Griechischer Tourismusunternehmen, beziffert den Rückgang der Reservierungen im Vergleich zum Vorjahr auf 10 % bis 15 %.
Trotzdem müssen auch die Hellenen dringend einige Hausaufgaben machen: So hat der Rat der europäischen Wirtschafts- und Finanzminister die griechische Regierung aufgefordert, bis Ende nächsten Jahres einen Betrag von 1 % des BIP einzusparen. Nun ist eine strikte Kürzung der Ausgaben angesagt.
Als weitere Punkte stehen die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die Privatisierung von Staatsbetrieben und die Deregulierung auf der Agenda. Die Bevölkerung weiß, dass harte Einschnitte auf sie zukommen. Was sie jedoch am meisten verärgert, sind die Preissteigerungen: Lebensmittel wie Milch, Mehl, Butter oder Obst und Gemüse sind genauso teuer wie in anderen westeuropäischen Staaten, wenn nicht teurer. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt dagegen bei knapp 75 % des EU-15-Durchschnitts. So stehen einer dreiköpfigen Familie durchschnittlich gerade einmal 1200 € im Monat zur Verfügung. EVDOXIA TSAKIRIDOU

Von Evdoxia Tsakiridou

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