Bau 30.05.2003, 18:25 Uhr

Neubauten knickten ein

Der Katastrophe vom 22. Mai in Algerien, bei der ein Beben der Stärke 6,2 ganze Neubaublocks zum Einsturz brachte, folgt der Ruf nach erdbebensicherem Bauen. Politikern und Behörden wird angelastet, sie hätten nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1962 Wohnbauten in aller Eile aus dem Boden gestampft.

Unsachgemäßes Bauen wird in Algerien als Hauptgrund für die Erdbebenkatastrophe vom 22. Mai 2003 angenommen, bei der mehr als 2000 Menschen ihr Leben verloren haben. In den Ortschaften Reghaia und Boumerdes, nahe dem östlich von Algier gelegenen Erdbebenzentrum, stürzten zehnstöckige Wohnblocks wie Kartenhäuser in sich zusammen. Auch in Algier richtete das Beben große Verwüstungen an, wobei die meisten Häuser in den Neubauvierteln im Osten der Stadt einstürzten, während ältere Bauten das Beben unbeschadet überstanden. Hieraus lässt sich ableiten, dass vor allem in den letzten Jahrzehnten in Algerien, das zu den erdbebengefährdeten Gebieten in der Welt gehört, das erdbebensichere Bauen ignoriert wurde.
Im Gegensatz zu den üblichen Bildern schrecklicher Erdbebenkatatrophen traf es in Algerien diesmal nicht eher ältere Häuser, sondern vor allem in Massivbauweise errichtete Neubauten. Offenbar hatte man nicht alle Stützen mit der Deckenkonstruktionen fest verankert, so dass Horizontalkräfte, die bei einem Erdbeben üblicherweise auftreten, die Baukonstruktion zu Einsturz bringen konnte. Entsprechend groß die Vorwürfe an Politiker und Baubehörden in Algerien. Man lastet ihnen an, in den vergangenen Jahren Grundstücksspekulanten zugearbeitet und rechtswidrig Baugenehmigungen erteilt zu haben.
Baufachleute gehen davon aus, dass man in Algier versäumt hat, die Stahlbewehrung der Stützen mit den Eisen der Stahlbetondecken zu verbinden. Diese technische Regel einer Rahmenkonstruktion, die im Erdbebenfall auftretende Horizontalkräfte aufnimmt, ist nicht nur in deutschen Erdbebengebieten Vorschrift, sondern etwa auch in der Türkei, so in Hamburg Dr.-Ing. Günter Timm, Verbandspräsident der Bundesvereinigung der Prüfingenieure für Bautechnik (VPI). Dennoch gab es unlängst auch in der Türkei eine Erdbebenkatastrophe, weil man – so Timm – dort auf ein Prüfsystem verzichte, was dann Folgen zeigte. So hatte ein in Massivbauweise errichtetes Internat beim Beben am 2.?Mai rund 200 Schüler unter sich begraben und 84 in den Tod gerissen.
Tatsächlich ist es heute möglich, Bauten so zu konstruieren und zu bauen, dass sie starke Erdbebenstöße überstehen, ohne dass Leben und Gesundheit von Menschen gefährdet werden. Grob unterscheidet man heute zwischen Gebäuden aus Mauerwerk sowie Bauten aus Stahlbeton, Stahl und Holz.
Gebäude aus Ziegelmauerwerk, in üblicher europäischer Bauweise errichtet, verhalten sich bei einem Beben relativ gutmütig. Recht häufig indes treten sogenannte „Zufallschäden“ auf, die durch herabfallende Schornsteinköpfe und Teile aus der Giebelwand hervorgerufen werden.
Der Stahlbetonskelettbau gilt als besonders geeignetes Verfahren für das Bauen in erdbebengefährdeten Gebieten. Vielfach findet diese Bauweise Anwendung in Japan und in Kalifornien. Allerdings komme es beim Stahlbetonskelettbau neben der richtigen Bewehrungsführung auch auf gute Betonqualität an, betonen Fachleute für Massivbau. Nach jedem Erdbeben seien die Stützen und Balken auf Risse zu untersuchen, um eine mögliche Korrosionsgefahr des Bewehrungsstahles auszuschließen.
Wie vor allem in Kalifornien zu beobachten ist, haben bei guter Ausführung Stahlskelettbauten schon schwere Erdbeben überstanden. Von Nachteil aber ist ihre Gefährdung bei Feuer, warnen Brandschutzexperten, da die Stahlstützen und Träger sich beim Erhitzen verformen.
Relativ sicher erweisen sich bei Erdbeben Holzhäuser, ob als Fachwerk- oder Skelettbauten ausgeführt. Entsprechend entstanden diese in früheren Jahrzehnten vielfach in Japan.
Der Grund für das gute Abschneiden der Stahl- und Stahlbetonskelettbauten sowie der Holzhäuser ist die Fähigkeit, Horizontalkräfte durch die Konstruktion aufzunehmen.
Im Gegensatz zu Algier wird in den Erdbebenregionen Nordamerikas und Japan die aus einem Erdbeben resultierende Gefahr ernst genommen. Man fürchtet seit langem ein Jahrhundertbeben. Entsprechend wurde und wird nach dem jeweiligen Stand der Technik erdbebensicher geplant und gebaut. Die Katastrophe von Kobe und Osaka am 17. Januar 1995 begrub allerdings viele Hoffnungen der Japaner, erschütterte weltweit das Vertrauen in die Erdbebenforschung. Häuser begruben Menschen, eine ganze Hochstraße stürzte um, mehr als 5000 Tote galt es zu beklagen. Überdies zeigte eine Studie, dass auch in Kalifornien das Jahrhundertbeben eine Katastrophe auslösen könnte. Der Schadensbericht vom kalifornischen Erdbeben des Jahres 1994 sorgte für Unruhe, da er bei vielen als erdbebensicher geltenden Gebäuden Schwachstellen aufgedeckt hatte. Viele bislang als erschütterungssicher eingestufte Bauten würde versagen, wenn das „Big One“ komme, warnte der Bericht. Besonderes Aufsehen erregte die Feststellung, dass auch in Stahlrahmenkonstruktionen errichtete Hochhäuser gefährdet seien.
Aber nicht nur die Bauart der Gebäude ist für die Erdbebensicherheit von Bedeutung. Auch der Baugrund spielt eine Rolle für die Sicherheit des Gebäudes. Das Bauen über lockerem Untergrund (Verwitterungsboden, Moor- und Torfuntergrund) gilt als besonders gefährlich, da sich hier die kurzen Erdbebenstöße zu heftigen Erschütterungen aufschaukeln. Ebenso gefährlich sind Lockermassen auf Felsuntergrund. Sie können mit dem Gebäude abrutschen. ELMAR WALLERANG

Von Elmar Wallerang

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