Bau 16.06.2006, 19:22 Uhr

Nach dem Passivhaus kommt das Energie-Exporthaus  

VDI nachrichten, Pittsburgh, 16. 6. 06, rok – Im Haus der Zukunft hat mal wieder jemand das Licht angelassen. Dabei flutet genug davon durch die ausgedehnten Fensterfronten der „Klugen Büroetage“ (Intelligent Workplace) an der Carnegie Mellon Universität im US-amerikanischen Pittsburgh.

Energisch schreitet Volker Hartkopf zum Ausschalter. Schließlich soll das Gebäude ein Beispiel für besonders energiesparendes Bauen setzen. „Wir verbrauchen weniger als ein Viertel der Energie eines durchschnittlichen amerikanischen Büros“, sagt der Architekturprofessor.

Das ist wenig. Doch nichts gegenüber dem, was noch möglich ist, glaubt Hartkopf. Der Schöpfer der klugen Büroetage hat nun mit seinem Team die nächste Generation des Energiesparhauses entwickelt. Das „Gebäude als Kraftwerk“ (Building as a Powerplant) soll sogar einen Überschuss an Energie produzieren und benachbarte Häuser damit versorgen. „Das ist etwas ganz Neues“, betont der ursprünglich aus Deutschland stammende Forscher. Einen Vorgeschmack bietet die 650 m2 große und 4 Mio. Dollar teure Dachetage, die vor acht Jahren mit der Hilfe von Sponsoren aus der Industrie entstand. Ihr Bau ist eine wahre deutsch-amerikanische Erfolgsgeschichte: Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks haben dazu beigetragen. „Was Sie hier sehen, ist alles geschenkt“, sagt Hartkopf nicht ohne Stolz.

Auf den ersten Blick sieht die kluge Büroetage allerdings nicht unbedingt nach einer bevorstehenden Gebäuderevolution aus: Aufgepfropft auf ein vierstöckiges historisches Uni-Gebäude, gelangen Besucher aus aller Welt mit einem alten, quietschenden Fahrstuhl dorthin. Doch dann öffnet sich ihnen ein großzügiges, hypermodernes Penthouse. Einzelne Bürowürfel sind darüber verstreut es gibt viele Grünpflanzen, gewagt geschwungene Sessel sowie Tische – und überall Fenster. Die Professoren und Studenten blicken von hier über den grünen Uni-Campus und die Dächer von Pittsburgh, der Stadt mit den meisten Energiesparhäusern in ganz Amerika.

Die kluge Büroetage produziert selbst noch keine Energie. Hier wird vor allem Energie gespart. Doppelverglasung mit Edelgas-Füllung und eine mehrere Zentimeter dicke Dämmung im Dach tragen ihren Teil dazu bei. Oben vor den Fenstern sitzen Reihen von großen, verspiegelten Lamellen, die sich beliebig kippen lassen. „Wir schaufeln damit das Licht rein“, sagt Hartkopf. So lässt sich der Raum an einem dunklen Tag erhellen, an einem kalten aber sonnigen Wintertag erwärmen. „Wenn es draußen minus 15 oC sind, haben wir hier drinnen immer noch 8 oC“, so der Architekt. „Um das auf 20 oC zu bringen, brauchen wir doch keine Atomenergie.“ Dem umweltbewussten Deutschen ist wichtig, dass der Komfort stimmt. „Wir haben die besten Raumqualitäten: thermisch, klimatisch, akustisch und visuell“, sagt Hartkopf über die kluge Büroetage. Hier muss niemand frieren oder im Dämmerlicht arbeiten. Zugleich soll aber die Technik dem Menschen nichts diktieren. Zwar wird alles automatisch gesteuert, um optimale Energiesparwerte zu erreichen, doch gibt es auch Knöpfe, die per Hand betätigt werden können. So wie die Lichtschalter, die Hartkopfs Studenten gerne mal anmachen, auch wenn es gar nicht nötig ist.

Vom US-Energieministerium hat Hartkopfs Institut in den letzten Jahren mehrere Millionen Dollar für die Entwicklung des klugen Büros sowie des Energie-Plus-Hauses erhalten. In Peking wurde erst vor kurzem ein neunstöckiges, vom dortigen Wissenschaftsministerium gebautes Bürohaus eingeweiht, in dem auch einige von Hartkopfs Konzepten verwirklicht wurden. Und das ist nur eines von einem guten Dutzend Gebäuden weltweit, die die Signatur des Architekten aus Pittsburgh tragen.

Wie viel es letztlich kosten wird, die nächste Energiehausgeneration – das Energieexporthaus – zu bauen, darüber mag sich Hartkopf nicht gerne äußern. Genauso wenig darüber, wann sich die viele Technik durch die Energieeinsparungen amortisiert. „Wenn man die gesteigerte Produktivität der Mitarbeiter einbezieht, dann rechnet sich das schon nach sechs Monaten“, beschreibt er den Wert der angenehmen Arbeitsatmosphäre, die in der klugen Büroetage herrscht.

Allein auf den Willen der Politiker, seine Idee zu finanzieren, scheint sich Hartkopf nicht verlassen zu wollen. Deshalb wird er weiter in eigener Sache werben. Dass das Gebäude als Kraftwerk gebaut werden wird, da ist er sich sicher. Es soll als Vorbild dienen. Hartkopf: „Wir haben einfach nicht genug Energie, um den steigenden Bedarf weltweit zu decken. Wir müssen das für unsere Kinder tun.“

ELKE BINDER/KATHLEEN SPILOK

Angenehmes Büroklima rechnet sich sehr schnell

Von Elke Binder/Kathleen Spilok

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