Bau 22.02.2002, 17:32 Uhr

Neubau mit Altlast

Das Haus ist formaldehydbelastet. Abhilfe schaffen sollen jetzt Schafwollvliese, deren Eiweiße den Schadstoff binden und so das Haus benutzbar machen.

Statt tobender Kinder tummeln sich in dem Neubau jetzt wieder die Handwerker. Deren Tun erscheint Außenstehenden auf den ersten Blick absurd: Sie ziehen unter der schönen Decke aus Vollholz eine eher billig wirkende Abhangdecke ein. Der Grund: Die Hauptquelle für das Reizgas sind ausnahmsweise nicht die Spanplatten an den Wänden, vielmehr strömt es aus der Decke. Die besteht aus Leimholz, also verleimten Vollholz-Lamellen – und aus dem Leimbinder kommt das Formaldehyd.

Die Quellen für das allergie- und möglicherweise sogar Krebs erregende Reizgas sind vielfältig, besonders häufig sind es Tabakrauch und Spanplatten. Zwar sind neue Spanplatten der E1-Klasse angeblich formaldehydarm und somit unbedenklich. Doch viele Fachleute kritisieren, dass der für E1-Platten erlaubte Emissions-Wert von 0,1 ppm zu hoch sei. So dürfte ein einzelnes Bücherregal aus E1-Spanplatten zwar kaum zu einer Überschreitung des Formaldehyd-Richtwertes führen. Wer aber eine ganze Bibliothek in Spanmöbeln unterbringen möchte, ist nicht mehr auf der sicheren Seite. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert deshalb einen Richtwert von 0,05 ppm.

Aber auch der aktuell gültige Richtwert von 0,1 ppm wird in vielen vor allem älteren Fertighäusern überschritten. Laut Michael Kohler von der „Schutzgemeinschaft streitbarer Fertighausbauherren“ sind „etwa 400 000 Fertighäuser Formaldehyd-verseucht“. Kein Wunder, bestehen doch gerade ältere Häuser von der Stange überwiegend aus Spanplatten. Aus denen gast das Atemgift auch noch nach Jahrzehnten aus. Eine Sanierung ist zumeist aussichtslos, käme die Entfernung der Quelle doch einem Abriss gleich.

Das gilt auch für den Münchner Neubau mit der massiven Vollholzdecke. Damit dort trotzdem bald Kinder spielen können, setzt das Hochbauamt auf ein neuartiges Sanierungsverfahren: Schafwolle gegen Formaldehyd. Was für gestandene Handwerker nach Hokuspokus klingt, preist Robert Sweredjuk von der Herstellerfirma Doppelmayer in Kempten so: „Aldehyde wie das Formaldehyd gehören zu den proteinreaktiven Luftschadstoffen. Das heißt, Formaldehyd geht eine chemische Verbindung mit der Wolle ein.“ Im Klartext: Das in der Schafwolle enthaltene Eiweiß (Keratin) bindet den Formaldehyd. Umgekehrt wird der Effekt schon lange genutzt, indem anatomische Präparate in einer Formaldehydlösung (Formalin) konserviert werden.

Das Absorptionsvermögen der Schafwolle vergrößert Sweredjuk durch ein spezielles Behandlungsverfahren: Zunächst werden die Wollfette ausgewaschen, anschließend wird die Wolle zu einem Vlies mit extrem großer Oberfläche verwoben. Untersuchungen am Deutschen Wollforschungsinstitut an der Technischen Hochschule in Aachen bestätigen die Wirksamkeit des als „Kairatin“ bezeichneten Endprodukts. Auch Gerd Zwiener vom Eco-Umweltinstitut in Köln schwört auf das Vlies: „Die Versuche lassen den Schluss zu, dass die Aufnahmekapazität der Wolle für mindestens zehn Jahre reicht.“ Als Beispiel für die Effizienz des Verfahrens nennt er einen Kindergarten in Langenfeld bei Köln. „Der sollte eigentlich abgerissen werden, weil der Formaldehyd-Richtwert doppelt überschritten war.“ Nach Einbringen der Wollvliese seien die Werte auf ein Fünftel gesunken. Auch eine Kontrollmessung nach etwa drei Jahren habe dies bestätigt.

Lange Meßreihen, räumt Zwiener ein, gebe es noch nicht. Sollte sich die Langzeitwirkung aber in der Praxis bestätigen, wäre die Schafwolle gegenüber den bisher gebräuchlichen Sanierungsverfahren im Vorteil: Sogenannte Sperrlacke, die das Reizgas am Austreten hindern, werden nach zwei bis drei Jahren brüchig und verlieren ihre Wirkung. Auch eine Ammoniakbegasung bringt nur für drei bis fünf Jahre Entlastung. Die beste Sanierungsmethode sei ohnehin das Entfernen der Formaldehydquelle, betont Experte Zwiener. Nur wo dies nicht möglich sei, etwa bei Fertighäusern, wo Wände und Decken aus Spanplatten bestehen, mache die Wolle Sinn. Dort könne das Vlies auf die Wand getackert und eine Gipskartonplatte davor verbaut werden. Vertrieben wird Kairatin über die Firma Raab Karcher, wo man bereits gute Geschäfte wittert.

Denn obwohl die Hersteller von Fertighäusern beteuern, dass das Formaldehydproblem mittlerweile gelöst sei, taucht es auch bei Neubauten immer wieder auf. Der Kindergarten in München ist da beileibe kein Einzelfall. Oft wird das Problem nur zufällig entdeckt, wenn etwa kritische Eltern mit einem Formaldehyd-Schnelltest aus der Apotheke anrücken, weil ihr Sprößling unter Atemwegsbeschwerden leidet. Wie etwa am Ignaz-Kögler-Gymnasium im bayrischen Landsberg: Vor knapp zwei Jahren bekam die Schule einen neuen Holzpavillon mit zwei zusätzlichen Klassenräumen. Obwohl alle Innenplatten aus angeblich formaldehydarmen E1-Spanplatten bestanden, ergab eine Messung das Doppelte der zulässigen Formaldehydkonzentration von 0,1 ppm. Die Fertighausfirma musste alle Platten austauschen – eine teure Komplettsanierung. Die können sich private Fertighausbesitzer zumeist nicht leisten. Wesentlich preiswerter sind da die Schafwollvliese.

Doppelmayer-Chemiker Sweredjuk hat bereits neue Ziele: Schließlich bindet Schafwolle neben Formaldehyd weitere Schadstoffe, wie etwa Stickoxide, Ozon und Amine. Letzteren gilt derzeit Sweredjuks besondere Aufmerksamkeit. Es habe bereits einige Gespräche mit Vertretern der Automobilindustrie gegeben, die unerwünschte Gerüchen in Neuwagen ausschalten möchte. GÜVEN PURTUL/wip

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