Bau 12.07.2002, 18:20 Uhr

„Organspenden“ für Häuser

Balken und Parkett, Fenster und Türen, Beschläge, Drückergarnituren und Schlösser, Öfen und Natursteine, Dacheindeckungen und Mauerziegel, Treppengeländer und Eisenzäune…

Seit zehn Jahren mühen sich die Mitarbeiter des Bergezentrums Trebsen, diese Bauteile zu retten. Die zum Förderverein für Handwerk und Denkmalpflege e.V. Schloss Trebsen gehörende Einrichtung hat es inzwischen geschafft, dass sich ihr Anliegen auf den Baustellen herumspricht: „Wenn irgendwo ein altes Haus abgerissen oder entkernt wird, rufen uns die Architekten oder die Baufirmen an, wir kommen und halten Ausschau nach Verwendbarem“, erläutert Bernhard Schüler, Leiter des Bergezentrums. „Wenig später rollen unsere Leute mit dem Lkw an, demontieren Dachstuhl oder Ofen, nehmen Parkett oder Pflaster auf, heben Fenster und Türen aus den Angeln.“
Und warum sollte man Trebsen alarmieren, anstatt die Abrissfirma ungehindert ihres Amtes walten zu lassen? „Weil wir dem Bauherren keine Rechnung stellen und seine Kosten für Abrissarbeiten und Deponie durch uns schrumpfen. Sechzig Türen zu entsorgen, das kostet ohne die Arbeitsleistung schon immerhin 200 ç“, rechnet Schüler vor. „Große Geschäfte kann mit uns allerdings auch niemand machen, wir kaufen nichts auf. Bestenfalls räumen wir den Firmen, die uns auf Funde hinweisen, Rabatte ein, wenn sie auf ihren Baustellen historisches Material benötigen.“
In den Hallen der einstigen Papierfabrik von Trebsen werden die anrollenden Bauteile gesäubert, sortiert und zum Teil aufgearbeitet, ehe sie wieder zum Verkauf angeboten werden. In den Hallen und Zimmern sind auf insgesamt rund 10 000 m2 Balken gestapelt, eine Apothekeneinrichtung aufgebaut, Stuckornamente in Regale sortiert. Hunderte Beschläge und Schlösser haben sich angesammelt. Im Türensaal kann der Kunde unter fast 4000 Stücken wählen, alle säuberlich beschriftet mit Bergeort, Bergedatum und vermutlichem Herstellungszeitraum.
Regelmäßig werden die neu ankommenden Schätze aussortiert, kürzlich beispielsweise eine Tür, dunkelbraun und zerschunden. Gezimmert um 1650, sieht sie nicht ihrer Wiederverwendung, sondern einer Zukunft im Sächsischen Bauteil-Archiv entgegen. Diese im Aufbau befindliche Sammlung von Musterstücken der Handwerkskunst ist bereits jetzt in Trebsen zu besichtigen.
In den Trebsener Werkstätten werden hingegen keine Kostbarkeiten restauriert, sondern „nur“ Bauteile für eine Wiederverwendung aufgearbeitet, um weiteren Schädigungen entgegenzuwirken. Deshalb agieren hier auch keine Restauratoren. Die meisten Mitarbeiter sind ABM-Kräfte, die handwerkliche Fähigkeiten mitbringen und in Richtung Baustilkunde geschult wurden. Auch einige behinderte junge Leute haben hier eine Aufgabe gefunden. Aber aus einst über 40 ABM-Kräften sind mit der Reduzierung der zur Verfügung stehenden Mittel 16 geworden.
„Wenn wir – und das ist nicht auszuschließen – mal nicht mehr zum Verein gehören, sondern auf eigenen wirtschaftlichen Füßen stehen müssen, gelten ohnehin andere Spielregeln“, kalkuliert Schüler. „Dann stehen unsere denkmalschützerischen Ambitionen nicht mehr so im Vordergrund und sind bestenfalls gleichberechtigt neben den geschäftlichen Überlegungen zu sehen.“
Auf der Messe „denkmal 2002“ im Herbst wird das Bergezentrum auch vertreten sein: „Gemeinsam mit dem Umweltzentrum der Handwerkskammer Leipzig, der Transferstelle für ökologisches Bauen und Denkmalpflege der Handwerkskammer Halle und Restauratoren im Handwerk präsentieren wir drei Werkstätten, die sich den Themen Holz, Stein und Farbe widmen“, so Vereins-Geschäftsführer Uwe Bielefeld.
In der Glashalle der Leipziger Messe informieren die Trebsener Denkmalschützer zudem über das im Bergelager entstehende sächsische Bauteil-Archiv und das Stuck-Museum. So sind u.a. ein Jugendstil-Kachelofen aus einem in Delitzsch abgerissenen Haus zu sehen sowie ein Sandsteinbaluster, der bei der Sanierung des ehemaligen Reichsgerichtes in Leipzig durch ein neues Stück ersetzt wurde. wip

 

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