Bau 25.01.2002, 17:32 Uhr

Oktogon mit Metropolen-Qualität

Der Leipziger Platz zählte einst zu den feudalsten Adressen Berlins, das Kaufhaus Wertheim fand sich dort. Durch Krieg und Mauerbau zerstört, liegt er heute völlig brach. Jetzt will man die frühere Struktur des Platzes wieder herstellen und die Randbebauung den historischen Formen anpassen.

Das geflügelte Wort für Berlin trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf: „Die Stadt, die niemals ist und immer wird“ – zumindest, was den städtebaulichen Aspekt betrifft.

Heute liegt das nicht zuletzt daran, dass über der Hauptstadt seit geraumer Zeit der Pleitegeier kreist. Dennoch will die rot-rote Berliner Regierungskoalition nicht auch noch den Stift gleicher Farbe an ein weiteres wichtiges Zentrum in der Stadt legen: Gemeint ist der Leipziger Platz im Bezirk Mitte. Immerhin galt er früher neben dem Pariser Platz am Brandenburger Tor als eine der städtebaulich bedeutendsten Platzanlagen der Hauptstadt.

Seit Jahren schon beflügelt das legendäre Achteck des Leipziger Platzes die Visionen der Architekten und Städtebauer. Dies liegt mit Sicherheit auch an seiner unmittelbaren Nachbarschaft zum Potsdamer Platz. Doch während dieser bereits seit einigen Jahren in weltstädtischem Glanz strahlt und Touristenströme ohne Ende anzieht, lässt sich die Bebauung des Leipziger Platzes bisher nur auf dem Reißbrett studieren.

Zwar stehen dort schon vier Neubauten, doch erst im Jahr 2005 soll das städtebauliche Bindeglied zwischen Friedrichstadt und Potsdamer Platz wieder komplett sein. Elf Gebäude, darunter die kanadische Botschaft, das Deutsche Reisebüro und die DG Immobilien, werden das Oktogon dann umschließen. Schon frühzeitig wollen die Investoren gemeinsam Image und Visionen für den dortigen Einzelhandel entwickeln.

„Architektonisch kann sich dieser Stadtplatz durchaus mit dem Pariser Platz und dem Gendarmenmarkt auf eine Stufe stellen“, meint Stefan Kliehn, Koordinator von MM Warburg-Schlüter. Kliehn betreut den Neubau von Sony und den der Württembergischen Versicherung. Bis zum Jahr 2004 soll dieses Projekt mit einer Bruttogeschossfläche von 29 000 m2 über elf Geschosse fertig gestellt werden. „Bisher ist der Platz neben Projekten wie dem Potsdamer oder dem Pariser Platz allerdings kaum in der öffentlichen Wahrnehmung präsent“, räumt er ein.

Die Ziele der Investoren sind hoch gesteckt. Eines der internationalen Vorbilder für die Gestaltung des Einzelhandelsbesatzes soll die Pariser Place Vendome sein. Dort sind heute die berühmtesten Juweliere Frankreichs wie etwa Chaumet, Mauboussin oder Van Cleef & Arpels in prächtigen Nobelläden präsent. Klangvolle Edelmarken wie Cartier, Chanel, Armani oder Guerlin haben dort ihre repräsentativen Adressen.

Und tatsächlich war der Leipziger Platz vor dem Zweiten Weltkrieges weit über die Grenzen Berlins bekannt. Repräsentative Gebäude wie das Palast-Hotel, das Aschinger-Hotel Fürstenhof und das prächtige Kaufhaus Wertheim prägten das Bild des Platzes.

Heute ist hier von weltstädtischer Atmosphäre kaum etwas zu spüren. Baustellenflair und Brachland sind stattdessen angesagt. Fertig sind bislang lediglich das Mosse-Palais an der Nordseite sowie der Nachbarbau von Jan Kleihues für die Pensionskasse von Hoechst und das Palais am Bundesrat auf der südlichen Seite. In vier Jahren dann will ein Konsortium unter der Federführung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) das mit 20 000 m2 größte Grundstück, das ehemalige Wertheim-Areal, bebauen.

„Eine Mischung aus gehobenen Anbietern für Design und Mode, Kaffeehäuser und anspruchsvolle Gastronomie“, soll die künftige Mieterschaft am Leipziger Platz ausmachen. So stellt es sich Andreas Kogge, Vermietungschef des Maklerhauses Kemper“s in Berlin, vor. Die baulichen Voraussetzungen sieht auch er selbstverständlich gegeben. Insgesamt entstehen am Platz etwa 7000 m2 Geschäftsflächen in kleinteiligen Strukturen. Um die 400 m2 soll der größte Laden werden. Den Investoren geht es vor allem darum, den Platz als „Adresse“ für hochklassige Angebote bekannt zu machen. Kogge: „Der hochwertige Einzelhandel folgt dem Image eines Standortes. Deshalb müssen wir schon jetzt ein Bild des Standortes formen.“

Den Markennamen „Leipziger Platz“ zu etablieren wird aber mit Sicherheit keine leichte Aufgabe. Immerhin sind an der Bebauung des Achtecks zwölf Investoren beteiligt. Jedes Projekt ist in einem anderen Zeitrahmen angelegt. Ein inhaltliches und terminliches Gerüst wie bei Sony oder Debis am benachbarten Potsdamer Platz gibt es nicht.

Wenn es tatsächlich gelingt, mit der Bebauung und der Belebung des Platzes an „alte Zeiten“ anzuknüpfen, stehen dem Oktogon rosige Zeiten bevor. Die Geschichte des Platzes ist mehr als 250 Jahre alt. Die Planer der barocken Stadterweiterung liebten große Stadtrandplätze. Im Norden bauten sie das „Quaree“ am Brandenburger Tor, den heutigen Pariser Platz. Im Süden das „Rondell“, den früheren Belle-Alliance-Platz und heutigen Mehringplatz. Dazwischen ließen sie Platz für das Oktogon, das später in Gedenken an die Völkerschlacht in Leipziger Platz umbenannt wurde.

Er diente zunächst als Zollabfertigung, als Warenumschlags-, Appell- und Exerzierplatz. Später zogen Beamte, Offiziere, Bankiers, Kaufleute und Fabrikanten an den Platz. Die große Zeit für den Platz kam mit dem Abriss der Stadtmauer und dem Bau des Potsdamer Bahnhofs. In der Folgezeit entstanden hier Büro- und Verwaltungsgebäude sowie Hotels. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine palaisartige Wohnbebauung. Wichtige Randgebäude waren das Palais des Verlegers Rudolf Mosse und das Reichsmarineamt. Richtig belebt wurde der Platz aber erst durch den Bau des Warenhauses Wertheim 1897 bis 1904. Das von Alfred Messel erbaute Kaufhaus galt zu seiner Zeit als Sensation.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zählte das Achteck sogar zu den geschäftigsten Plätzen Europas. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage zerstört. Durch den Bau der Mauer 1961 gehörte sie zum Grenzgebiet, die Reste wurden abgebaut. Nach dem Mauerfall 1989 sollte die ursprüngliche Struktur des Platzes wieder hergestellt werden. Die Jury entschied sich 1991 für den Entwurf der Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler, der eine Randbebauung in Anpassung an die historischen Formen vorsieht. THOMAS SCHULZE/wip

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